9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2026 - Ideen

Der Soziologe Stephan Lessenich, Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, und Sven Reichardt, Professor für Zeitgeschichte, widersprechen in der SZ Jan Philipp Reemtsma, der kürzlich in der FAZ meinte, die Verwendung des Faschismus-Begriffs sei mehr selbstvergewissernde Pose als ein tatsächliches Instrument zur Analyse der politischen Situation (unser Resümee): "Was, wenn Verrohung, Entmenschlichung und Gewaltbereitschaft nicht erst mit dem Auftritt der Faschisten beginnen, sondern sich aus tieferliegenden gesellschaftlichen Quellen speisen?" Der Begriff des "Populismus" werde der Dramatik heutiger Entwicklung nicht gerecht. Ein Blick in die Geschichte der Faschismus-Forschung zeige, dass viele Ansätze heute noch Gültigkeit hätten: "Spätestens in den 1930er-Jahren setzte dann eine reiche Debatte unter kommunistischen, sozialdemokratischen und liberalen bis hin zu konservativen Denkern ein, die bis heute nachwirkt. Ihre erste Hochphase kulminierte in originellen Überlegungen zur 'Verselbständigung der Exekutive' im Faschismus, die dann bei Ernst Fraenkel zum 'Doppelstaat' weiterentwickelt wurden - Erklärungen, die auch noch für die Ausrufung des permanenten Ausnahmezustands unter Trump und die feindliche Übernahme des Staatsapparats durch Tech-Monopolisten und deren KI-Produkte erhellend sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2026 - Ideen

Die SZ druckt die Rede des Historikers Norbert Frei, die dieser bei der Gedenkstunde in der Paulskirche zu Ehren Jürgen Habermas' hielt. Frei zeichnet dessen Weg nach, von seiner frühen Kritik an Heidegger bis zur Gegenwart: "Dass die deutsche Politik nach der ersten Wahl von Trump und angesichts der geopolitischen Verwerfungen der vergangenen Dekade das Projekt Europa geradezu verkümmern ließ, empörte ihn. Doch sich dieser neuen 'neuen Unübersichtlichkeit' zu ergeben, kam für ihn nicht infrage, nach dem russischen Überfall auf die Ukraine so wenig wie nach dem Massaker der Hamas in Israel vor zweieinhalb Jahren. Ihm war bewusst, wie sehr er mit seinen Stellungnahmen zum Ukraine-, aber auch zum Gaza-Krieg auf Widerspruch bis hin zur Verleumdung stoßen würde, übrigens gerade auch in Teilen der amerikanischen Linken. Er ließ sich davon nicht beirren." Die "Unabschließbarkeit der Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit war Jürgen Habermas ein Lebensthema, das er normativ mit dem Telos eines humanen Universalismus verknüpfte. Er hat dazu beigetragen, dass nach 1945 'etwas besser' wurde in diesem Land. Jetzt müssen wir es ohne ihn besser machen."

In der FR resümiert Michael Hesse die Gedenkveranstaltung: "Habermas habe Frankfurt als Ort der Kritischen Theorie Adornos, der politischen Wachheit und der liberalen Öffentlichkeit geschätzt, ließ Universitätspräsident Enrico Schleiff wissen. Er erinnerte an die beiden Paulskirchen-Reden des Denkers von 1980 bei der Verleihung des Adorno-Preises und 2001, als er den Friedenspreis erhielt. 1980 habe Habermas über das 'unvollendete Projekt der Moderne' gesprochen, ein Gedanke, der ihn nicht mehr losgelassen habe. Schleiff mahnte im Geiste von Habermas an, Demokratie brauche freie Wissenschaft, faktenbasierten Diskurs und eine kreative intellektuelle Arbeit. Budgetkürzungen seien hierfür aber das falsche Signal, sagte er unter dem spontanen Applaus der fast voll besetzten Paulskirche." In der Welt schreibt Marc Reichwein zur Veranstaltung.

