Direkt nach dem
Tod Habermas' hatte es theologische Streitigkeiten über das
Erbe des Propheten gegeben. Die Frage war, wie und in welcher Weise die künftigen Habermas-Kapellen, etwa möglicherweise in seiner Villa am Starnberger See, ausgestaltet werden sollen. Der Streit unter den Jüngern (fast nur Männer) wurde nach seinem Tod
in den Feuilletons ausgetragen, es ging um die Frage, ob Habermas noch
richtig Frankfurter Schule war oder die Kritische Theorie nicht möglicherweise verwässert hatte. Heute findet die mit Sehnsucht erwartete Habermas-Gedenkstunde in der Paulskirche statt, bei der Bundespräsident Steinmeier reden wird. Außerdem organisiert das Forschungszentrum "Normative Ordnungen" der Goethe-Universität ein
Symposion, wo die
Lehren aus Habermas festgeklopft werden sollen - hier hatte es im Vorfeld viele Spekulationen gegeben,
wer reden darf und wenn wann und warum nicht. Heute bringen die
Süddeutsche und die
FR Gespräche mit den Organisatoren.
Für die
SZ interviewt Jens-Christian Rabe
Rainer Forst, Direktor des Forschungszentrums "Normative Ordnungen", und
Axel Honneth: "Er hat unser Denken über die Vernunft entmonologisiert und sozialisiert, zu einer
Sache des Gesprächs gemacht", sagt Forst. "So zu denken, dass die Vernunft nicht eine rein subjektive oder eine rein objektive Größe ist, sondern ein intersubjektives Vermögen:
kommunikative Vernunft eben." Und Honneth hält fest, dass Habermas "versucht hat nachzuweisen, dass die gesellschaftliche Evolution, die Geschichte nicht nur von der Entwicklung der ökonomischen Produktivkräfte geprägt wird, sondern mindestens so stark von den
Prinzipien des kommunikativen Handelns und damit von der Evolution der Moral als dem Ort, an dem sich eine Gesellschaft über ihre Werte, Normen und Regeln verständigt." In der
FR hatte Michael Hesse ebenfalls die Idee,
Rainer Forst zu interviewen. Habermas lehrte, hält Forst auch hier fest, dass "die Vernunft nicht primär als eine subjektive beziehungsweise objektive Größe des Denkens zu begreifen, sondern als
Verfahren der Verständigung unter Freien und Gleichen, die sich an Regeln des Argumentierens halten".
Bei Twitter
kursiert der Ausschnitt einer Rede, die die auch in Deutschland sehr erfolgreiche Autorin
Sally Rooney vor einigen Tagen in Dublin gehalten hat - natürlich gegen Israel (
mehr in der
Irish Times). Rooney spricht eine Kriminalisierung "propalästinensischer" Proteste auch in Deutschland an und erklärt, warum sie Israel neben den USA für den
Inbegriff einer kolonisierenden Macht hält, das andere, auch gemäßigte Länder, zu einem ähnlich brutalen Verhalten verführe. Deshalb, so kulminiert der Redeausschnitt, glaube sie, dass "die
Befreiung Palästinas zugleich
die Befreiung der Welt bedeutet".
Diese
eigenartige Israel-Fixierung großer Teile einer sich als links lesenden Öffentlichkeit
analysiert der israelische
Religionswissenschaftler Tomer Persico in einem längeren Tweet. "Beseitige Israel, und du rettest
die ganze Welt. Es geht weit über Rooney hinaus. In den letzten Jahren haben Künstler, Aktivisten und Wissenschaftler immer wieder Varianten derselben Behauptung vorgebracht: Israel als Erzfeind der Menschheit, dessen Verschwinden
irgendwie alle Probleme lösen würde... Israel ist zu einem westlichen Totem geworden, das die gesammelten Sünden
der gesamten westlichen Geschichte verkörpert. In einer unglaublichen historischen Ironie sind die Juden heute kein orientalisches, semitisches Paria-Volk, keine entartete, untermenschliche Rasse mehr, sondern die
reinste Verkörperung des Westens und die abscheulichsten Vorreiter weißer Vorherrschaft."