In mehreren deutschen Städten fanden gestern propalästinensische Demos statt - deutlicher kann man die Sympathie für ein Massaker nicht artikulieren.
Wir haben die Bilder des mörderischen Kriegs der Hamas alle gesehen, erinnert Esther Schapira in der Jüdischen Allgemeinen: "Der geschändete Körper Shani Louks auf dem Pick-up und die jubelnde Meute in Gaza; das angstverzerrte Gesicht von Shira Bibas mit ihren beiden kleinen Kindern Kfir und Ariel, die mit bloßen Händen erwürgt wurden; der ausgemergelte Eviyatar David, der sein eigenes Grab schaufeln musste." Aber diese Bilder seien für die meisten "längst verschüttet unter den Trümmern in Gaza. Dieser Krieg kennt nur Verlierer. Das war absehbar. Mit dem Ausmaß der Bereitschaft aber, die Barbarei zu legitimem 'Widerstand' umzudeuten, hatte nicht einmal die Hamas rechnen können. Im Mittelpunkt stand auch medial sofort die Sorge vor den Folgen der israelischen Selbstverteidigung. Die Opfer des 7. Oktober wurden emotional ausgebürgert, selbst wenn sie Deutsche waren wie die junge Studentin Carolin Bohl, die zum ersten Mal in ihrem Leben in Israel war und im Kibbuz Nir Oz ermordet wurde. Auch ihre Familie erlebt nun, dass es für ihren Schmerz kaum Resonanz gibt. In Berlin, der Stadt, in der Carolin lebte, triumphiert mit der Linken eine Partei, in der sich jene willkommen fühlen, die ihren Mördern zujubeln."
In der Welt schreibt Sergen Kaya über einen gestern stattgefundenen propalästinensischen Demonstrationszug in Berlin, an dem auch Greta Thunberg teilgenommen hat. Dann fällt der "Satz, der zeigt, wie Teile des Aufzugs die anwesenden Medienvertreter betrachten. 'Verpiss dich, du Zionisten-Journalist', ruft ein Demonstrant. Es bleibt nicht bei dieser Beschimpfung. Auch ein Team von Stern TV wird ähnlich angegangen. Wer den Aufzug an diesem Abend dokumentiert, wird von einigen Teilnehmern nicht als Beobachter wahrgenommen, sondern als Gegner. An der Ecke Mariannen- und Skalitzer Straße trifft die Demonstration auf einen kleinen pro-israelischen Gegenprotest. Dort werden israelische Fahnen geschwenkt. 'Lang lebe Israel', ruft ein Teilnehmer in Richtung des vorbeiziehenden Aufzugs. Die Antwort aus der pro-palästinensischen Demonstration folgt sofort: 'Fuck Israel.'" Der Demonstrationszug wurde letztendlich von der Polizei aufgelöst, es nahmen um die 800 Personen teil.
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Es ist deutlich geworden, dass Deutschland stark in ein System der Illusionserhaltung investiert, das die Menschen in einer Loyalitätshaltung gegenüber Israel gefangen hält, selbst wenn dieser Staat immer verrückter wird", so der propalästinensische indische SchriftstellerPankaj Mishra im SZ-Interview mit Andrian Kreye. Die öffentliche Meinung werde sich auch auf lange Zeit nicht mehr drehen. "Es herrscht breites Bewusstsein dafür, dass wir es mit einem völlig skrupellosen, außer Kontrolle geratenen Staat zu tun haben, den wir viel zu lange verwöhnt haben. Der im Bündnis mit christlichen Fundamentalisten in den Vereinigten Staaten steht, die nur am Weltuntergang interessiert sind, sowie mit einigen der rassistischsten und extremistischen Elemente der Gesellschaften Europas." Israel sei unter Netanjahu "grob, kriegerisch und auf Zerstörung aus. Die Öffentlichkeit hat dies viel früher erkannt als die politischen und journalistischen Eliten. Es kann keine Rechtfertigung für Gewalt geben."