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Das philosophische "Schnabeltier der Gegenwart" trifft Jakob Hayner für die Welt, nämlich den japanischen Philosophen Kohei Saito, einen Bestseller-Autor, der sich selbst als "Marxist" versteht. Geht das überhaupt? Hayner beschäftigt sich mit Saitos Idee vom "dunklen Sozialismus", die er in seinem neuen Buch vertritt: "Der freie Markt sei längst durch den Rentenkapitalismus beseitigt. Und die Tech-Monopole wenden Tools der Planwirtschaft an. Das könne man auch für die Demokratisierung von Staat und Wirtschaft nutzen, so Saito. Auf der Suche nach Best-Practice-Beispielen ist der Philosoph im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts gelandet. Saito beschwört das 'Rote Wien' und den 'Wiener Kreis' mit seiner lebhaften Debatte über sozialistische Wirtschaftsrechnung zwischen späteren Neoliberalen wie Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek und Austromarxisten wie Otto Neurath. Ist Wien nicht nur der Ort, wo der Weltuntergang zehn Jahre später kommt, wie Karl Kraus einst sagte, sondern wo man sich auch für die kommende Apokalypse rüsten kann?"

Weiteres: In der NZZ liest sich die Philosophin Ursula Renz durch Hannah Arendts "Denktagebuch" und lernt, wie man mit erlittenem Unrecht umgehen kann.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2026 - Ideen

Direkt nach dem Tod Habermas' hatte es theologische Streitigkeiten über das Erbe des Propheten gegeben. Die Frage war, wie und in welcher Weise die künftigen Habermas-Kapellen, etwa möglicherweise in seiner Villa am Starnberger See, ausgestaltet werden sollen. Der Streit unter den Jüngern (fast nur Männer) wurde nach seinem Tod in den Feuilletons ausgetragen, es ging um die Frage, ob Habermas noch richtig Frankfurter Schule war oder die Kritische Theorie nicht möglicherweise verwässert hatte. Heute  findet die mit Sehnsucht erwartete Habermas-Gedenkstunde in der Paulskirche statt, bei der Bundespräsident Steinmeier reden wird. Außerdem organisiert das Forschungszentrum "Normative Ordnungen" der Goethe-Universität ein Symposion, wo die Lehren aus Habermas festgeklopft werden sollen - hier hatte es im Vorfeld viele Spekulationen gegeben, wer reden darf und wenn wann und warum nicht. Heute bringen die Süddeutsche und die FR Gespräche mit den Organisatoren.

Für die SZ interviewt Jens-Christian Rabe Rainer Forst, Direktor des Forschungszentrums "Normative Ordnungen", und Axel Honneth: "Er hat unser Denken über die Vernunft entmonologisiert und sozialisiert, zu einer Sache des Gesprächs gemacht", sagt Forst. "So zu denken, dass die Vernunft nicht eine rein subjektive oder eine rein objektive Größe ist, sondern ein intersubjektives Vermögen: kommunikative Vernunft eben." Und Honneth hält fest, dass Habermas "versucht hat nachzuweisen, dass die gesellschaftliche Evolution, die Geschichte nicht nur von der Entwicklung der ökonomischen Produktivkräfte geprägt wird, sondern mindestens so stark von den Prinzipien des kommunikativen Handelns und damit von der Evolution der Moral als dem Ort, an dem sich eine Gesellschaft über ihre Werte, Normen und Regeln verständigt." In der FR hatte Michael Hesse ebenfalls die Idee, Rainer Forst zu interviewen. Habermas lehrte, hält Forst auch hier fest, dass "die Vernunft nicht primär als eine subjektive beziehungsweise objektive Größe des Denkens zu begreifen, sondern als Verfahren der Verständigung unter Freien und Gleichen, die sich an Regeln des Argumentierens halten".

