Alberto Grandi

Mythos Nationalgericht

Die erfundenen Traditionen der italienischen Küche
Cover: Mythos Nationalgericht
Harper Collins, Hamburg 2024
ISBN 9783365006252
Gebunden, 256 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Andrea Kunstmann. Weltweit gilt die italienische Küche als Inbegriff von Genuss und kulinarischer Perfektion. Und nichts ist in Italien so heilig wie die prodotti tipici, die regionalen Spezialitäten, die anerkannte Siegel wie DOC oder DOP tragen. Exportschlager wie Parmigiano Reggiano, Prosciutto di San Daniele oder Dolcetto d'Alba werden als nationales Kulturgut gehandelt. Kaum ein anderes Buch erhitzte die italienischen Gemüter daher so sehr wie die Erkenntnisse des in Parma lehrenden Wirtschaftshistorikers Alberto Grandi: Die viel gehypte Authentizität italienischer Produkte sei vor allem auf geschickte Marketingstrategien der Lebensmitteindustrie in den Siebzigerjahren zurückzuführen, deren angeblich uralte Herkunft schlicht erfunden. Parmesan, wie er früher einmal war, bekommt man mittlerweile nur noch in Wisconsin. Alberto Grandi brachte damit das nationale Selbstverständnis seines Landes ins Wanken, die Empörung reichte bis in die Regierungskreise und über die Landesgrenzen hinaus. Warum Nationalismus manchmal auch auf dem Teller beginnt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.06.2024

Rezensent Andreas Rossmann lässt sich von dem Wirtschaftshistoriker Alberto Grandi steile Thesen um die Ohren hauen, die belegen sollen, dass die italienische Nationalküche eigentlich nur eine Erfindung der Lebensmittelindustrie ist. Dazu beigetragen haben die Inflation von Güte- und Herkunftssiegeln, "aggressives Marketing" und Herkunftsschwindel bei Weinen, Schinken und Tomaten, erfahren wir. Das ist interessant, meint Rossmann, es geht aber eigentlich weniger um die italienische Küche an sich als vielmehr um die Vermarktungsmechanismen, sodass die zentrale These, die italienische Küche sei eine noch junge Werbeerfindung, nur bedingt halten lässt. Dennoch ein interessantes Buch, befindet der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.06.2024

Mit großer Freude liest Rezensent Franz Kotteder Alberto Grandis Entzauberung der italienischen Küche. Diese sei nämlich erst vor 50 Jahren durch kluges Marketing und größtenteils in Amerika entstanden, fasst Kotteder die steilsten Thesen zusammen. Dabei geht Grandi auch darauf ein, dass viele Gerichte im Mittelalter, wenn überhaupt, nur den Adligen zugänglich waren, das normale Volk also nie von diesen Gerichten gehört hat, erfahren wir. Das liest sich alles sehr unterhaltsam, allerdings hätte sich Kotteder doch "das eine oder andere differenzierende Wort" oder Anerkennung von italienischen Koch-Bewegungen gewünscht, die Gerichte tatsächlich traditionell und regional zubereiten wollen. Trotzdem biete dieses Buch beste Unterhaltung und lässt den deutschen Leser mit der Frage zurück, wann denn die Currywurst in den "deutschen Küchenkanon" aufgenommen werde, schließt der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.06.2024

Bei Wirtschaftshistoriker Alberto Grandi liest Rezensent Jakob Strobel y Serra von der skandalösen These, die italienische Küche sei eine Erfindung der modernen Marketingbranche. Der Rezensent ist davon ganz und gar nicht überzeugt. Der Autor mache weder vor der Pasta noch dem Parmesan Halt, mit hanebüchenen Strohmann-Argumenten spreche er etwa den italienischen Teigtaschen ihre Geltung ab: Da es schließlich auch in anderen Ländern gefüllte Pasta gebe, könnten Ravioli und Co. unmöglich als italienisch gelten - der Kritiker kann hier nur den Kopf schütteln. Weder scheint Grandi den Sinn hinter den strengen Reglementierungen italienischer Lebensmittel zu kennen, noch sein Sujet historisch einordnen zu können. Beweise für seine Behauptungen bleibt der Autor dem Kritiker ebenfalls in fast allen Fällen schuldig. Wissenschaftlichen Standards genügt dieses Buch nicht, meint der erzürnte Kritiker, zum lebendigen Streit über die italienische Küche regt es durchaus an.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 28.05.2024

Klug und unterhaltsam, so lautet das Urteil von Rezensentin Catherine Newmark über die deutsche Ausgabe der Studie von Alberto Grandi über die Nationalgerichte seines Landes - oder zumindest die, die man heute damit assoziieren mag.  Interessant findet Newmark die These, dass viele dieser Gerichte erst durch den wirtschaftlichen Aufschwung Italiens in den 1950er Jahren populär wurden und im vorindustriellen Italien so nicht existierten. Mit seinem sozialgeschichtlichen Ansatz zeige Grandi, wie viel mehr die Vorstellung einer homogenen italienischen Küche mit Industrialisierung, Massenproduktion und touristischen Vermarktungsstrategien zu tun hat als mit historischen Kontinuitäten. Nun bemühe sich die Regierung Meloni die junge italienische Küche als immaterielles Weltkulturerbe, anerkennen zu lassen. Umso mehr schätzt also die Rezensentin den polemischen Ton Grandis, der die Absicht des Buches unterstreicht, die italienische Küche von ihrer Mythologie her aufzurütteln.

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