9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2019 - Ideen

Jens Bisky beklagt in der SZ, jetzt online, den hysterisierten Zustand der Debatte, wofür er die Schuld allerdings vorwiegend bei jenen sieht, die linke Identitätspolitik kritisieren. In einem Punkt aber hat er sicher recht: "Besonders schwer hat es derzeit das Spielerische in Diskussionen, das Erproben von Argumenten. Deswegen herrscht auf den 'ideologischen Kriegsschauplätzen' viel Bitterkeit, während die Kunst der Polemik auf den Hund gekommen ist. Sie kann unter lauter Killermimosen schlecht gedeihen, verbindet Polemik doch Schärfe mit Genauigkeit."

Außerdem: In der NZZ denkt Michael Wolffsohn über die Gewaltenteilung in westlichen Demokratien nach. Hier behagt ihm die Rolle der Justiz nicht, wo die Richter Gott spielen, obwohl sie - weiß Gott - fehlbar sind
Stichwörter: Öffentlichkeit

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2019 - Ideen

Über Fake News muss man sich nicht aufregen, die sind "so alt wie die Menschheit", versichert Manuel Müller in der NZZ. Er empfiehlt heutige Medienprobleme durch die Brille von John Stuart Mill zu betrachten, der Meinungsfreiheit nur in den seltensten Fällen beschneiden wollte: "Noch heute besticht sein Argument in dieser Sache - und spätestens hier zeigt sich Mills Genie. Er verteidigt die Lüge, indem er ihre Nützlichkeit beweist. Die Wahrheit wächst an der Lüge. Sie gewinnt Kraft und Sicherheit aus der Verteidigung gegen inkorrekte, halbwahre oder grundfalsche Meinungen. Und mehr noch: Wenn sich die Wahrheit nicht länger an der Lüge bewähren muss, wenn sie stattdessen mit einem Tabu belegt wird, das nicht länger kritisiert oder angegriffen werden darf, dann wird sie träge, stolpert, fällt hin - und stirbt eines langsamen Todes. Niemand kann noch die Gründe und Erfahrungen nennen, die ihr zu allgemeiner Akzeptanz verhalfen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2019 - Ideen

Auch auf Deutschland greift das zensorische Verhalten der universitären Linken über, konstatiert Jürgen Kaube im Leitartikel auf Seite 1 der FAZ und diagnostiziert auf magisches Denken: "Englisch würde man vom 'No platform'-Argument sprechen. Was nicht gefällt, soll erst gar keine Bühne erhalten. Unterstellt werden Ansteckungsgefahr und das Abfärben von Reputation auf die missliebigen Gegner."
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Stichwörter: No Platform

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2019 - Ideen

Ilija Trojanow fordert in seiner taz-Kolumne eine Rückkehr der Utopien - wegen einer Umkehrung der Verhältnisse: "'Keine Generation darf künftigen Generationen zuliebe geopfert werden.' Die Lage hat sich völlig umgedreht. Durch den ökologischen Kahlschlag opfern wir zukünftige Generationen dem parasitären Wohlergehen der heute Gedeihenden. Wenn Popper der Utopie misstraute, weil sie im Interesse der Zukunft handele, so ist heute der herrschenden Alternativlosigkeit zu misstrauen, weil sie die Gegenwart auf Kosten der Zukunft privilegiert."

Heteros sind so was von out. Statt dessen sollte die deutsche Linke am queeren Wesen genesen, fordert die Journalistin Eva-Maria Tepest in der taz: "Das Einverständnis mit traditionellen Genderrollen zerbröckelt immer mehr, während das Versprechen der Heterosexualität immer weniger überzeugt. Denn mit Donald Trump, Jair Bolsonaro und Viktor Orbán verwirklichen alte weiße Männer ihre wahnhaften Vorstellungen von autoritärer Männlichkeit zum Leidwesen von Frauen, Queers, Armen und Schwarzen Personen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2019 - Ideen

