9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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1214 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 122

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2020 - Ideen

Auch Karl Marx hat sich beim Thema Sklaverei keine Meriten erworben, legt die Berliner Kulturwissenschaftlerin Iris Därmann, Autorin des Buchs "Undienlichkeit - Gewaltgeschichte und politische Philosophie", im Gespräch mit Ambros Waibel von der taz dar: Marx sei zwar gut informiert gewesen, aber fand "offensichtlich, dass die Versklavten in den Südstaaten gegenüber den weißen LohnarbeiterInnen in ihrem Kampf um den Achtstunden-Tag zu viel Aufmerksamkeit erhalten. Im 'Kapital' entwickelt er daher Lektüreverfahren, um die Aufmerksamkeitsökonomie zu verschieben. Wenn er zeitgenössische Literatur zur Plantagenökonomie zitiert, fordert er seine LeserInnen auf: 'Lies statt Sklavenhandel Arbeitsmarkt', ersetze 'Sklave auf der Plantage' durch 'weißer Lohnarbeiter' in englischer Fabrik. Er hat das Leid der SklavInnen durch das Leid der ArbeiterInnen überschrieben. Maßgeblich war für Marx der Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Davon versprach er sich eine 'totale Revolution', die die gesamte Menschheit befreien werde, während die SklavInnen durch Flucht und Aufstände nur sich selbst befreien würden."


Außerdem: In der FAZ fordert der Philosoph Otfried Höffe in einem Text, der zur philosophiehistorischen Abhandlung gerät, eine neue Ethik des Verzichts.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2020 - Ideen

Zeit seines Lebens habe sich Friedrich Engels damit begnügt, im Gespann mit Karl Marx die zweite Geige zu spielen. Diese Bescheidenheit legt SZ-Autor Jens Bisky dem Fabrikantensohn und Begründer des "wissenschaftlichen Sozialismus" zum zweihundertsten Geburtstag ebenso positiv aus wie seine Lebensnähe: "Wer revolutionäre Energien in sich fühlt oder die Welt verändern will, findet viele Vorbilder in der Boheme oder unter Asketen. Engels aber bot eines der wenigen Beispiele für eine bürgerlich erfolgreiche, den Genüssen zugetane, nicht nur von Brotberufsfron, sondern von Lektüre, Schreiben, wissenschaftlicher Neugier ausgefüllte Existenz. Er war auch ein Château-Margaux-und-Champagner-Revolutionär. Warum denn nicht? Liest man Erinnerungen an ihn, stößt man immer wieder auf mal begeisterte, mal ungläubige Schilderungen seiner Wirklichkeitszugewandtheit, seiner Lebens- und Arbeitsenergie, seines völlig unverbitterten Temperaments, seiner Lust am Leben."

Ob sich der Philosoph Marx auch ohne den Reporter Engels mit der Ökonomie beschäftigt hätte? In der taz würdigt Ulrike Herrmann Engels als großen Rechercheur, dem die Welt nicht zuletzt "eine der besten soziologischen Studien" des 19. Jahrhunderts zu verdanken habe: "Die Lage der arbeitenden Klasse in England". "Engels wandte darin erstmals einen Trick an, den Marx später im 'Kapital' übernehmen sollte: Er zitierte vor allem den ideologischen Gegner, also die Liberalen. Wenn selbst die Bourgeoisie zugeben musste, dass die Arbeiter in entwürdigenden Umständen lebten, dann war dies wirkungsvoller als jede Anklage aus der Feder eines Sozialisten. Oft reichte es schon, die amtlichen Gesundheitsstatistiken heranzuziehen, um die Verelendung zu dokumentieren: 'In Liverpool war 1840 die durchschnittliche Lebensdauer der höheren Klassen (gentry, professional men etc.) 35, der Geschäftsleute und bessergestellten Handwerker 22 Jahre, der Arbeiter, Tagelöhner und der dienenden Klasse überhaupt nur 15 Jahre.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2020 - Ideen