In Venezuela gibt es kaum noch Hoffnung auf eine bessere Zukunft, schreibt Jan Heidtmann auf der Seite Drei der SZ über den derzeitigen Zustand des Landes. Erst die Hoffnung nach dem Ende des Maduro-Regimes, dann die internationale Hilfe nach dem verheerendem Erdbeben im Juni. "'Venezuela erlebt eine Wiedergeburt', so lautet der offizielle Slogan der Regierung vollmundig. Bei der Soforthilfe nach den Beben hatte offizielle Stellen noch jämmerlich versagt. (...) Die Menschen wissen, dass die USA jetzt den Ölhandel ihres Landes übernommen haben. Und sie wissen auch, dass in weiten Teilen des Landes trotzdem jeden Tag der Strom für mehrere Stunden ausfällt. Außerdem ist die Inflationsrate seit dem US-Coup explodiert, die Pension eines Lehrers beträgt jetzt umgerechnet noch einen Euro im Monat. Die meisten Menschen brauchen nicht mehr ein oder zwei Jobs, um durchzukommen, sondern drei oder vier." Die Interimspräsidenten Delcy Rodríguez, heißt es, müsse sich jeden Schritt von den Amerikanern genehmigen lassen. "Regiert werde nicht aus dem Präsidentenpalast Miraflores in Caracas, sondern aus dem Hotel Marriott im Bezirk Chacao. Dort residiert der US-Vertreter."
Am 7. Oktober vor drei Jahren ermordeten islamistische Terroristen mehr als 1.200 Israelis und verschleppten über 200 Geiseln, von denen die meisten nicht überlebten. Der Krieg, der damit in Gaza ausbrach, lässt eine Zweistaatenlösung wie einen Traum wirken. Doch während israelische und palästinensische Politiker alles daran setzen, "den Anderen 'loszuwerden', und nicht darauf, mit ihm zu leben", ist die Stimmung in der palästinensischen Bevölkerung umgeschlagen, versichert der im Exil lebende Palästinenser und Hamas-Kritiker Hamza Howidy in der taz. Laut einer jüngsten Umfrage, erzählt er, "ist die Zustimmung zur Hamas auf in der befragten Bevölkerung auf 24 Prozent gesunken", gleichzeitig "die Zustimmung zu einer Zweistaatenlösung im Gazastreifen auf 64 Prozent und im Westjordanland auf 56 Prozent gestiegen. Und ich weiß es aus all meinen Gesprächen mit meinen Freunden und Bekannten im Gazastreifen: Die Menschen dort dürsten nach einem Leben in Frieden. Sie dürsten nach einem Leben, in dem ihre Kinder morgens aufwachen und zur Schule gehen können. Sie sehnen sich nach einem Haus mit Dach über dem Kopf, das sie im Sommer vor der Hitze schützt und im Winter vor der Kälte. Und sie sind nicht interessiert an Fantasien eines ewigen Kampfes mit den Israelis." Howidy hofft auf eine internationale Lösung, gemeinsam mit den Europäern und den USA.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Auch der Palästinenser Aziz Abu Sarah und der Israeli Maoz Inon werben in der SZ für eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts. Beide haben Familienmitglieder durch die Gewalt der jeweils anderen Seite verloren: Inons Eltern wurden von der Hamas ermordet, Abu Sarahs Bruder starb an Verletzungen, die er in israelischer Haft erlitten hatte. Der Frieden ist aber näher als viele denken, meinen die beiden: "Vor vielen historischen Wendepunkten waren die Menschen überzeugt, dass Wandel unmöglich ist. Wer hätte den Fall der Berliner Mauer vorausgesehen? Wer hätte während des Völkermords geglaubt, dass Ruanda eines der stabilsten Länder Afrikas werden würde? Wer konnte sich das Ende der Apartheid vorstellen, das Karfreitagsabkommen in Nordirland oder den Besuch von Ägyptens Präsident Sadat in Israel? Wenn niemand diese Ereignisse zwei Wochen zuvor für möglich hielt, dann heißt das doch auch: Wir sind immer nur zwei Wochen vom Frieden entfernt." Der 7. Oktober ist in Israel von einem einmaligen Ereignis zu "einer Geisteshaltung" geworden, kritisiert der israelische Schriftsteller Etgar Keret mit bitterer Ironie in der SZ. Statt der israelischen Gesellschaft Raum zur Trauer zu geben und sie zur Ruhe kommen zu lassen, stürzt Netanjahu die Gesellschaft in einen Krieg nach dem anderen, meint er: "Denn er weiß: Endet dieser Tag erst einmal, dann hätte die verwundete, blutende Nation, die ihn gewählt hat, endlich Gelegenheit, sich einer Art Selbstreflexion und Abrechnung zu widmen. Wir würden vielleicht nicht länger an die Fiktion glauben, dass die Israelis noch immer Opfer eines permanenten Massakers sind. Wenn er seine Angstmacherei aber geschickt einsetzt und es schafft, regelmäßig neue existenzielle Bedrohungen heraufzubeschwören, könnte der 7. Oktober für alle Ewigkeit andauern. Deshalb gibt es immer wieder neue vermeintliche Bedrohungen: das finstere Gericht in Den Haag, der antisemitische Bürgermeister von New York, eine ganze Reihe von europäischen Ländern, die gegen Israel ist Stellung gehen. An existenziellen Bedrohungen für das jüdische Volk hat es ja noch nie gemangelt."