Der niederländische Historiker Rutger Bregman glaubt noch an Utopien. Er setzt sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein und plädierte in Davos vor einem erlauchten Publikum für ein Ende der Steuervermeidung. Gehört wurde er dort, weil er, wie er im Interview mit der SZ erklärt, das Grundeinkommen als win-win-Situation beschrieb. Und er besteht darauf, dass die Zeit reif ist für sozialistische Ideen, Rechtspopulisten hin oder her: "Die Spaltung in den europäischen Gesellschaften wird übertrieben dargestellt. Nehmen wir die Niederlande: Es wird viel von dem Rechtspopulisten Geert Wilders geredet, wenn Wahlen sind. Aber er ist tatsächlich eine Randerscheinung. Wir konzentrieren uns zu sehr auf die Schreihälse am Rand und sehen dann nicht die anderen Dinge. Wenn man sich Umfragen aus den Niederlanden aus den Neunzigerjahren anschaut, finden heute viel weniger Leute, dass der Ausländeranteil zu hoch ist. Es ist ein alter Trick, über die Rechte von Transgender-Menschen zu reden statt über die wirklichen Probleme - ein Ablenkungsmanöver."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2019 - Ideen

Die westlichen Gesellschaften werden immer infantiler, behauptet der stark mit dem italienischen Aufklärungsphilosophen Giambattista Vico argumentierende, in Pessimismus versinkende Kulturphilosoph Robert P. Harrison im Interview mit der NZZ. "Unsere Situation in der entwickelten Welt scheint paradox. Einerseits haben wir Vicos Endstadium erreicht: Wir wissen um die Verbundenheit von Ich, Wir und Welt, wir haben verinnerlicht, dass alles, was auf dem Globus geschieht, auf komplexe Art und Weise miteinander verbunden ist. Was in Indien oder Afrika passiert, betrifft uns hier in den USA. Völlig klar. Wir haben ein Bewusstsein des ganzen Menschengeschlechts. Doch ist diese Identifikation zugleich sehr abstrakt und darum schwach. Wir haben den Bogen überspannt. Nicht mehr jede politische Maßnahme lässt sich im Namen der Globalisierung rechtfertigen, von der angeblich alle profitieren. So bewegen wir uns weg vom Ideal einer universalistischen, aufgeklärten, ökonomisch und kulturell verflochtenen Menschheit hin zu einer Interdependenz neuer Stammesgesellschaften.."

In der Welt plädiert der Schweizer Mediziner Gian Domenico Borasio dafür, Suizid nicht mehr als Selbstmord zu stigmatisieren und auch die Sterbehilfe vorurteilsfreier zu betrachten: "In einigen angelsächsischen Ländern wie zum Beispiel Kanada wird in diesem Zusammenhang von der 'medizinischen Hilfe im Sterben' (Medical Aid in Dying) gesprochen. Diese wird nicht als Alternative zur Palliativmedizin betrachtet, sondern als notwendige zusätzliche Hilfestellung in den wenigen, aber eben leider zweifelsfrei vorhandenen Fällen, in denen auch die beste Palliativmedizin Leiden - physisches wie existenzielles - nicht ausreichend lindern kann. Diese Extremsituationen am Lebensende vom Suizidbegriff zu trennen könnte helfen, einen auch sprachlich vorurteilsfreien Diskurs darüber zu führen, wie wir als Gesellschaft diesen leidenden Mitmenschen - die wir alle eines Tages sein könnten - am besten gerecht werden. Diesen Gedanken weiterzuverfolgen könnte sich für das Bundesverfassungsgericht und vielleicht irgendwann auch für den aufgeklärten Gesetzgeber durchaus lohnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2019 - Ideen