Wie stets mäandernd und ohne jeden Bezug auf politische Aussagen antwortet (oder eben doch nicht) Alexander Kluge in einem Brief in der FAZ auf Giorgio Agambens Corona-Texte (Agamben sieht in der Krise vor allem einen Vorwand zur Erklärung des "Ausnahmezustands", unsere Resümees). Eigentlich ist Kluge vor allem von den Viren entzückt: "Merkwürdig, dass ein Wesen aus totem Material (die Viren haben platonische Körper wie die Kristalle) und lebendiger Funktion in den Millionen Jahren seiner Vorzeit nie seine robuste Kleinheit wesentlich verändert hat. Viren sind nie Elefanten geworden. Sie haben nie Ehrgeiz gezeigt. Sie sind wie der Warenfetisch fast unsichtbar und omnipotent. Darin liegt Macht."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2020 - Ideen

Der Philosoph Omri Boehm veröffentlicht in der Zeit ein fulminantes Plädoyer für Immanuel Kant: "Kant bestand darauf, dass Menschheit nur ein moralischer Begriff sein kann, und behandelte ihn als eine Idee, die nur auf einer Eigenschaft beruht: der Freiheit." Die Lust, das Denkmal Kants zu stürzen - unter Rückgriff auf einige tatsächlich geäußerte rassistische Sätze - ist für Boehm ein Beweis, dass die vielfach bestrittene "Cancel Culture" tatsächlich existiert: "In unserer gegenwärtigen Diskursatmosphäre besteht der Zweck solcher entlarvenden Zitate freilich nicht mehr in dem Vorwurf, Kant sei seinen eigenen Idealen nicht gerecht geworden. Es geht vielmehr darum, seine Defizite zu nutzen, um die Ideale selbst zu delegitimieren. Der Vorwurf lautet also nicht, dass der Mensch Kant ein Rassist war, sondern dass sein Universalismus in Wirklichkeit eine rassistische Ideologie für privilegierte weiße Männer ist." Als tonangebenden Autor in dieser antikantianischen Strömung nennt Boehm übrigens den in Deutschland noch nicht wahrgenommenen, in New York lehrenden karibischen Philosophen Charles Mills (mehr hier).

Welt-Autor Thomas Schmid hatte neulich in einem Blogbeitrag, angeregt von einer Äußerung Peter Sloterdijks, ein Gedankenexeriment vorgeschlagen. Wie wäre es, islamistische Terrorattentate "zu beschweigen", den Tätern nicht den Gefallen einer reflexhaften und  sensationslüsternen Reaktion zu tun: "Vierzig Tage Schweigen dagegen vielleicht helfen, die Dinge zu sortieren. Es wäre dann klar, dass der Terrorismus mit islamistischer Begründung vorerst bleiben wird. Es würde ebenso klar, dass noch die monströseste Tat die liberalen Demokratien nicht aus dem Tritt bringen und die Bürgerinnen und Bürger daran hindern kann, genau so weiterzuleben, wie das bisher taten." Über diesen Vorschlag ist auf Facebook viel diskutiert worden. Perlentaucher Thierry Chervel wandte ein: "Über die Taten zu schweigen, hieße auch, über die Opfer zu schweigen. Das wäre ein doppeltes Attentat, man überließe sie einfach dem Vergessen."

Auf diesen und andere Einwände antwortet Schmid in einem neuen Blogbeitrag: "Mich jedenfalls stoßen die medialen Terrorfestspiele ab, die verlässlich nach jedem Anschlag einsetzen und die Gesellschaft in einen seltsamen, keineswegs nachhaltigen Erregungszustand versetzen. Ich habe den Eindruck, wir spielen da das Spiel der Terroristen mit. Nicht zuletzt machen wir sie zu Größen, zu Stars."