Jede Frage zum 7. Oktober muss geklärt werden, schreibt die Journalistin und Dozentin Souad Mekhennet in der FAZ zum dritten Jahrestag des Hamas-Pogroms. Auch Fragen darüber, was Netanjahu hätte wissen können. Die Hauptfrage aber ist für Mekhennet, welche Art neuen Antisemitismus der islamistische Blutkarneval erzeugt hat - auch an den Unis, wo sie lehrt: "Das Wort, nach dem die Studenten greifen, ist 'Israelis'. Das Wort, das die Männer mit den Gewehren benutzen, ist 'Juden'. Es ist legitim, das Verhalten der israelischen Regierung und ihrer Minister zu kritisieren; einiges davon ist unhaltbar, und Israelis haben das jede Woche auf ihren eigenen Straßen gesagt. Es ist legitim, es ist menschlich, um die Zivilisten von Gaza zu trauern. Etwas anderes begann in der Nacht des 7. Oktober, während das Töten noch andauerte: der Versuch, Israelis das Recht abzusprechen, überhaupt Opfer von Terror zu sein. In jener Nacht erklärten 34 Studentengruppen in Harvard das israelische Regime für die gesamte Gewalt allein verantwortlich."
Er werde sich zum Völkermord-Vorwurf gegen Israel äußern, sobald er nicht mehr als Anwalt für Gambia in einem anderen Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof tätig gegen Myanmar tätig ist, erklärt der VölkerrechtlerPhilippe Sands, Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, im FR-Interview mit Michael Hesse. "Im israelisch-palästinensischen Konflikt gibt es enormen Druck, zu sagen: Das ist Völkermord - oder: Das ist kein Völkermord. Ich verstehe, warum die Öffentlichkeit diese Fragen bewegen. Aber es gibt eine erhebliche Lücke zwischen dem, was gewöhnliche Menschen unter Völkermord verstehen, und dem, was internationale Richter juristisch als Völkermord definieren. Diese Lücke ist problematisch. Fest steht für mich: In der Ukraine wie auch in Israel und Gaza sind Verbrechen begangen worden. Daran besteht für mich kein Zweifel. Ob man sie als Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Völkermord bezeichnet, ist eine weitere Frage. Wir sollten uns stärker darauf konzentrieren, dass diese Verbrechen beendet und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, statt ausschließlich um das Etikett zu streiten." In de FAZ wird Sands von Hannes Hintermeier gewürdigt.
Die jüngsten Wahlen in Brasilien haben gezeigt: Es gibt jenseits des Charismatikers Jair Bolsonaro, der in Hausarrest sitzt und nicht mal wählen durfte, einen Bolsonarismus, schreibt Tjerk Brühwiller in der FAZ. Und so hat Bolsonaros Sohn Flavio, trotz mangelnder Ausstrahlung und vielen Affären 47 Prozent geholt. Der Bolsonarismus werde einerseits durch Hass auf die Linke zusammengehalten, so Brühwiller. Und er profitiert "vom Vormarsch der evangelikalen Kirchen in Brasilien, deren sozialkonservative Werte sich vielfach mit denen der neuen Rechten decken. Gleichzeitig bedient sich die Bewegung geschickt der sozialen Netzwerke und schafft darüber eine dauerhafte Mobilisierung. Bei den beiden Abgeordneten mit den meisten Stimmen handelt es sich denn auch um zwei relativ junge Politiker, deren Popularität weitgehend auf provokative Auftritte in den sozialen Netzwerken zurückzuführen ist."
