9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.05.2022 - Ideen

Im Interview mit Sonja Zekri in der SZ erklärt der amerikanische Historiker Timothy Snyder, warum er den Ukraine-Krieg am ehesten in der postkolonialen Optik begreifen will: "Dass Europa eine Geschichte der Nationalstaaten ist, beruht auf einem nachträglich konstruierten Mythos der Europäischen Union. In etwa so: Wir alle waren Nationalstaaten, aber nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir begriffen, dass wir uns besser nicht gegenseitig bekämpfen. In Wahrheit hatten die Europäer keine Nationalstaaten, sondern Imperien. Der Zweite Weltkrieg war ein imperialer Krieg, nur lag das deutsche Imperium in Europa."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2022 - Ideen

Für den britischen Journalisten Paul Mason - aktuelles Buch: "Faschismus: Und wie man ihn stoppt" - zeigt sich in der FR in Worten und Tat des Attentäters von Buffalo die "Architektur des modernen Faschismus": "Der faschistische Massenmörder ist in unserem Jahrhundert zu einem erkennbaren menschlichen Stereotyp geworden. Immer männlich, immer unter sozialem und persönlichem Versagen leidend, immer eloquent und wortreich in seinem Aufruf zum Völkermord. (...) Es gibt eine übergreifende Logik zwischen dem Schützen, der rechtsextremen Bewegung, rechtspopulistischen Parteien und den aufrührerischen Stimmen in den konservativen Medien. Das Narrativ des 'Großen Austauschs' ist das ideologische Rückgrat, das sie miteinander verbindet. Sie wurde 2010 von dem französischen Autor Renard Camus formuliert und ist im Grunde ein Aufguss der Theorien des arischen Vormachtpolitikers Houston Stewart Chamberlain aus der Zeit vor 1914."

Sprechen wir es aus: Putin ist Faschist, schreibt Timothy Snyder in der New York Times und dürfte damit auch bei vielen Linken ein unbehagliches Schlucken auslösen. Aber es gibt einen Kult des Führers, einen Kult des Todes und den Mythos von einem goldenen Zeitalter, wie es sich für einen ordentlichen Faschismus gehört. Das Zögern gegenüber diese Einsicht erklärt sich für Snyder aus der Tatsache, dass unser Geschichtsbild zur Hälfte unbelichtet ist: Stalin werde immer noch als "Antifaschist" gesehen: Dabei sei "Stalins Flexibilität gegenüber dem Faschismus der Schlüssel zum Verständnis des heutigen Russland. Unter Stalin war der Faschismus zunächst indifferent, dann war er schlecht, dann war er gut, bis er - als Hitler Stalin verriet und Deutschland in die Sowjetunion einmarschierte - wieder schlecht war. Aber niemand hat jemals definiert, was er bedeutet. Es war eine Box, in die alles hineingesteckt werden konnte. Kommunisten wurden in Schauprozessen als Faschisten abgestempelt. Während des Kalten Krieges wurden die Amerikaner und die Briten zu Faschisten. Und sein 'Antifaschismus' hinderte Stalin nicht daran, bei seiner letzten Säuberung die Juden ins Visier zu nehmen, so wie seine Nachfolger, Israel mit Nazideutschland in einen Topf warfen."

SPD-nahe Philosophen wie Münkler (siehe oben) oder Jürgen Habermas pflegen im Blick auf den Ukraine-Krieg eine Rhetorik des Dilemmas. Scharf antwortet in der FAZ der ukrainische Philosoph Anatoliy Yermolenko, selbst Habermasianer, auf Habermas' in der SZ dargelegtes (unser Resümee) "Dilemma", dass die Ukraine "nicht verlieren" solle, Russland aber auch nicht, damit Putin sein Gesicht behält und kein dritter Weltkrieg ausbricht. Die Logik, dass die Ukraine in diesem "Kompromiss" zur Hälfte besetzt bleibt, die daraus bei Habermas (wie auch bei Münkler) folgt, will Yermolenko nicht anerkennen, denn "Jede Besetzung von Territorien führt zu einer weiteren Besatzung von weiteren Territorien": "Die Zerstörung von Mariupol und der Genozid an der dortigen Zivilbevölkerung wären unmöglich gewesen, wenn Russland nicht 2014 die Krim und den Donbass besetzt hätte - da Mariupol von diesen besetzten Gebieten aus angegriffen wurde. Der Angriff auf Kiew wäre unmöglich gewesen, wenn Russland Lukaschenkos Belarus nicht besetzt hätte, denn die Stadt wurde von Belarus aus angegriffen, und der Genozid in Butscha ereignete sich eben deshalb, weil Belarus russischen Truppen den Zugang auf ukrainisches Territorium erlaubt hatte... Und wenn die Ukraine in diesem Krieg ihre Souveränität verliert, wird Russland zweifellos weiterziehen und Europa besetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2022 - Ideen