Richard Herzinger erklärt in seinem Blog, was er als "Mabuse-Prinzip" heutiger Autokratien begreift. Wie in Fritz Langs "Dr. Mabuse" handelt es sich um ein System des Verbrechens, das über ihre Urheber hinausreicht und sogar auf jene übergreift, die eigentlich da wären, es zu bekämpfen, also die staatlichen Institutionen wie in der Symbiose von Mafia und Staat unter Putin. Von Ideologie sind  diese Autokraten weitgehend frei: "Bei der Herausbildung kleptokratischer Autokratien spielt es längst kaum mehr eine Rolle, ob sie sich dabei ein 'linkes', 'rechtes' oder anders gefärbtes ideologisches Mäntelchen umhängen. Ob in Maduros Venezuela, in Ortegas Nicaragua, in Lukaschenkos Belarus, in Dutertes Philippinen oder in Kim Jong-uns Nordkorea - der Zweck der Bemächtigung staatlicher Gewalt durch autokratische Anführer ist die Ausplünderung der Ressourcen ihrer Länder zu ihrer persönlichen Bereicherung, an der sie die ihnen ergebenen Günstlinge im Staats-, Justiz-, und Repressionsapparat teilhaben lassen."

Außerdem: In der FAZ schreibt der Althistoriker Stefan Rebenich über den "inversen Rassismus", der sich in den USA in der Society for Classical Studies (SCS) ausgebreitet habe, wo der Altphilologe Dan-el Padilla Peralta den Ausschluss weißer Autoren aus wissenschaftlichen Zeitschriften fordere.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2020 - Ideen

Der Liberalismus, will er für die Massen attraktiv bleiben, "muss weg vom Egoismus und hin zu einem auf Persönlichkeitsentwicklung basierenden umfassenden Verständnis von Freiheit", fordert der Volkswirtschaftler Martin Kolmar in der NZZ und plädiert für einen Freiheitsbegriff , der sich Anleihen beim Buddhismus sucht. Dort nämlich gelte: "Unfrei ist man, weil man die Konstruiertheit der Wahrnehmung, die Strukturierung der Welt durch Sprache nicht erkennt und stattdessen blind lebt und handelt, als sei sie die Wirklichkeit. Daraus entsteht Leid. Erst ein so radikal gedachter Liberalismus offenbart das Potenzial dieser Weltsicht sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft. Das hinterfragte Leben schafft eine Freiheit, die so viel mehr ist als bloße Abwesenheit von äußerem Zwang. Sie schafft Spielräume für Kooperation, Solidarität und Mitgefühl, weil sie versteht, dass die Konflikte und Egoismen des Alltags Teil einer Illusion sind. Stellvertretend sei hier Aristoteles genannt, der in der Gerechtigkeit die erste Tugend sah, ohne die ein gutes Leben nicht möglich ist."

In einem ganzseitigen Interview mit der Welt sucht der Philosoph Lars Distelhorst nach Gründen für das schwindende Vertrauen in unserer Gesellschaft. Seiner Ansicht nach ist dafür hauptsächlich die Ökonomie verantwortlich, deren Denken sich heute über jeden gesellschaftlichen Bereich lege: "Ich denke, wir haben es gegenwärtig mit einer Leere zu tun, die daher rührt, dass sich unser Arbeiten und Leben von übergeordneten Sinnzusammenhängen entkoppelt hat. Es gibt keine Ideen mehr, für die wir kämpfen und sterben würden. ... Alain Ehrenberg hat einmal gesagt: Die Neurose kreist um Schuld, aber Depression ist anders. Sie bedarf keiner Übertretung einer Norm. Stattdessen schämen sich die Menschen, weil sie täglich an den gesellschaftlichen Idealvorstellungen scheitern, und fühlen sich deswegen innerlich leer. Eine Gesellschaft ohne Thema tendiert zur Müdigkeit, Stagnation, Kraftlosigkeit."