Bei Twitter kursiert der Ausschnitt einer Rede, die die auch in Deutschland sehr erfolgreiche Autorin Sally Rooney vor einigen Tagen in Dublin gehalten hat - natürlich gegen Israel (mehr in der Irish Times). Rooney spricht eine Kriminalisierung "propalästinensischer" Proteste auch in Deutschland an und erklärt, warum sie Israel neben den USA für den Inbegriff einer kolonisierenden Macht hält, das andere, auch gemäßigte Länder, zu einem ähnlich brutalen Verhalten verführe. Deshalb, so kulminiert der Redeausschnitt, glaube sie, dass "die Befreiung Palästinas zugleich die Befreiung der Welt bedeutet".

Diese eigenartige Israel-Fixierung großer Teile einer sich als links lesenden Öffentlichkeit analysiert der israelische Religionswissenschaftler Tomer Persico in einem längeren Tweet. "Beseitige Israel, und du rettest die ganze Welt. Es geht weit über Rooney hinaus. In den letzten Jahren haben Künstler, Aktivisten und Wissenschaftler immer wieder Varianten derselben Behauptung vorgebracht: Israel als Erzfeind der Menschheit, dessen Verschwinden irgendwie alle Probleme lösen würde... Israel ist zu einem westlichen Totem geworden, das die gesammelten Sünden der gesamten westlichen Geschichte verkörpert. In einer unglaublichen historischen Ironie sind die Juden heute kein orientalisches, semitisches Paria-Volk, keine entartete, untermenschliche Rasse mehr, sondern die reinste Verkörperung des Westens und die abscheulichsten Vorreiter weißer Vorherrschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2026 - Ideen

Buch in der Debatte

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Der Aktivist Arne Semsrott, Gründer der Initiative "fragdenstaat.de" wäre neulich fast auf Druck der AfD in Magdeburg an der Lesung aus seinem neuen Buch gehindert worden - aber dann hat's doch noch geklappt, und er durfte sogar mit der Oberbürgermeisterin plaudern. Semsrott fordert die Öffentlichkeit auf, sich von der Fixierung auf die AfD zu lösen, "um wieder in die Offensive zu kommen. Nicht nur gegen die, sondern für etwas." Sein Rezept: die "Zivilgesellschaft". Im Gespräch mit Gareth Joswig von der taz erläutert er: "Zivilgesellschaft ist der Raum, wo abseits der Parteipolitik politische Auseinandersetzung stattfindet. Wenn wir uns das letzte Jahrzehnt anschauen, ist in Deutschland die Zivilgesellschaft so aktiv wie nie gewesen: Wir hatten mit dem Sommer der Migration 2015 eine riesige Bürgerrechtsbewegung, wir hatten 'Unteilbar', 'Fridays for Future', antirassistische Proteste und 2024 die größten Proteste überhaupt, auch die vielen CSDs zähle ich dazu. Aber natürlich sind auch Teile der Zivilgesellschaft von rechts mobilisiert und ebenso gibt es Versuche von Rechtsextremen, in den vorpolitischen Raum vorzudringen."


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"Es war nie wichtiger als heute, am Ideal der Gleichheit festzuhalten", auch wenn dieses weit weg erscheinen mag, betont die Philosphin Elizabeth Anderson im Zeit-Online-Interview mit Blick auf den baldigen 250. Geburtstag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Die Demokratie kann nur gerettet werden, wenn Arbeit "demokratisiert" wird, so Anderson: "Ich halte etwa die Unternehmerin Hilary Cottam für eine wirklich visionäre Denkerin. Sie forscht heute zu Sozialarbeitern, die direkt mit Bürgern in wirtschaftlich zerstörten Regionen zusammenarbeiten, in denen Arbeitsplätze durch Deindustrialisierung verschwunden sind. Cottam stellte fest, dass viele dieser Sozialarbeiter desillusioniert sind, weil sie zwar alle bürokratischen Anforderungen erfüllen, aber zugleich sehen, dass sie den bedürftigen Menschen damit doch nicht helfen. Cottam brachte interdisziplinäre Teams zusammen, die von bürokratischen Vorgaben entlastet wurden (...) Gemeinsam mit den Betroffenen überwinden sie deren prekäre Lebenslage, indem sie nach lokalen Spielräumen für Beschäftigung suchen und sie schaffen. So beginnen Menschen wieder, ihr Leben selbst zu gestalten, so entsteht ein Gefühl von Handlungsmacht."