Im Leitartikel der Welt springt Jacques Schuster den Unterzeichnern des Emma-Briefes, vor allem aber Jürgen Habermas zur Seite, der sich, so Schuster, gegen die "geistige Mobilmachung" der "Kriegsredner" stellte (Unser Resümee): "Seither hat sich das Moralisierende in der Debatte abgeschwächt, dafür ist das Wiegen von Gründen und Gegengründen wieder stärker geworden. 'Die moralisierende Form politischer Auseinandersetzungen läuft stets Gefahr, im Triumph der guten Gesinnung über die Gesetze des Verstandes zu enden', stellte der Philosoph Hermann Lübbe vor Jahren zu Recht fest. Wenn die Gegenposition eines Jürgen Habermas oder einer Alice Schwarzer und ihrer vielen Anhänger zur Überprüfung der eigenen Haltung und zur Selbstbefragung führt, hat der Wetzstein seine Aufgabe erfüllt."
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Stichwörter: Habermas, Jürgen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2022 - Ideen

In der NZZ ist Paul Jandl gerührt, wie fleißig Prominente in den letzten Monaten offene Briefe verfassten, um sich zu den drängendsten Probleme der Welt zu äußern. Bisschen eitel auch? Naja, gut gemeint ist es jedenfalls: "Wer schlechten Sachen dienen möchte, würde keine offenen Briefe schreiben. Für gewöhnlich kann der offene Brief also auf einen Konsens setzen, dem es ohnehin egal ist, ob sich auch Alice Schwarzer, Daniel Kehlmann oder Juli Zeh unter ihm einreihen. In diesem Sinn wäre es gut, wenn jetzt einmal ein bisschen Ruhe einkehrte. Wenn nicht gleich morgen wieder schlaflose Intellektuelle und Künstler der Welt sagen, wie man sie retten könnte. Uns ist alles Gute recht. Wir sind ganz bei Olaf Scholz. Auch wir respektieren jeden Pazifismus und jede Haltung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.05.2022 - Ideen

Dass die Mehrheit der russischen Bevölkerung den Krieg gegen die Ukraine unterstützt, wundert den Kulturwissenschaftler Alexander Mishnev in der NZZ nicht, werden die Russen doch mit Propaganda förmlich zugeschüttet. Bei den Intellektuellen gibt es Ausnahmen, aber sie finden kaum Gehör: "Bis heute sind die Traumata der neueren Geschichte in Russland nicht aufgearbeitet worden. In den neunziger Jahren konnten die sowjetischen Verbrechen und der stalinistische Terror benannt werden. In der Ära Putin verblassten solche Versuche allerdings hinter der Glorifizierung des Großen Vaterländischen Krieges. Es gibt keine russische Vergangenheitsaufarbeitung, sie wird aber von vielen Intellektuellen eingefordert. Deshalb hat Nikolai Epples Buch 'Unbequeme Vergangenheit. Die Erinnerung an staatliche Verbrechen in Russland und anderen Ländern' an Aufmerksamkeit gewonnen und muss nachgedruckt werden."