Klaus Heinrich ist gestorben, einer jener Peripatetiker und Philosophen ohne (oder mit wenig) Werk, die die Freie Universität Berlin so charakterisierten. Jürgen Kaube schreibt in der FAZ: "Seine Wirkung entfaltete er dabei zunächst ganz durch den mündlichen Vortrag und das Seminargespräch. Wer seine Vorlesungen besuchte, folgte einem an keine Schule und keine disziplinäre Grenze gebundenen Gedankengang, der die Aufmerksamkeit des Publikums mehr als nur durch sein immenses Wissen band." Weitere Nachrufe auf Heinrich von Harry Nutt in der Berliner Zeitung und Caroline Neubaur im Tagesspiegel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2020 - Ideen

In der SZ hat Gustav Seibt die Nase voll von Querdenkern, die sich für Sophie Scholl halten oder für sich das Widerstandsrecht in Anspruch nehmen, das Jürgen Habermas 1984 gegen den Nato-Doppelbeschluss rechtfertigt hat. Der nämlich "knüpfte die Legitimität eines zivilen - idealerweise auch zivilisierten - Ungehorsams an drei Bedingungen", erinnert Seibt die Gerichte, denen er einen etwas robusteren Umgang mit Coronaleugnern empfiehlt. "Erstens müsse die Rechtsordnung im Ganzen, und damit auch das Gewaltmonopol des Staates, prinzipiell intakt bleiben; zweitens müsse der Regelverletzer für die rechtlichen Folgen seines Tuns einstehen - im Zweifelsfall muss er bereit sein, eine Sanktion hinzunehmen; drittens aber, und das ist die höchste Hürde, verlangt Habermas, dass der Regelbrecher, 'was immer seine subjektiven Überzeugungen sind, seinen Ungehorsam aus anerkannten verfassungslegitimierenden Grundsätzen begründen kann'. Der Protest soll also im Einklang mit den Prinzipien der Verfassung auch dann bleiben, wenn er einzelne positive Gesetze verletzt." Und davon könne bei den Coronaleugnern wohl keine Rede sein.

In der NZZ passt kein Blatt zwischen Interviewer René Scheu und Ayaan Hirsi Ali, die die "Denkstereotype" der Linken kritisiert: "Es gibt nur Unterdrücker und Unterdrückte, also Machtverhältnisse. Anders als im Marxismus ist es jedoch nicht die soziale Stellung, sondern die Gruppenzugehörigkeit, die darüber entscheidet, wo man in der Unterdrückungshierarchie steht. Es gibt keine Kommunikation zwischen den Kategorien und also auch keine Versöhnung, es gibt bloß den Kampf, und da sind alle Mittel erlaubt. Das sind keine Denkstereotype mehr, das ist längst zur echten Glaubenslehre geworden. ... Der Selbsthass, die Selbstscham wird zur Schau getragen. Dahinter verbirgt sich aber eine eigenartige Form eines moralischen Überlegenheitsgefühls, nach der Logik: Wer sich erniedrigt, erhöht sich zugleich. Er liebt sich im Selbsthass. Er ist der moralische, erhabene, unfehlbare Mensch, der letztlich auf alle anderen herabsieht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2020 - Ideen

In der NZZ fragt sich der Schriftsteller Ralf Bönt warum Religion und Wissenschaft immer als Gegensatz beschrieben werden. Können sie sich nicht eher gegenseitig inspirieren? "Dass sich keine fruchtbare Koexistenz von Wissen und Glauben, von praktischem Fortschritt und respektablem Umgang mit dem menschlichen Drama etabliert hat, erkennt man an dem fehlenden Bewusstsein für die Leistungen der Moderne. Nicht nur für Aby Warburg gilt die Entdeckung der elliptischen Form der Planetenbahnen durch Kepler als Schritt in die neue Zeit. Er gab die zwingende Vorstellung der Zentralität auf, denn die Ellipse hat anstelle eines Mittelpunktes zwei Brennpunkte. Das zu akzeptieren, hatte Kepler große Mühe. Schließlich sprach er von der Stampfmühle der Bahnkreise, an die er die Planeten fehlerhaft angebunden habe. Umso mehr könnte man erwarten, dass heute die Ellipse im kulturellen Gedächtnis der Deutschen eine Rolle spielt. Aber das ist nicht so, obwohl das Bundespräsidialamt im Schlosspark Bellevue ein großer elliptischer Bau ist. Ein Hinweis auf Kepler fehlt. Deutschland, dieses vielleicht modernste aller Länder: eine unbewusste Nation."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2020 - Ideen

