9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2211 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 222

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2026 - Ideen

Der Aufstieg von Donald Trump und Co. ist durch eine ästhetische Betrachtungsweise der Politik zu verstehen, schreibt der Literaturwissenschaftler Steffen Martus in der SZ. Statt sich als "liberal-demokratische Intelligenz" "vernünftige" Gründe zu suchen, sollte man diese neue Ästhetik verstehen und im besten Fall eigene Wege finden, um diese Wählergruppen anzusprechen. Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom ist für Martus ein gutes Beispiel: "Ihm genügt nicht der Appell an die politische Vernunft, etwa der Hinweis auf die glänzende ökonomische Situation seines Bundesstaats. Er reklamiert mit empörtem Pathos das wahre Amerika für sich, er bekämpft 'fire with fire': Beim Wirtschaftstreffen in Davos hat Newsom ostentativ Knieschoner an alle überreicht, die vor Trump einknicken. Und er macht auf politische Formen aufmerksam, indem er etwa überdrehte Kurznachrichten à la Trump verschickt."

Außerdem: In der FAZ erklärt Philipp Lepenies, Ökonom und Professor für Politik mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit an der Freien Universität Berlin, warum er am Begriff des Fortschritts festhält.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.02.2026 - Ideen

Der Jurist und Rechtsphilosoph Uwe Volkmann stellt sich auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ die Frage, ob die Freund-Feind-Unterscheidung, die nach Carl Schmitt alle Politik prägt, im Blick auf die AfD die richtige Theorie liefert - auch deshalb, weil die AfD selbst natürlich auf diese Unterscheidung aufbaut. Er schildert alle Dilemmata mit denen demokratische Parteien im blick auf die AfD geraten - Stichwort "Brandmauer". Am Ende setzt Volkmann (ohne die Formel zu benutzen) auf den Habermasschen zwanglosen Zwang des besseren Auguments: Wie soll man Debatten sinnvollerweise führen? "Die ganz allgemeine, aber keineswegs triviale Antwort dürfte lauten: idealerweise so, dass der politische Streit, ohne den die Demokratie aufhören würde, eine zu sein, weiterhin als Streit über die besseren Gründe für die Lösung gemeinsamer Probleme begriffen und dann auch als solcher sichtbar gemacht wird."

Intellektuelle sind nicht die besseren Menschen, erkennt Michael Wolffsohn in der NZZ und zeichnet eine kurze Geschichte der intellektuellen Verblendung, die sich bis in die Gegenwart zieht: "Nicht erst seit 2023 (Gaza-Krieg) gehören Antiisraelismus und Antisemitismus zum Glaubensbekenntnis der "Intellektuellen"-Klasse. Recht besehen ist es eine Klasse weltweiter Mitläufer mit gespaltener Moral. Man empört sich millionenfach über Israels vermeintlichen Völkermord in Gaza und schweigt über Irans Führung, die, so geschehen am 8. und 9. Januar 2026, an einem Tag etwa 30.000 der eigenen Bürger niederkartätschen ließ. Daneben entstand die kleinere Klasse des internationalen Terrorismus, der eng mit palästinensischen Terroristen kooperierte und mit ihnen trainierte. Zu dieser Klasse gehörten vor allem die deutsche RAF, die französische Action directe, die italienischen Roten Brigaden oder die Japanische Rote Armee. Angeführt wurden allesamt von gut Ausgebildeten, die sich durchaus als 'Intellektuelle' verstanden."

Außerdem: In der FAZ erklärt der Autor Matthias Politycki, Mitglied des PEN Deutschalnd (der sich nicht so oft äußert wie der PEN Berlin), warum er sich nicht zu allem und jedem bekennen will und auch nicht gegen alles oder jedes. In der Welt überlegt der Hans Ulrich Gumbrecht, ob wir am Ende der Epoche von Ideologien und großen Visionen angekommen sind und ob das nicht auch sein Gutes hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2026 - Ideen

"Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert Judith Schalanskys Dankesrede zur Auszeichnung mit dem Lessing-Preis. Schalansky, selbst eine Schriftstellerin, die gerne in den Archiven nach Entlegenem, Obsoletem und Liegengelassenem forscht, stößt in Lessings Konvoluten aus Notizen, Fragmenten, Exzerpten, Listen und Bibliografien auf einen Geistesverwandten. Angesichts dieser fröhlich-unbekümmerten Zetteleien wird ihr allerdings flau, wenn sie darauf schaut, was daraus geworden ist: "Zweifellos weiß das Menschengeschlecht heute so viel wie niemals zuvor in seiner Geschichte, ohne dass sich aus dieser Tatsache irgendein nennenswerter Vernunftgebrauch ableiten ließe." Doch "wenn die Werte der Aufklärung nicht mehr - wenigstens schrittweise - zu einer von Vernunft geleiteten, toleranten Weltordnung führen, wenn ihre so oft beschworenen und bisweilen ausgehöhlten Ideale nicht mal mehr zum Deckmantel imperialer Ansprüche taugen, wenn die freiheitliche Demokratie demokratieverachtende Autokraten an die Macht kommen lässt, wenn Texte nicht mehr auf dem eigenen Mist einer vor sich hin wuchernden Zettelwirtschaft entstehen, sondern als das Ergebnis stochastischer Prozesse, die mittels ephemerer Begriffe wie 'Cloud' und 'Stream' die materiellen Bedingungen ihres Ressourcen verschlingenden und Ökosysteme verwüstenden Treibens verschleiern, dann sind wir philosophischen Mäuse nichts als Futter für geflügelte Katzen - und verzweifelt genug, Orakel zu befragen." Außerdem dokumentiert die FAZ Andreas Platthaus' Laudatio auf Schalansky.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.02.2026 - Ideen

Der Historiker Jan Grabowski wehrt sich in der FAZ empört gegen die Vorwürfe der Holocaustforscher Andrea Löw und Stephan Lehnstaedt, er pflege eine "Freund-oder-Feind-Mentalität" und werfe deutschen Wissenschaftlern vor, sich zu Unrecht auf die deutschen Täter des Holocausts zu konzentrieren und nicht-deutsche auszuschließen. Hintergrund ist die Absage einer Berliner Veranstaltung auf Druck des polnischen Botschafters in Berlin und des deutschen Auswärtigen Amtes, bei der der Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe sein Buch "Polnische Bürgermeister und der Holocaust" vorstellen sollte (unser Resümee). Die Behauptung, "dass allein die Deutschen für den Holocaust verantwortlich seien", so Grabowski, sei nicht nur falsch, sondern auch politisch gefährlich, weil sie Rechtsextremen und Nationalisten in Osteuropa in die Hände spiele, die schon lange behaupteten, Judenmorde hätten nur die Deutschen begangen. Und was das Freund-Feind-Schema angeht, wird Grabowski richtig sauer: "Als in den letzten zehn Jahren Nationalisten und staatliche Institutionen Holocausthistoriker in Polen attackierten, war Stephan Lehnstaedt einer der deutschen Wissenschaftler, die den polnischen Institutionen, die mich und andere Kollegen angriffen, Legitimität verliehen. Kongresse, Workshops, Preise, Artikel und Diskussionen, an denen Stephan Lehnstaedt beteiligt war und die durch das Witold-Pilecki-Institut oder das berüchtigte Institut für Nationales Gedächtnis organisiert wurden, sind zu zahlreich, um sie hier aufzuzählen. All dies geschah, während ich und andere unabhängige polnische Historiker vor Gericht standen, einige wie Adam Puławski entlassen wurden oder als Zielscheiben bösartiger, staatlich geförderter Hasskampagnen dienten. Nein, Herr Professor Lehnstaedt, ich werde mir von Ihnen keine Lektionen in Bezug auf Debatten über den Holocaust in Polen erteilen lassen!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2026 - Ideen

Der Althistoriker Hartwin Brandt erklärte in der FAZ, es sei wenig zielführend, Donald Trump mit antiken Gestalten wie Caligula oder Augustus zu vergleichen (unser Resümee). Der Historiker Michael Sommer widerspricht in der Welt und meint, dass der Vergleich mit der Antike weiterhin fruchtbar sein kann. "Brandt beklagt mit Recht, dass es nur noch 'Schnipsel' der Antike in Schule und Lehrerbildung schaffen. Doch während das so sein mag, wartet ein riesiges Feld darauf, von Gelehrten des Altertums bestellt zu werden. Es gibt in der Öffentlichkeit ein schier unersättliches Interesse an der Antike, und es wird nicht nur durch sinistre Gestalten wie Trump und Putin gespeist. (...) Viele, auch diejenigen, die populäre, keine wissenschaftlichen, Zugänge zu Griechen und Römern suchen, haben ein waches Sensorium für das Potenzial der Antike. Dafür, dass in einer Epoche, die wir als Ganzes überblicken, von ihren zarten Anfängen bis zum bitteren Ende in der Völkerwanderung, etliche Schlüssel zum Begreifen einer unerträglich kompliziert gewordenen Gegenwart vergraben liegen."