Der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard beugt sich für die SZ über die neue Ausgabe der Zeitschrift für Medienwissenschaft: "X | Kein Lagebericht" ist der Titel dieses Sonderheftes über Rassismus und Medienwissenschaften. Wert legen Herausgeber und Autoren dabei vor allem auf die "identitätsstiftenden Fundamente" eines Sprechers, so Bernard, den das stark an die K-Gruppen der Siebziger erinnert, die sich erst einmal als revolutionäres Subjekt beweisen mussten, bevor sie ihre politischen Utopien vortragen durften. "An der heutigen Universität ist die politisch-ökonomische Utopie durch die Utopie der 'Vielstimmigkeit' und 'kulturellen Enthierarchisierung' ersetzt worden, aber das Bemühen um ein neues Bewusstsein und insbesondere die verwendete Sprache verbindet die beiden Bewegungen in auffälliger Weise. Die Einleitung des Heftes macht schon typografisch klar, dass die Kritik an den bestehenden Verhältnissen bis auf die Ebene des verfügbaren Buchstaben- und Zeichensatzes reichen muss; es wimmelt von Klammern, Bindestrichen, Unterstrichen, Kursivsetzungen, Anführungszeichen, unorthodoxen Klein- und Großschreibungen, die auch die äußersten Ränder der Sprache mit Bedeutung versehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2022 - Ideen

Stephan Grigat, Professor für Theorien und Kritik des Antisemitismus, würde in der NZZ gern erst mal die Begriffe klären, bevor man über Antisemitismus und Rassismus diskutiert. Antisemiten, schreibt er, "imaginieren sich ihre Vernichtung durch den überlegenen Geist, die 'Herren des Geldes' oder die als illegitim begriffene jüdische Staatlichkeit. Dieser imaginierten Bedrohung gedenken sie in letzter Konsequenz durch Vernichtung zuvorzukommen." Rassisten dagegen sehen andere als minderwertig an. Das wirkt sich auch auf den Vorwurf der "Islamophobie" aus, so Grigat, denn keine "politisch relevante Gruppe" glaube, nur die Vernichtung aller Muslime könne uns retten. Darum zielt für ihn der Vorwurf der "Islamophobie" vor allem "auf die Abwehr einer dringend gebotenen Kritik nicht nur am Islamismus, sondern beispielsweise auch an antisemitischen Ausprägungen eines orthodox-konservativen Mehrheitsislam. Derartige Kritik unter Rassismusverdacht zu stellen, ist ein durchschaubares Manöver, das sehr viel offensiver in seiner intellektuellen Unredlichkeit und seinem antiaufklärerischen Impetus kenntlich gemacht werden sollte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2022 - Ideen

In der FR verteidigt die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr das Scholz'sche Zaudern hinsichtlich der Waffenlieferungen: "Mit Blick auf Sokrates lässt sich Zaudern als Praxis zu verstehen, die Freiheitsspielräume eröffnet. (…) Gegenüber dem Durchregieren gewinnt der öffentliche Streit wieder an Macht. Öffentlich kann wieder aus alternativen Perspektiven darüber gestritten werden, wie die aktuelle Krisensituation in ihrer Komplexität zu analysieren und zu gestalten ist."

In der Welt legen die beiden Sprachwissenschaftler Ewa Trutkowski und Helmut Weiß dar, dass das generische Maskulinum älter ist als vermutet - und schließen: "Anstatt einer Machtverschiebung zugunsten von geschlechtermäßig Marginalisierten zu dienen, erscheint sogenannte geschlechtergerechte Sprache immer mehr als funktionales PrideDesign für Sprache: fernab der sprachlichen Realität, auf Internetseiten von Unternehmen, die sich dadurch 'pinkwashen' und entsprechende 'awareness' signalisieren wollen, aber bis zum Hals im GenderPayGap stecken ... Deshalb fragt sich: Wer außer denen, die so tun, spricht wirklich so?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2022 - Ideen

Andreas Kilbs Erkenntnishunger wird durch die Moses-Mendelssohn-Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin leider nicht gestillt. Es geht zu viel ums Leben und Atmo, klagt er in der FAZ, zu wenig um die Ideen, "sodass selbst das titelgebende Briefzitat, in dem sich der späte Mendelssohn beklagt, dass sein Traum 'von nichts als Aufklärung' und vom Sieg der Vernunft über die 'Schwärmerey' ausgeträumt sei, in seiner Dramatik verpufft. 'Wie wir sehen, steiget schon, von der andern Seite des Horizonts, die Nacht mit allen ihren Gespenstern wieder empor.' Wen meint er? Wer waren die deutschen Nachtgespenster? Die Frage verhallt im Museumsraum."

In der taz verteidigt Ilija Trojanow den Pazifismus: "Die wichtigste Lektion des Pazifismus ist die Erkenntnis, den Krieg nicht essenziell anders zu behandeln als den Frieden, ihn nicht zu überhöhen als apokalyptisches Endgefecht zwischen Gut und Böse, ein quasireligiöses Narrativ, das zur rhetorischen Grundausstattung jedes Kriegs gehört. Und die moralische Keule der Bellizisten infrage zu stellen, die jede Skepsis an der eigenen Eskalationspolitik stigmatisieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2022 - Ideen

In der SZ fürchtet der Philosoph Michael Hampe, wir könnten uns anlässlich des Ukrainekrieges in der Illusion wiegen, "hier stünden die Freien und Guten für Gerechtigkeit und Wahrheit und gegen die lügende Despotie ein" und darüber unsere eigene Neigung zu Radikalismus und vor allem unseren Anteil an der Umweltzerstörung vergessen: "Vielleicht kämpfen die Ukrainerinnen und Ukrainer nicht nur für unsere bestehenden Freiheiten. Sondern auch gegen unsere Selbsttäuschungen und zukünftigen selbst herbeigewählten Unfreiheiten, indem sie die Fluchtwege vor den Illusionen und Grausamkeiten der Despotie offenhalten. Vielleicht, so darf man hoffen, führt eine Verminderung der russischen Militärmacht, wie sie die USA nun in der Ukraine anzustreben scheinen, nicht nur zu einer Beschädigung des russischen Despotismus, sondern auch zu einem Rückgang der totalitären Tendenzen in Ungarn, Polen und den USA selbst." Eine Hoffnung, die Hampe auch gegenüber den Wählern der AfD, des Rassemblement National und Erdogans hegt.

In der NZZ denkt der Kulturwissenschaftler Thomas Macho über ein "Zoopolis" nach, eine friedliche Gesellschaft des Lebendigen, die auch Tiere mit einschließt. Derzeit leben wir mit Tieren in zwei Dimensionen, meint er: Auf der einen Seite "in einer Welt, die bevölkert wird von Tieren, denen wir einen Namen geben, die wir lieben, bewundern, fotografieren oder betrauern, wenn sie sterben; auf der anderen Seite existiert eine erschreckende und nahezu unsichtbare Welt, in der Tiere massenweise unter grausamen Bedingungen gezüchtet, auf engstem Raum zusammengepfercht ein qualvolles Leben fristen, bevor sie getötet und in Nahrungsmittel transformiert werden, denen ihre Herkunft nicht mehr angesehen werden kann."

Weiteres: Der Kulturhistoriker Philipp Felsch blickt in der SZ zurück auf Ende 1971, als der amerikanische Präsident Richard Nixon das Ende der Goldbindung für den Dollar ankündigte und Jacques Derrida der Welt mit "prophetischer Triftigkeit" die Folgen dieser Entscheidung erklärte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2022 - Ideen

Die Auseinandersetzung mit der der Ukraine ist auch eine mit unserer eigenen Fähigkeit zur Wahrnehmung, sagt Karl Schlögel in seinem Vortragt bei den Römerberggesprächen, den die FR abdruckt: "Dieses große Land hat es für uns lange nicht gegeben oder nur als Rand, als Störfaktor." Nun aber ist durch die Überblendung der Bilder des Zweiten Weltkrieges mit den aktuellen Bildern auch unser Bild der Vergangenheit grundsätzlich in Frage gestellt: "Es gibt kein Zurück zu einer Erinnerungspolitik, die die neueste Erfahrung ignoriert. Die Topografien von Verbrechen und Widerstand in Europa werden neu gezeichnet, kaum ein Begriff wird unberührt bleiben von der neuesten Erfahrung. Nicht einmal ein argloses Hören von russischer Musik oder die für nichts verantwortliche Sprache wird von der Kontamination durch das Verbrechen verschont bleiben - die Deutschen im Ausland in den 1950er Jahren können davon ein Lied singen."