Die Uno verhandelt über eine Resolution zur künftigen Verwendung einer gerechteren Weltkarte, der sogenannten "Equal-Earth-Projektion", die die Größe des afrikanischen Kontinents authentisch darstellen soll (und nicht verzerrt wie in der Mercator-Karte). Nur die USA haben bisher gegen den Vorschlag gestimmt. Der ehemalige BND-Mitarbeiter Hans-Josef Beth sieht das in der NZZ als einen Vorstoß, der an den wahren Problemen vorbeigeht: "In einer Zeit wachsender geoökonomischer und geopolitischer Konkurrenzen sind die Regierungen der 54 afrikanischen Staaten vielmehr gefordert, ihre traditionell stark auf bilaterale Aussenbeziehungen ausgerichtete Politik zu überwinden. Bis anhin verhandeln die afrikanischen Regierungen auch mit mächtigen Wirtschaftspartnern wie China, den USA, der EU oder den Golfstaaten meist einzeln und unter unvorteilhaften asymmetrischen Bedingungen. Wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten lassen sich auf Dauer aber nur durch engere regionale und kontinentale Abstimmungen erweitern. Deshalb fordert auch der südafrikanische Think-Tank Institute for Security Studies (ISS) unter Hinweis auf eine zunehmende Einflussnahme externer Akteure in Afrika 'regionale Antworten' und eine neue robuste Strategie der kontinentalen Staatengemeinschaft."
Erneut ist ein Krieg zwischen der Bundesregierung von Äthiopien und den Truppen der von der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) geführten Regionalregierung ausgebrochen, der letzte hat 600.000 Menschen das Leben gekostet. Über den Krieg spricht Paul Munzinger für die SZ mit dem deutschen Historiker Wolbert Smidt, der seit 2010 in der jetzt stark umkämpften Region Tigray lebt. Aktuell kommt er dort aber nicht mehr hin. Die Menschen vor Ort "fürchten, dass ihnen jetzt wieder eine Totalblockade bevorsteht, und damit eine Hungersnot. So wie während des letzten Krieges, als die äthiopische Regierung Tigray vollständig abriegelte. Viele fürchten, dass das jetzt wieder passiert. An Geld kommt ohnehin niemand mehr, alle Konten in Tigray wurden eingefroren." Ob die Bevölkerung eine der Seiten unterstützt? "Das ist ein großer Unterschied zur Situation 2020 und 2021: Damals gab es eine unglaubliche Energie in der Bevölkerung, eine riesige Verteidigungsbereitschaft. Das gibt es alles nicht mehr. Jetzt herrscht große Kriegsmüdigkeit. Und große Frustration darüber, dass die TPLF und die äthiopische Regierung nicht alle Wege ausgelotet haben, um Kompromisse zu finden. Die Menschen fühlen sich von allen Führungen verraten."