In den sozialen Medien sind die sogenannten "Stoa-Influencer" sehr beliebt, dabei ist ihre Auslegung der Stoa auf dem Niveau "einer Unterstufen-Ethikklasse", die diese Philosophie nutzen möchte, um "Frauen aufzureißen", schreibt Michael Moorstedt in der SZ. "Es ist schon bezeichnend, dass all dem Streben nach dem vermeintlich guten Leben in den ausgespielten Videos immer ein externer Impuls zugrunde liegt, der sich enttäuschend wenig vom langweiligen Dreisatz 'reich, berühmt, begehrt' unterscheidet. Auf der Website, auf der Andrew Tate seine Kurse anbietet, sieht man Fotos von dicken Autos, reichlich Bargeld und exotischen Urlaubsdomizilen, die angeblich winken, wenn man die Lektionen befolgt. Dabei schrieb etwa der Spät-Stoiker Epiktet: 'Verlange nicht, dass alles so geschieht, wie Du es wünschest, sondern wolle, dass alles so geschieht, wie es geschieht, und es wird Dir gut gehen.' Und Zenon, ohnehin der Godfather der Stoa sagte: 'Die Tugend ist um ihrer selbst willen zu erlangen, sie verlangt keinen Lohn.'"

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Was genau der "Westen" ist, ist nicht so leicht zu sagen. Zugleich vermisst man ihn schon jetzt, im Moment da man spürt, wie bedroht er ist. In letzter Zeit sind eine Menge Bücher mit Abgesängen auf die Idee des Westens erschienen. Eines bespricht der große alte Soziologe Michael Zöller (wenn er's ist) auf den Politische-Buch-Seiten der FAZ, Georgios Varouxakis' "The West - The History of an Idea". Der Zweite Weltkrieg war jedenfalls ein entscheidender Moment bei der Entstehung der Idee: "In den USA wurde nun die Beteiligung am Krieg ganz gegen die eigene Tradition des Isolationismus als Kampf für die 'westliche Zivilisation' verteidigt. Seither schrieben auch die führenden Universitäten 'Western Civilization' als Pflichtkurs vor, den seither alle Präsidenten des vergangenen Jahrhunderts absolvierten - bis Studenten skandierten: 'Ho-ho-ho, Western Civ must go'." Laut Zöller ist das Varouxakis' Buch lehrreich und unterhaltsam, krankt aber daran, dass es keinen Totalitarismusbegriff hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.01.2026 - Ideen

Der Erziehungswissenschaftler Markus Rieger-Ladich möchte in der taz herausfinden, warum es Rechtsextremen so leicht fällt, Denkfiguren sich als links lesender "Identitätspolitik" für sich zu kapern und in ihrem eigenen Kampf zu instrumentalisieren. "Dabei sei schon an dieser Stelle festgehalten, dass es abwegig ist, eine verdeckte Nähe zwischen linker Identitätspolitik und einem rechten Politikstil herzustellen, wie das manche tun." Er hält fest: "Tritt emanzipatorische Identitätspolitik dafür ein, Privilegien abzubauen und der Ungleichbehandlung entgegenzutreten, Diskriminierung zu bekämpfen und Ideologien der Ungleichwertigkeit die Stirn zu bieten, betreiben rechte, autoritäre Bewegungen das Gegenprogramm."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2026 - Ideen

Der Westen im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen sollte sich besser mal auf seinen Abstieg vorbereiten, meinen im Interview mit der Zeit die Politologen Milan Babić und Daniel Marwecki. Aber wie lassen sich ohne Wachstum und Fortschritt Klassenkonflikte vermeiden? Ohne Wachstum geht's, meint Babic, "aber ohne Fortschritt nicht. Denn beide sind nicht deckungsgleich, Fortschritt kann schließlich verschiedene Formen annehmen. Aber es stimmt natürlich: Mechanismen der Politik, wie wir sie seit 1945 kennen, werden nicht mehr im gleichen Maße funktionieren. Also etwa das Versprechen, dass es allen langfristig besser gehen wird, wenn sie politisch nur mitmachen. Es ist nun die Verantwortung der Politik, Szenarien für die Zukunft zu entwickeln. Denn die ist ja offen. Der Klimawandel birgt etwa riesige Probleme, wirft gleichzeitig aber die Fragen auf, ob Reichtum anders verteilt werden sollte oder man Solidarität in einer neuen Klimarealität anders definiert. Um diese Fragen ließen sich politische Projekte bauen." Konkreter wird es nicht.

