Adam Bodor

Waldohreule

Erzählungen
Cover: Waldohreule
Secession Verlag, Zürich 2025
ISBN 9783966391306
Gebunden, 564 Seiten, 30,00 EUR

Klappentext

Aus dem Ungarischen von Timea Tankó. Eine junge Frau verbringt einen Tag auf einem Gebirgspass, zwei Männer fahren mitdem Boot durch einen Abwasserkanal, eine Gruppe unterschiedlicher Menschen flicht Körbe, ein Mann hält in einer Bewegung inne und sorgt so für Unruhe. Die Welten, die uns hier begegnen, sind geheimnisvoll, doch die Regungen ihrer Bewohner verblüffend, oft erschütternd bekannt. Das Beschriebene nimmt nicht den Umweg über den Verstand der Lesenden, sondern wirkt unmittelbar, beinahe körperlich. Mit nur wenigen Worten gelingt es Bodor, die verborgensten Winkel menschlicher Empfindungen auszuleuchten, sei es Liebe, Grausamkeit, Einsamkeit oder die Verbundenheit mit der Welt. Seine Protagonisten sind Reisende, Verbannte und Neuanfänger,die sich in elegante, stets passgenaue Sätze gekleidet durch verregnete Straßen,nebelverhangene Wälder, über hitzeflirrende, ins Ungewisse führende Pfade bewegen. Die Verhältnisse sind vergänglich, wie auch immer sie gestaltet sein mögen. 

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 28.03.2026

Für Ádám Bodors Texte ist die fragmentarisch-kurze Form der Erzählung perfekt geeignet, konstatiert Rezensent Fokke Joel: Bodor stammt aus der ungarischen Minderheit Siebenbürgens und war in der sozialistischen Diktatur in Haft, eine Ausgangssituation, die viele Fragen hervorruft, die wiederum in den Kurzgeschichten zum Nachdenken anregen. Da ist zum Beispiel das Leben der Figur Géza Bahleda, der 25 Jahre im Gefängnis saß und in seinem Dorf nichts mehr kennt als das Gasthaus, erfahren wir, oder die Pianistin Gizella Weisz, die einem in die Verbannung Geschickten folgt. Die Geschichten, in denen oft auch die Natur eine wichtige Rolle spielt, verweigern sich gerade der Identifikation, statt Gefühl steht die Aufforderung zum Selbstdenken im Vordergrund, was sie Joel zufolge zu einer guten Lektüre für unsere Zeit macht, auch wenn sie in der Zeit der rumänischen Diktatur spielen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.01.2026

Rezensent Franz Haas entdeckt in Adam Bodor einen faszinierenden Vorläufer von Peter Nadas, Peter Esterhazy und Laszlo Krasz. Die im Band versammelten 54 Erzählungen über die ungarische Minderheit in Rumänien und den Schrecken der Securitate erscheinen ihm frei von Larmoyanz und durchsetzt mit finsterem Witz und nüchternem Realismus. Meisterlich dicht, decken die Texte die gesamte Schaffenszeit des Autor ab, erklärt Haas, der allerdings schmerzlich Hintergrundinformationen zu den Texten vermisst. Einen Kommentar, Vor- und Nachwort besitzt das Buch leider nicht, beklagt der Rezensent. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 05.11.2025

Mit diesem großartigen Erzählband könne dem bedeutenden ungarisch-rumänischen Schriftsteller auch der Durchbruch im deutschsprachigen Raum gelingen, meint Rezensentin Angela Gutzeit. Der Band skizziert die Landschaft Osteuropas, eine multiethnische Region, die von bewaffneten Konflikten, diktatorischen Herrschaften und gewaltsamen Territoriumsverschiebungen geprägt wurde. Bodors Geschichten handeln häufig von einfachen Menschen, die durch unsichtbare Mächte aus der Bahn geworfen werden. Gutzeit lobt, dass Bodor "meisterhaft existenzielle Bedrohungen in unerklärliche Ereignisse kleidet" - genau die richtige Dosis, um Kontraste sichtbar werden zu lassen. Die Geschichten sind von der kommunistischen Macht geprägt, die das Leben verdunkelt, ohne sich konkret zu zeigen. Subtil lässt der Autor, dessen Kurzprosa zwischen Novelle und Ballade oszilliert, auch die Spuren seines dreijährigen Gefängnisaufenthalts 1952 - als einer von Vielen verurteilt vom kommunistischen Regime Rumäniens - in die Erzählungen einfließen. Kritikpunkt: dem Band fehlt ein Vor- oder Nachwort zu Autor und Werk. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 15.10.2025

Als "sacht und alltäglich" beschreibt Rezensent Marko Martin den Erzählband des ungarischen Autors Ádam Bodo. Mit scharfem Blick und sachlicher Gelassenheit erzählt er von Momenten, in denen die Ordnung der Wirklichkeit zerbricht. Anfangs kaum bemerkbar, entfalten die Veränderungen im Verlauf zunehmend dramatische Auswirkungen und führen ins Irreale. Die Texte entfalten sich in ruhiger, unaufgeregter Diktion, die weder durch schnellen Rhythmus noch auffällige Metaphern überrascht, dabei aber subtil Irritation erzeugt und aufzeigt, dass in unserer "fragilen, zufälligen Existenz" nahezu alles möglich ist - auch das Schlimmste, das bei Bodor stets leise und fast unbemerkt eintritt. Und doch lassen die Erzählungen immer wieder die "Chancen von Handlungsoptionen" aufleuchten, verrät der Kritiker. Ein wahres "Geschenk" ist dieses Buch, versichert Martin und zollt auch Timea Tankó Respekt, die hier "so präzis wie elegant" übersetzt hat. 

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