Nächste Woche steht in Toronto der große Philosophen-Fight an. In der rechten Ecke der Psychologie-Star Jordan Peterson, in der linken Slavoj Zizek. In der NZZ kocht René Scheu schon die Stimmung hoch. Zizek spielt mit und erklärt, warum Peterson die Feindbilder durcheinander gehen, warum er die totale Alternative zu diesem sei und was ihn aber auch als vernünftigen Marxisten von einem Linksliberalen unterscheidet: "Sie konzipieren den Menschen als fluides, flexibles Subjekt, das sich stets neu erfinden kann, ja muss, um sich vom Patriarchat zu befreien. Die Palette der Neuerfindungen reicht von der sexuellen Orientierung bis hin zur Karriere. Und die Linksliberalen verkaufen das als große Freiheit. So ein Bullshit. Was sie da herbeten, ohne es zu merken, ist - marxistisch gesprochen - geradezu der Kern der bourgeoisen Subjektivität. Und sie können das nur tun, weil sie selbst gut leben und zu den Privilegierten zählen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2019 - Ideen

Andreas Rödder, Autor des Essays "Konservatismus 21.0",  erklärt im Gespräch mit Michael Angele vom Freitag, wie ein heute moderner - religiös eher unmusikalischer, wie er zugibt - Konservatismus aussehen könnte, der vor allem in der hysterischen aktuellen Debatte eine Rolle spielen könnte: "So wie der liberale Konservatismus eines Hermann Lübbe auf die 68er reagiert hat, wäre es heute wichtig, eine liberal-konservative Gegenposition gegen die polarisierende Moralisierung rechts und links zu formulieren: gegen die Moralisierung des Eigenen aufseiten der politischen Rechten, wie sie sich in der AfD niederschlägt, und gegen die Moralisierung des Anderen durch eine Kultur des Regenbogens, deren Betreiben von Antidiskriminierung und Diversität, Gleichstellung und Inklusion Züge repressiver Toleranz gewonnen hat."

Der Merkur bringt Adam Toozes Laudatio auf den Essayisten Danilo Scholz, der jüngst den Heinrich Mann-Preis erhalten hat: "Der Ton in Danilos Essays ist nie schwerfällig, aber immer ernst. Die Einsätze sind hoch. Selbst in einer kleinen TV-Kritik geht es um die Qualität des öffentlichen Lebens, um die Literatur selbst. Und wie in einem Bürgerkrieg üblich, kann man nicht immer davon ausgehen, dass Gefangene genommen werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2019 - Ideen

Der Philosoph Rudolf Burger, ein Kritiker der Flüchtlingspolitik von 2015 in Deutschland und Österreich, hält im Gespräch mit Ronald Pohl vom Standard daran fest, dass Multikulturalität "ein Spiel mit dem Feuer ist. Dass der moderne, säkulare Flächenstaat als Neutralisierungsinstanz entstanden ist: in einer Periode, in der ununterbrochen konfessionelle Kriege getobt haben, in ganz Europa. Die Berufung auf irgendwelche transzendenten Wahrheiten hat die Sache nicht befriedet, im Gegenteil. Und deshalb halte ich die Botschaft von Lessings Ringparabel im Grunde für gefährlich. Der Muslim, der Christ und der Jude, und jeder der drei glaubt, sein Ring sei der richtige. Das ist genau das Problem, nicht die Lösung!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2019 - Ideen

In der FAZ geißelt der Soziologe Armin Nassehi "eine Wiederkehr des Reaktionären auf allen Seiten". Früher sei der Konflikt zwischen Linken oder Liberalen auf der einen Seite und ihren Gegnern vielleicht einer gewesen zwischen jenen, die Menschen danach beurteilten, "was sie sagen, oder danach, was sie sind". Doch das bilde die heutige Situation nicht mehr ab: "Wir haben es, auf allen Seiten, immer stärker mit Äußerungen zu tun, wer man sei." Und Nassehi benennt die konfliktuelle Komplizenschaft zwischen rechten und linken Identitätsdiskursen: "In diesem Kulturkampf kann es weder Sieger noch einen Ausweg geben, weil sich die Identitäten gegenseitig bestätigen, ja voneinander leben."