In der SZ möchte Claudius Seidl nichts mehr von Kulturschaffenden hören. Erstens sei das Wort ein doppelt gemoppeltes. Und zweitens "ein heikler, falscher und abzulehnender Begriff", den die Nazis propagierten, weil für sie "nur die Schaffenden die Volksgemeinschaft bilden. Ausgeschlossen bleiben: die, die zweifeln, zögern, von schöpferischen Krisen gehemmt und ermattet sind". Also das Wort am besten "ablegen im Archiv der toxischen Begriffe. Wer Kultur schafft, hat einen Plan und erfüllt seine Pflicht. All das Überflüssige und Überschüssige, das Nutzlose, Luxuriöse, das Zufällige, Emergente, Explosive, das die Kunst braucht, geht in dem Begriff nicht auf. Und schon gar nicht die seltsame Erkenntnis, dass es oft die Werke sind, die den Künstler formen, und nicht umgekehrt. Kulturschaffende, das ist alles in allem ein kunstfremdes, ja kunstfeindliches Wort." Künstler tut's doch auch, findet Seidl.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2026 - Ideen

In der FAZ reagiert der Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe auf einen Artikel seiner Kollegen Stephan Lehnstaedt und Andrea Löw (mehr hier). Eine Präsentation von Rossoliński-Liebes neuem Buch, in dem er sich mit der Kollaboration polnischer Bürgermeister mit den Nazis auseinandersetzt, unter ihnen der Warschauer Bürgermeister Julian Kulski, war nach einer Beschwerde der polnischen Botschaft abgesagt worden. Rossoliński-Liebe schildert zunächst den massiven Widerstand, nebst Einschüchterungen unter anderem durch die Kulski-Stiftung, aber auch durch "rechtsradikale Journalisten" und Regierungsvertreter, den sein Buch erfuhr. Außerdem betont er: "Den Holocaust auf die Geschichte der deutschen Täter zu reduzieren, ist falsch." Er "hoffe, dass Deutschland und Polen einen Weg finden, mit dem Thema der Kollaboration umzugehen, ohne Historiker anzufeinden. Die Verantwortung für den Holocaust ist derart fest, buchstäblich staatstragend, mit der deutschen nationalen Identität verbunden, dass manche Hüter dieser Identität alles andere auszublenden bemüht sind - sogar auf Kosten der wissenschaftlichen Erkenntnis. (...) Dass mein Buch Politikern wie Karol Nawrocki in Warschau und Historikern wie Stephan Lehnstaedt in Berlin ein Dorn im Auge ist, liegt auf der Hand.

Goethe, Mozart, Chagall, Churchill und mehr als zehn US-Präsidenten waren Freimaurer - und doch sind sie bis heute Gegenstand der abstrusesten Verschwörungstheorien, weiß Thomas Ribi, der in der NZZ die Geschichte der Logen erzählt. Die katholische Kirche lehnt sie bis heute ab: "1738 erließ Papst Clemens XII. einen Bannfluch gegen die Freimaurerei, der von mehreren Nachfolgern bekräftigt wurde. Das ultimative Verdikt sprach 1884 Leo XIII. In einer Enzyklika hielt er fest, die Freimaurer hätten es darauf angelegt, die Kirche zu zerstören. Kurz darauf wurde ein Passus ins Kirchenrecht aufgenommen, der besagt, dass ein Katholik, der Freimaurer wird, als exkommuniziert gilt. Revidiert wurde das nie. Im November 1983 bekräftigte Kardinal Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation die Bestimmung: Die Prinzipien des Freimaurertums, hielt er fest, seien mit der Lehre der Kirche nicht vereinbar. Gläubige, die freimaurerischen Verbindungen angehörten, befänden sich 'im Zustand der schweren Sünde' und könnten die heilige Kommunion nicht empfangen. Vor zwei Jahren hat der Vatikan diese Haltung bestätigt. Im Gegensatz zur katholischen Kirche haben sich die Staaten mittlerweile mit den Freimaurern arrangiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2026 - Ideen

Der Philosoph Bernhard Waldenfels ist im Alter von 91 Jahren gestorben. In den Zeitungen sind bisher keine Nachrufe zu finden - auf Twitter schreibt der Theologe Peter Dabrock eine sehr persönliche Würdigung.
Stichwörter: Waldenfels, Bernhard

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.01.2026 - Ideen

Man sollte nicht leichtfertig von einem "Epochenbruch" sprechen, meint der Historiker Frank Bösch in der SZ. Ob beispielsweise der Ukrainekrieg oder die Wahl Trumps einen echten historischen Wendepunkt darstellten, müsse sich erst erweisen. Sowieso ist der Begriff der "Epoche" viel weiter zu fassen, so Bösch: "Vieles spricht dafür, dass wir seit dem späten 20. Jahrhundert einen strukturellen Epochenbruch erleben, den man noch in hundert oder 300 Jahren diagnostizieren kann. Die Digitalisierung hat das Alltagsleben, das Denken und Handeln mindestens so stark verändert wie das Aufkommen von gedruckter Schriftlichkeit. Dazu kommt das, was wir seit den 1990er-Jahren Globalisierung nennen: eine verdichtete Verflechtung der Welt in allen Lebensbereichen (...) Die Finanzkrise 2008, Covid oder Trumps Politik sind eher ein Ergebnis dieses Wandels."