Laut den Recherchen der israelischen Journalisten Shlomi Eldar und Ruth Yuval soll Benjamin Netanjahu vor dem 7. Oktober 2023 Warnungen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten erhalten haben, "dass die Hamas etwas sehr Großes gegen Israel plane". Diese Warnungen habe Netanjahu ignoriert und keine weiteren Maßnahmen getroffen, weshalb er im Wahlkampf massiv unter Druck steht. Und er hat im Frühjahr 2024 diplomatische Bemühungen Ägyptens torpediert, ein Abkommen über ein Kriegsende zu schließen und die Geiseln zu retten, um seine rechtsextremen Regierungspartner bei der Stange zu halten, erklärt Eldar im Interview mit der Zeit: "Netanjahus Kriegskabinett trat nach dem Treffen zusammen und beschloss, den ägyptischen Plan anzunehmen. Ein Teil davon: 33 Geiseln freizulassen. Ron Dermer, der Minister, der Netanjahu am nächsten steht, fügte dem Abkommen sogar Anmerkungen hinzu. Sie schickten eine Fachdelegation zu den Ägyptern, um ihnen mitzuteilen: Okay, wir können nun voranschreiten und 33 Geiseln freilassen. Dann verließ Netanjahu das kleine Kriegskabinett und begab sich zum erweiterten Kabinett. Und plötzlich sagte Bezalel Smotrich, der rechtsextreme Finanzminister, zu ihm: 'Wenn du ein Abkommen mit der Hamas schließt, hast du keine Koalition mehr, hast du keine Regierung mehr.' Und wissen Sie was? Netanjahus Team rief den Leiter der israelischen Delegation in Ägypten, Oren Setter, an und sagte ihm: 'Alles sofort stoppen. Kein Abkommen.'"
Francesca Albanese, Juristin und seit 2022 "Sonderberichterstatterin zur Menschenrechtssituation in den seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten" und propalästinensische bzw. pro-Hamas-Aktivistin, hat in einem Interview kürzlich behauptet, der Antisemitismus habe "historisch eher nebensächlich mit dem Judenhass zu tun gehabt. Vielmehr sei sein Ursprung der 'rassistische Hass auf das Nicht-Weiße, das Nicht-Reine, das Nicht-Christliche' gewesen", weshalb der Holocaust sich eher rein zufällig vor allem gegen Juden gerichtet habe, berichtet Matthias Rüb in der FAZ. Beleg dafür war ihr die Bezeichnung "Muselmane" für Juden auf dem Weg in die Gaskammer - was grober Unfug ist, Muselmane nannte man in den KZs Häftlinge, die innerlich aufgegeben hatten und dem Tod näher waren als dem Leben. Inzwischen hat sie sich entschuldigt, so Rüb, weil sie das Wort Antisemitismus falsch verstanden habe (mehr dazu in der Welt). Jürgen Kaube fasst sich angesichts von Albaneses totaler Unkenntnis an den Kopf: "Ihre Kombination von maximal scharfen Urteilen und minimalem Wissen, verpackt in der Behauptung, Expertin zu sein, ist fatal. Fataler noch: Francesca Albanese steht mit dieser nonchalant törichten Herangehensweise an die ernsthaftesten Krisen unserer Zeit nicht allein. Im März 2025 hatten sich 77 deutschsprachige Völkerrechtler gegen die Absage von Vorträgen Albaneses an hiesigen Universitäten verwahrt. Sie verstoße gegen Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit. Was für eine Wissenschaft denn? Zum Glück gelang es den Juristen nicht, aus dem Grundgesetz eine Pflicht von Universitäten herauszulesen, Dummheit zum Vortrag zu bitten."
Idris Nassery, Professor für Islamische Rechtswissenschaft in Paderborn, schlägt in der FAZ vor, dem Regime in Afghanistan "in der eigenen Sprache zu widersprechen", was heißt, ihm mit dem Koran in der Hand eine Missachtung des Islam entgegenzuhalten: "Fünf Jahre nach der Machtübernahme gibt es in Afghanistan keine Verfassung, keine Ordnung der Zuständigkeiten, keine veröffentlichten Urteile und keine Instanz, die den Vollzugsapparat überprüft. Der oberste Führer ist Regierungsspitze, letzte Rechtsquelle und höchste gerichtliche Instanz in einer Person. Zwar mag dies nach außen als Konzentration religiöser Autorität erscheinen, jedoch kennt die islamische Jurisprudenz Sätze, die einen solchen Zustand untersagen, und sie sind älter als jede europäische Verfassung."
