Gestern stach
ein Attentäter in London im Stadtviertel Golders Green auf zwei Menschen ein. Auch zu diesem Attentat bekannte sich das iranische Terrornetzwerk "
Hayi", das seit einigen Monaten in vielen europäischen Städten aktiv ist und meist auf Juden zielt. Welche Organisationsform "Hayi" hat, ist allerdings noch recht unklar,
schreibt Frederik Eikmanns in der
taz: "Der Terrorismusexperte
Hans-Jakob Schindler vom Counter Extremism Project mit Sitz in Berlin und New York sagt der
taz etwa: 'Es geht hier weniger um eine Terrorgruppe als vielmehr um ein
Narrativ des Regimes in Teheran.' Ein echtes Netzwerk bestehe zwischen den bisher festgenommenen Verdächtigen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht, es handle sich eher um
kurzfristig angeworbene Kriminelle als um Terroristen im klassischen Sinn. Auf diese Strategie habe die iranische Führung schon 2022 gesetzt, als sie ein Mitglied der Hells Angels dafür bezahlte, einen Molotowcocktail auf eine Synagoge in Bochum zu werfen, wobei er eine nahe Schule traf."
Einen längeren Hintergrundartikel zu "Hayi" gibt es im französischen Magazin
Le Grand Continent. Die Gruppe versucht vor allem im
linksextrem-antisemitischen Umfeld in Europa Sympathien zu erwecken,
analysiert dort die Soziologin
Héloïse Heuls: "Die von 'Hayi" initiierten Aktionen, die sich in Form von Brandstiftung oder kostengünstigen Sprengversuchen gegen Ziele richten, die mit der
jüdischen Gemeinschaft oder amerikanischen Finanzinstituten in Verbindung stehen, zielen vor allem auf eine
psychologische und mediale Wirkung ab. Bislang bleiben sie unterhalb der Schwelle eines groß angelegten Angriffs, dessen Überschreitung das Sympathiekapital gefährden könnte, das die Organisation bei bestimmten Zielgruppen genießt, die dem iranischen Regime nahestehen oder sich in den Grauzonen des
antiwestlichen Online-Aktivismus bewegen."
Mehr zu "Hayi" und dem gestrigen Anschlag in London im
Guardian.
Nicht mehr die Mullahs herrschen über den Iran, sondern die
Revolutionsgarden, hält Friederike Böge in der
FAZ fest, die sich auf verschiedene Quellen und Experten bezieht - die Mullahs sind an dieser Entwicklung übrigens selbst schuld: "Die Machtergreifung der Garde hat sich seit Langem abgezeichnet. Schon früh in seiner Amtszeit ging Ali Khamenei
einen Pakt mit den Revolutionswächtern ein, um seine Position gegen Rivalen und innere Unruhen abzusichern. Er verhinderte Bemühungen, den Einfluss der Garde einzudämmen. Er öffnete ihnen die Türen zur Unterwanderung ziviler Institutionen. Er ließ sie
wirtschaftlich profitieren von Staatsaufträgen und dem Aufkauf staatlicher Betriebe. Er gestand ihnen erheblichen Einfluss auf die Außenpolitik zu und machte sie zur führenden Kraft der inneren Sicherheit." Dem Sohn Khameneis,
Modschtaba Khamenei, der bisher so verschwunden ist wie der zwölfte Imam, komme nun offenbar eher eine
zeremonielle Rolle zu.
Laurent Joffrin
analysiert in
librejournal.fr die
Entwicklungen in Mali: Der Rückzug der französischen Armee vor zehn Jahren wurde von Postkolonialisten als
Ende der "
Françafrique" gefeiert. Seitdem etablierte sich dort eine brutale Militärdiktatur, die sich, statt der Franzosen, die
Putins Wagner-Truppe als Bündnispartner suchte. Den Siegeszug der
Dschihadisten aber kann sie nicht aufhalten: "Anders gesagt: Die dekoloniale Leseart - die darin bestand, die ehemalige Kolonialmacht für das Unglück des unabhängigen Mali verantwortlich zu machen - führte zu einer
dramatischen Verschlimmerung der Lage... Daraus folgt, dass das Schicksal Malis nicht durch das überholte Schema des Postkolonialismus verstanden werden kann, sondern vielmehr durch das Spiel der
neuen Imperien, Chinas und Russlands, die Afrika zu einem Feld wirtschaftlicher und politischer Eroberung gemacht haben, sowie durch den grenzüberschreitenden Kampf der
islamistischen Kräfte, die ihren Einfluss auf dem Kontinent ausweiten wollen."
Die Behauptung, die Israelis begingen im
Gazastreifen einen Genozid, ist zwar schon oft widerlegt worden, aber Sven Felix Kellerhoff
macht sich in der
Welt trotzdem nochmal die Mühe - denn die Behauptung wird von dem Kandidaten für den Vorsitz der Linken
Luigi Pantisano nochmal populär gemacht und könnte in Wahlkämpfen eine Rolle spielen. Kellerhoff hält fest: "Keineswegs strebt Israel die 'Zerstörung' der Palästinenser an; im Gegenteil gab es immer wieder Ankündigungen bevorstehender Angriffe, Schutzzonen für Zivilisten und teilweise das '
Anklopfen' durch nicht scharfe Munition direkt vor echten Präzisionsangriffen... Auch wurde die Bevölkerung in Gaza eben nicht wochen- oder gar monatelang von der
Lebensmittelversorgung abgeschnitten. Im Gegenteil: Transporte kamen so oft wie möglich in das Kampfgebiet - allerdings verhinderte die Hamas derlei oft und nahm so die eigene Bevölkerung als Geisel. Unnötig zu betonen, dass es weder eine Fortpflanzungsbehinderung gab noch die Zwangsadoption von palästinensischen Kindern." Auf eine ausführliche Studie des Begin-Sadat-Centers für Strategische Studien (BESA) an der Bar-Ilan-Universität hatte die
Jüdische Allgemeine im September letzten Jahres hingewiesen (unser
Resümee und Link).