Außerdem: In der taz setzt die Philosophin Petra Gehring die Serie zu Michel Foucaults hundertstem Geburtstag fort und fragt nach seinen Beiträgen zur Queer-Forschung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.06.2026 - Ideen

Fasziniert blickt Wirtschaftssoziologe Jens Beckert in der FAZ auf die größten Börsengänge aller Zeiten. Joker Elon Musk möchte sein Unternehmen SpaceX auf einen Wert von 1,75 Billionen Dollar bringen. Kaum kleiner sind die Börsengänge der KI-Unternehmen Anthropic und Open AI. Für die Innovationskraft des Kapitalismus sucht Beckert allerdings andere Erklärungen als Adam Smith, Max Weber oder Karl Marx. Für ihn ist es "die menschliche Fähigkeit, sich eine Welt vorzustellen, die ganz anders ist als die gerade erlebte" ausschlaggebend. Und er bemüht mit dem Literaturwissenschaftler Wolfgang Iser die Vokabel von der "Fiktionsfähigkeit des Menschen". SpaceX erzähle "eine Geschichte, in der sich die 'frontier' der kapitalistischen Entwicklung vom amerikanischen Westen ins Weltall und schließlich auf andere Planeten verschieben wird. Auch die Ankündigungen der KI-Unternehmen Open AI und Anthropic im Vorfeld ihrer für den Herbst erwarteten Börsengänge spielen mit Erwartungen einer durch Künstliche Intelligenz aus den Angeln gehobenen Welt. Dazu gehören Erzählungen fundamentaler Produktivitätszuwächse ebenso wie Dystopien einer möglichen Zerstörung menschlicher Zivilisation und Warnungen vor den Gefahren, sollte die Technologie in die falschen Hände geraten."

Apropos Börsenwert. Da passt doch noch eine Statistik, die Florian Seliger und Ida Götz für die NZZ zusammengetragen haben: "Mit einem Börsenwert von 5 Billionen Dollar ist der Chipentwickler Nvidia die wertvollste Firma der Welt vor Apple und Google. Das größte europäische Unternehmen, die niederländische ASML, bringt mit 674 Milliarden Dollar weniger als ein Siebtel davon auf die Waage. ASML baut Maschinen für die Chipherstellung und ist damit wie Nvidia ein wichtiger Bestandteil der KI-Lieferkette. Der Schweizer Spitzenreiter ist derzeit der Pharmariese Roche mit 328 Milliarden Dollar an Gewicht, in Deutschland ist es der Industriekonzern Siemens mit 236 Milliarden Dollar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2026 - Ideen

Die Autorin und Soziologin Eva Illouz bei der Vorstellung ihres Buches "Explosive Moderne" im Münchner Literaturhaus. Foto: Amrei-Marie unter CC-Lizenz. Aus Wikimedia Commons.
Der Perlentaucher bringt eine Intervention Eva Illouz', die sie bei einem Webinar über den "Bruch in der französischen Linken" gehalten hat. Die republikanische Linke in Frankreich ist einst im Zeichen der Dreyfus-Affäre als ein anti-antisemitisches Lager entstanden. Ein bedeutender Teil der Linken hat sich nach Illouz vom "Anti-Antisemitismus" abgewandt, der gerade in Frankreich im Zeichen der Dreyfus-Affäre identitätsbildend gewesen war. Der "Antizionismus" bewirke "eine Neuausrichtung der politischen Inhalte und Positionen sowie eine Annäherung an den Faschismus. Ich wähle meine Worte mit Bedacht. Es gibt ein rot-braunes Phänomen, eine rot-braune Konvergenz, die Pierre-André Taguieff sehr gut analysiert hat und deren Tragweite man voll und ganz erfassen muss. Der radikale Antizionismus ist der Punkt, an dem sich das Hufeisen schließt, an dem das imperialistische Vokabular der Linken auf die Verschwörungstheorien der extremen Rechten trifft."

Fast ergänzend liest sich eine Kolumne Kamel Daouds in Le Point, der nochmal über den Auftritt der Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux vor einer Wahlversammlung der Mélenchonisten nachdenkt - jener Linken also, die ihren "Antizionismus" benutzt, um eine Annäherung an den Islamismus und den mit  ihm sympathisierenden Gruppen in Frankreich zu suchen. Ernaux trat im Palästinensertuch auf. "Ernaux ist schön in ihrer Hoffnung und enttäuschend in ihrer Blindheit. Sie prangert die 'männliche Ideologie' vor einer Wählerschaft an, die sich weitgehend aus der Ablehnung des schützenden Laizismus speist, sie pflegt einen Feminismus, der in importierte Exotismen zerfällt. Zwischen dem 'J'accuse' und dem 'Stimmt für...' ist der Weg manchmal kurz, und der Sprung gefährlich."

In der NZZ erinnert Jean-Martin Büttner an den Soziologen Jean Ziegler, der im Alter von 92 Jahren gestorben ist. "Er hatte die Hungerkatastrophen der afrikanischen und südamerikanischen Länder vor Ort erlebt und für die UNO Berichte geschrieben über Niger, Brasilien, Bangladesh, Palästina, Bolivien und viele andere. (...) Er mochte Genf als seinen Austragungsort gewählt haben, war aber sein Leben lang unterwegs gewesen - egozentrisch und doch empathisch. Jean Ziegler mag sich übermäßig inszeniert haben. Aber ein Zyniker war er nicht. Das Elend machte ihn fassungslos. Sein Leben lang." Über Ziegler als Mitorganisator des "Gaddafi-Menschenrechtspreises" (der unter anderem an den Holocaustleugner Roger Garaudy vergeben wurde) und Lobbyisten des libyschen Diktators hat der Perlentaucher im Jahr 2011 berichtet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2026 - Ideen

Auf den Bücher-und-Themen-Seiten der FAZ zeichnet Daniel Damler die Genese der Idee vom "geistigen Eigentum" nach, das erstmals durch den Frühaufklärer Nicolaus Hieronymus Gundling formuliert wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2026 - Ideen

Auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ greift Georg Imdahl einen in der London Review of Books erschienenen Artikel von Eyal Weizman, Gründer von Forensic Architecture auf, in dem dieser unter der Unterschrift "Gaza -Techniken des Genozids" (hier die deutsche Übersetzung in Le Monde diplomatique) argumentiert, dass die Zerstörung von Architektur und Infrastruktur auch als Völkermord bezeichnet werden können: "Dabei beruft er sich auf den polnisch-jüdischen Juristen Raphael Lemkin, der 1944 den Tatbestand des Völkermords definiert hatte und damit die UN-Konvention von 1948 prägte. Lemkin habe auch einen 'kulturellen Genozid' als Tatbestand vorgesehen, schreibt Weizman, was aber am Widerstand von Staaten wie Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich und Belgien gescheitert sei, 'die damals antikoloniale Aufstände niederzuschlagen suchten'; auch die Vereinigten Staaten, Kanada und Australien hätten sich widersetzt. Wohl aber ging in die Konvention der Passus 'vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen' ein, die geeignet seien, die betreffende Gruppe körperlich ganz oder teilweise zu zerstören, wie es in Abschnitt II c) heißt." Empathie mit den Opfern auf israelischer Seite kommt in dem Artikel nicht vor, so Imdahl, der auch an die "Verheerungen der seelischen Architekur" erinnert. 