Christopher Clark, Autor der "Schlafwandler", einer Studie darüber, wie nach langem Frieden die Welt im Chaos des Ersten Weltkriegs versinken konnte, fühlt sich im Moment an genau jene Epochenschwelle versetzt: "Wir leben in einer Zeit, die stark an jene von 1914 erinnert", sagt er im Gespräch mit Michael Hesse von der FR. "Die Welt ist wieder multipolar. Neue Regionalmächte wie die Türkei und Iran treten auf, das östliche Mittelmeer ist zu meinem Erstaunen wieder ein Konfliktgebiet. Die Streitigkeiten um Libyen mit der Türkei im Westen des Landes und mit Ägypten und Russland im Osten, der Inselstreit zwischen der Türkei und Griechenland, bilden eigentlich das ab, was man früher die Orientfrage nannte. Heute gewinnt sie unerwarteterweise wieder an Bedeutung. Es ist wirklich eine starke Rückkehr der Muster des 19. und frühen 20. Jahrhunderts."

Entgeistert legt Arno Widmann ebenfalls in der FR ein italienisches Bändchen mit den Corona-Kolumnen Giorgio Agambens zur Seite, die zeigen, dass auch einige Linke bei diesem Thema anfangen zu spinnen: "Agamben zählt zu den bedeutendsten lebenden Denkern. In den einschlägigen Rankinglisten besetzt er immer einen der vorderen Plätze. Aber manchmal scheint er das Denken aufgegeben zu haben zugunsten seines größten Widersachers, des Recht-behalten-Wollens."

Die Idee, den Islam zu reformieren, ist ziemlich gefährlich, findet der säkulare Autor Kacem El Ghazzali in der NZZ, denn sie führt nicht unbedingt dazu, den Islam zu säkularisieren, sondern die Politik zu spiritualisieren: "Das politische System wird so zur Geisel geistlicher Autoritäten, die jede Veränderung für illegitim halten, solange sie nicht religiös begründet werden kann. Frauenrechte zum Beispiel würden dann nicht als universelle und unteilbare Rechte betrachtet. Stattdessen würde man sich in hermeneutischen Diskursen verlieren, in denen immer wieder die fundamentalistische Auslegung triumphieren dürfte."

Eins der Probleme bei der auch in Europa immer stärker werdenden identitären Linken ist, dass sie amerikanische Muster übernimmt, sagt Caroline Fourest ("Generation Beleidigt") im Interview mit Ute Cohen in der Welt: "In Frankreich und Europa gibt es eine universalistische Linke, die sich mit Charlie Hebdo identifiziert, laizistisch denkt und die Freiheit der Meinungsäußerung hochhält. Es gibt aber auch eine identitäre, radikale Linke. Die imitiert amerikanische Fragestellungen und führt nur noch eine Debatte über Identitäten statt eine Debatte über Ideen. Das ist absurd, weil wir eine ganz andere Geschichte haben hier in Europa. In Amerika geht es um Segregation, hier um postkolonialen Rassismus und Genozide."

Die Sinologin und Journalistin Claudia Wirz nimmt in der NZZ "Abschied von China" - am Ende doch nicht so ganz, so leicht lässt sich Liebe nicht besiegen. Aber sie zeigt, dass die Volksrepublik China schon zu Beginn der Öffnung jedem, der mit ihr zu tun hat, einen Preis abverlangte, durch die Ein-China-Politik, "die sich zuallererst im Verhältnis zu Taiwan spiegelt. Taiwan kann so demokratisch und rechtsstaatlich sein, wie es will - wer mit der Volksrepublik diplomatische Beziehungen pflegt, darf die Insel nicht als souveränen Staat anerkennen. Das hat weitreichende Folgen über das Politische hinaus. Mit dieser Politik bestimmt die Partei über weite Strecken, was chinesisch ist und was folglich eine Einmischung in innere Angelegenheiten darstellt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2020 - Ideen