In Syrien gab es in den letzten zwei Wochen massive Proteste gegen die Entscheidung der Regierung von Präsident Ahmed al-Scharaa, den Diesel-Preis anzuheben und rang der Regierung sogar einen Kompromiss ab, erklärt der Politikwissenschaftler Muaz Al-Abdullah im Zeit-Online-Interview mit Alicia Kleer. Das sei alleine schon deshalb bemerkenswert, weil es zeigt, wie sehr sich die Bevölkerung verändert hat. "Syrer akzeptieren nicht mehr, dass die Regierung etwas beschließt, ohne an die Bevölkerung zu denken. Als im Nordosten wegen der Weizenpreise demonstriert wurde, hat Al-Scharaa eine Kompensation ausgezahlt. Aber es ist nicht mehr wie unter Assad: Hier hast du Brot, also sei leise. Die Revolution hat die Syrer verändert. Viele waren im Ausland, kennen die politischen Systeme in Europa, haben ein anderes Demokratieverständnis entwickelt. Sie kennen ihre Rechte - und dazu gehört auch das Recht, zu protestieren."
In Äthiopien flammt der vor ein paar Jahren mit Mühe und nach 600.000 Toten beendete Bürgerkrieg wieder auf. Die Tigray-Volksbefreiungsfront und Bündnisgenossen stellen sich gegen Ministerpräsident Abiy Ahmed. Dominic Johnson versucht in der taz, die komplizierte Lage zu erklären: "Abiy Ahmed verspricht den Äthiopiern mit der PP eine leuchtende Zukunft: Öffnung der Wirtschaft für ausländisches Kapital, ein Ende der Energieknappheit dank der Vollendung des großen Renaissance-Staudamms GERD am Blauen Nil und damit ein Ende der Massenarmut und wiederkehrenden Hungersnöte. Er schloss Frieden mit Eritrea und erhielt dafür 2019 den Friedensnobelpreis. Die Hauptstadt Addis Abeba glänzt mit Neubauvierteln, modernem öffentlichen Nahverkehr und der Förderung von E-Autos. Aber politische Freiheiten sind schmal und in den ländlichen Regionen, wo nach wie vor die meisten Menschen leben, bleiben alte autoritäre Herrschaftsmuster intakt: privater einheimischer Landbesitz bleibt verboten, allmächtige Sicherheitsapparate sorgen für eine engmaschige Kontrolle der Bevölkerung."
Die schweizerisch-jemenitische Politologin Elham Manea zeichnet in der NZZ den Aufsteig der Huthi nach und erklärt, wie aus einer kleinen lokalen Protestbewegung im Norden Jemens ein geopolitischer Machtfaktor werden konnte. Vor allem im Zuge des Gazakrieges rückten die Huthi in den internationalen Fokus: "Nach dem 7. Oktober 2023 stellten sie ihre Raketen-, Drohnen- und Seeangriffe als Solidarität mit Palästina und als Teil der breiteren 'Achse des Widerstands' dar. Das sollte nicht als bloßer Opportunismus abgetan werden. Palästina nimmt in der ideologischen Weltanschauung der Huthi einen wichtigen Platz ein. Doch die Kampagne erfüllte zugleich lokale und regionale Zwecke: Sie stärkte die Mobilisierung im Innern, erhöhte den Status der Bewegung und verwandelte Jemens Geografie in einen strategischen Hebel. Die Meeresstraße von Bab al-Mandab wurde nicht nur zu einem jemenitischen Nadelöhr, sondern zu einem Instrument regionalen Drucks."
Im Interview mit dem Standard sagt die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz wie immer eine Menge kluge Dinge über die Linke und deren Antisemitismus. Und sie zeigt, wie eine progressive linke Kritik an der Regierung Netanjahu und den Siedlern im Westjordanland klingt, die nicht von Antisemitismus getrieben ist: "Die Tatsache, dass es dieser israelischen Regierung nicht gelungen ist, die Gewalt dieser Siedler zu stoppen, die sich wie Selbstjustizler verhalten, lässt den Staat Israel so erscheinen, als wäre er selbst ein Terrorstaat, und das ist inakzeptabel. Denn jeder legitime Staat unterscheidet stets zwischen legitimer und illegitimer Gewalt. Dieser Siedlerterrorismus hat das, was Israel eigentlich erreichen sollte, zutiefst kompromittiert und untergraben, nämlich die Unterscheidung zwischen der illegitimen Gewalt der Hamas und den berechtigten politischen Forderungen der Palästinenser, der Reaktion auf die Invasion im Gazastreifen und der terroristischen Gewalt im Westjordanland. Diese israelische Regierung hat ihr gesamtes Kapital auf schändliche Weise verschleudert. Meiner Ansicht nach ist Netanjahu antizionistisch. Er handelt nicht in einer Weise, die Rücksicht auf die Palästinenser oder auf die Interessen Israels und des jüdischen Volkes weltweit nimmt."