Weitere Artikel: Auf den Forschung-und-Lehre-Seiten der FAZ wird ein Auszug aus der Festrede publiziert, die Konrad Paul Liessmann anlässlich der Verleihung des Preises für Wissenschaftsfreiheit an Alexander Bogner am 12. Mai 2026 in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gehalten hat und in der der österreichische Essayist sich für eine strikte Trennung von Wissenschaft und Politik stark macht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2026 - Ideen

Im Zeit Online-Interview mit Elisabeth von Thadden überlegt der Philosoph Hannes Kuch, wie man den Mittelstand aus der Krise führen könnte, auch mit Blick darauf, dass viele Unternehmenseigentümer bald in den Ruhestand gehen. Belegschaften könnten die eigenen Unternehmen durch Kredite kaufen und durch die Gewinne des Unternehmens dann selber abstottern. Die Belegschaft hält hundert Prozent an dem Unternehmen und muss keinen Eigentümer fürchten. "In den USA ist Belegschaftseigentum seit den 1970er-Jahren gesetzlich verankert. Dort gibt es heute mehr als 6000 private Unternehmen mit 15 Millionen Beschäftigten, die zu Miteigentümern wurden. Ausgerechnet Ronald Reagan, der Wegbereiter des Neoliberalismus, hat das Modell in den 1980er-Jahren seiner Präsidentschaft befürwortet, weil es den amerikanischen Eigentumsspirit beflügelt. (...) In Dänemark geht es nicht zuletzt darum, übrigens wie auch in Slowenien, regionales Eigentum vor ausländischen Investoren zu schützen. Es sind interessante Allianzen aus Liberalismus, konservativen Ideen und Sozialismus, die sich um diese Idee des Belegschaftseigentums herum finden lassen. Auch das macht seine Stärke aus."

In der FR erinnert Arno Widmann anlässlich des 100. Geburtstags von Raul Hilberg, wie schwierig es für diesen war, einen Verleger für sein Monumentalwerk "Die Vernichtung der europäischen Juden" zu gewinnen. Dlf Kultur veröffentlicht zu Hilbergs Veröffentlichtungs-Odysse ein 160 Minuten langes Stück. In der FAZ resümiert Helene Röhnsch eine Tagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Halberstadt zum Thema "Freundschaft in Zeiten des Streits".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2026 - Ideen

"Ein Universalismus, der jüdische Menschen ausschließt, ist keiner", ruft Klaus Lederer, ehemaliger Bürgermeister und Kultursenator von Berlin im Gespräch mit Elisa Mercer von menawatch der Linken zu, aus der er 2024 austrat. Grund dafür war der zunehmende Antisemitismus in der Partei: "Der Berliner Landesparteitag im Herbst 2024 und der Hallenser Bundesparteitag wenige Tage später haben leider gezeigt, wie weit entscheidende Teile der Partei verblendeten Sekten entgegenzukommen bereit sind. Die Linke ist drauf und dran, zu einem aktivistischen Identitätsprojekt zu verkommen, das sich selbst genügt. Der Nahostkonflikt, eigentlich ein außenpolitisches Thema neben vielen anderen, erfüllt in diesem Zusammenhang die Funktion eines zentralen Identitätsmarkers. 'Richtig' links ist aus dieser Perspektive nur, wer die dahinterstehende identitäre und autoritäre Welterklärung teilt. Antisemitismus wird so für immer mehr Menschen hier ein Teil des nicht weiter für begründungsbedürftig gehaltenen 'kulturellen Gepäcks' ihres linken Selbstverständnisses."

Weitere Artikel: In der FAZ schreibt Joseph Hanimann den Nachruf auf den im Alter von 104 Jahren verstorbenen französischen Soziologen Edgar Morin, in der SZ schreibt Nils Minkmar. Auf den "Ereignisse und Gestalten"-Seiten der FAZ erinnert der Historiker Rene Schlott an Raul Hilbergs 1961 erschienene Studie über den Holocaust, die erst 1982 ins Deutsche übersetzt wurde.