Der Virologe Christian Drosten hat in der Schillerrede, zu der er neulich geladen war, einen "pandemischen Imperativ" formuliert: "Handle in einer Pandemie stets so, als seiest du selbst positiv getestet, und dein Gegenüber gehörte einer Risikogruppe an." Der Germanist Magnus Klaue ist damit in der Welt überhaupt nicht einverstanden: "Anders als bei Kant und auch bei Schiller kommt der Einzelne bei Drosten aber nur als potenzieller Störer des Allgemeinen in Betracht. Seine Pflicht besteht allein darin, durch eigenverantwortliches, das heißt: freiwillig gemeinschaftskonformes Verhalten dem Staat keinen 'Anlass' dafür zu geben, die Freiheit der Einzelnen einzuschränken."

In der FAZ geißelt Thmoas Thiel die Queer-ideologie, "also das Postulat, dass die erste Natur, der Körper, restlos in der zweiten Natur, dem Mentalen und Sozialen, aufgehe". Schuld ist der übliche Verdächtige: "Das Netz ist nicht nur das Medium, in dem alle, die an der Relevanz körperlicher Unterschiede festhalten, mit stalinistischer Härte niederkartätscht werden (was jetzt auch die Guardian-Kolumnisten Suzanne Moore zum Rücktritt bewegte), es ist auch die Basis der transhumanistischen Utopie, die die Überwindung des Körpers zum Programm gemacht hat." (Unser Resümee zur Kündigung von Suzanne Moore).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2020 - Ideen

Peter Hintz schreibt bei 54books über eine DDR-Sehnsucht der neuen Rechten, die vor allem eine Sehnsucht nach der Käseglockigkeit des eingemauerten Staats gewesn zu scheint: "Nach dem DDR-Verständnis der sogenannten Neuen Rechten bewahrte der Eiserne Vorhang Ostdeutschland aber vor Verwestlichung im Sinne von Konsumgesellschaft und Neuer Linker. So bezeichnete ein (aus Österreich stammender) Autor der Antaios-Zeitschrift Sezession einmal die Mauer als 'anti-antideutschen Schutzwall' und für einen anderen war die DDR die 'letzte Variante deutscher Staatlichkeit.'"

Ideologiefreie Geschichtsbetrachtung gibt es nicht, warnt in der NZZ der Philosoph Alexander Grau heutige Bilderstürmer: "Wie sehr in den historischen Diskursen der westlichen Welt inzwischen die moralische Bewertung das Gespür für historische Zusammenhänge ersetzt hat, konnte man im Sommer anlässlich der 'Black Lives Matter'-Demonstrationen erleben. Denn wer Denkmäler von Kolumbus, Churchill oder Bismarck schleifen möchte, weil diese Eroberer, Rassisten oder Kriegstreiber waren, bemüht sich nicht um ein historisches Verstehen, sondern walzt Geschichte im Namen aktueller Moralvorstellungen nieder. Doch Moral ist selbst ein historisches Phänomen, eingebunden in Diskurse, Narrative und Sinnkonstituenten ihrer Zeit. Wer sich weigert, diese zu verstehen, versteht nichts."

Im Interview mit der FR analysiert der Ökonom Branko Milanovic den Zustand der Demokratie in Amerika, den er immer näher an China verortet: "In China sehen wir, dass die politische Macht oft genutzt wird, um ökonomische Macht zu erlangen. Das lässt sich bei vielen chinesischen Familien beobachten, die über eine politische Macht verfügen und diese nutzen, um von der ökonomischen Seite zu profitieren. In den USA ist es so, dass Menschen ihre ökonomische Macht nutzen, um zu politischer Macht zu gelangen. Reiche Leute streben in den USA in die politische Arena und in die Medien. Es gibt Tausende von Lobbyisten, die für die Reichen tätig sind. Eine gefährliche Konsequenz: Das politische System wird zunehmend plutokratisch. Insofern könnte es eine Annäherung der Systeme geben, da das demokratische System immer undemokratischer wird."