Den Irankrieg haben eigentlich sowohl der Iran als auch die USA verloren. Im Grunde brauchen beide einen Friedensvertrag, aber in beiden Ländern darf die Führung das nicht zugeben. Die Niederlage muss wie ein Sieg aussehen, erklärt bei Zeit online Omid Rezaee. Die Warnung des iranischen Khatam-al-Anbiya-Hauptquartiers, die "USA hätten beschlossen, mit 'grünem Licht einiger Staaten der Region' erneut Maßnahmen gegen den Iran vorzubereiten", richtet sich laut Rezaee daher nach außen wie nach innen. "Sollte auf die martialische Warnung kein US-Angriff folgen, sondern ein Abkommen, ließe sich die Geschichte so erzählen: Die USA hätten wegen der iranischen Abschreckung auf einen neuen Angriff verzichtet und seien schließlich gezwungen gewesen, sich mit dem Regime zu verständigen. Eine Einigung könnte dann als Erfolg des Widerstandes erscheinen, nicht als dessen Ende. Auch Trump braucht eine solche Erzählung. Ein klarer militärischer Sieg der USA ist in diesem Krieg kaum absehbar. Ein umfassendes Abkommen und ein Ende der Kämpfe noch vor den Wahlen im November könnten ihm dagegen erlauben, einen politischen Erfolg zu reklamieren. Er hat bereits erklärt, er sei bereit, am Rande der UN-Generalversammlung in New York den iranischen Präsidenten Massud Peseschkian zu treffen."
Im Zeit-Online-Gespräch hat Ephraim Sneh, Brigadegeneral der israelischen Armee im Ruhestand, ehemaliger stellvertretender Verteidigungsminister der sozialdemokratischen Arbeitspartei und heute im Vorstand der regierungskritischen Gruppe "Commanders for Israel's Security", wenig Zweifel daran, dass die israelische Regierung vor hat, die Palästinenser sowohl in Gaza, als auch im Westjordanland loszuwerden, auch wenn es nicht Teil des offziellen Programms ist: "Nehmen Sie zum Beispiel die Politik, Gaza weitgehend zu zerstören. Sie ist nicht durch militärische, professionelle oder operative Erfordernisse bedingt. Sie ist ein klares Signal an die Radikalen in der Koalition: Wir bereiten den Boden für euch. Die Formel lautet: Besatzung, Vertreibung, Siedlung. Am Ende werden die Lebensbedingungen für die zwei Millionen Palästinenser in Gaza so schlecht sein, dass es als humanitäre Geste erscheinen wird, das Gebiet zu evakuieren."
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Ole Könnecke: Der letzte Zauberspruch Abenteuer pur: Drachen, Höhlen, fliegende Hexen und ein Zauberbuch. Dulcinea freut sich riesig auf drei Tage ohne Papa - endlich Zeit für ihr Zauberbuch, verrückte Ideen…
Caryl Lewis: Wenn die Bienen schweigen Anu Stohner. Die Farben der Rebellion sind bunt! Nachdem die letzte Biene ausgestorben ist, gerät die Welt aus den Fugen. Im Alter von elf Jahren werden Mädchen in Camps…
Philipp Blom: Die strauchelnde Welt Wo liegt der Ursprung der existenziellen Krisen, mit denen die Welt heute kämpft? Die Bilanz einer Epoche (2001-2014) von Bestsellerautor Philipp Blom Das 21. Jahrhundert…
Wolf Biermann: Mit uralten Kinderaugen Seit seinem wunderbaren Überleben im Inferno der Bombennächte 1943, in denen, wie er schrieb, seine Lebensuhr festschmolz und er für immer sechseinhalb Jahre blieb, sieht…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier