Aleida Assmann und Ute Frevert legen die Schichten unter der Oberfläche der jüngsten Vergangenheits-Debatten frei. Die zentralen Schlagworte - Schlußstrich, Normalisierung, Instrumentalisierung, Schuld, Scham - haben eine eigene Geschichte von Bedeutung und Gebrauch, auch von Mißbrauch. Diese Begriffs-Geschichten zu erzählen, erhellt den inneren Zustand Deutschlands und seines Denkens mehr als viele Reden. Die Autorinnen markieren den Platz der erregten Diskussionen, etwa zwischen Martin Walser und Ignaz Bubis, über die Erinnerung an den Holocaust innerhalb der gesamten deutschen Gedenklandschaft.
Je länger die Zeit des Nationalsozialismus her ist, desto erregter werden die Debatten, behauptet Klaus Naumann und sieht diese These von Aleida Assmanns Untersuchung der bundesrepublikanischen Erinnerungsgeschichte hinreichend behandelt und bestätigt. Anhand der Schlagworte der Walser-Bubis-Debatte von 1998 habe Assmann eine Art "Erregungsspur" entlang den vielen Debatten zurück bis 1945 verfolgt und dabei kulturelle Muster vorgefunden, die einander ins Gehege kommen: "schamkulturelle Peinigungen" kollidieren mit "schuldkulturellen Zumutungen". Nicht folgen will Naumann der These Assmann/ Freverts, der dritten Generation sei dieser Konflikt fremd geworden, die jungen Menschen bedienten sich einer Sprache der Verantwortung, ein Umstand, den Neumann anders einordnet. Insgesamt jedoch, lobt der Rezensent, gebe das Buch einen "instruktiven Einblick" in 50 Jahre Erinnerungsgeschichte der BRD, komplettiert durch Freverts deutsch-deutschen Vergleich.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 15.03.2000
Norbert Seitz schildert ausführlich, wie die Autorinnen ihre Studie über die bundesdeutsche Erinnerungsgeschichte aufgebaut haben: Im ersten Teil des Buches wird die westdeutsche Geschichtsdebatte anhand von Schlagworten wie "Schlussstrich" oder "Moralkeule" untersucht. Dabei geht es um die drei großen Phasen deutscher Vergangenheitsbewältigung, referiert Seitz weiter, erst die "massive Abwehr" in den ersten Jahren nach dem Krieg, dann die Kritik der 68er an der Elterngeneration und schließlich die "systemtranszendierende Geschichtsbesessenheit der 80er und 90er Jahre. Im zweiten Teil gehe es dann um die offizielle Geschichtspolitik der DDR mit ihrer "antifaschistischen Gründungslegende". Eine Meinung mag Seitz zu dem Buch nicht recht äußern. "Immerhin", schließt er sein Referat ab, zeige der Band, dass "das rituelle Gedenken" in der Bundesrepublik und der DDR "mehr Gemeinsamkeiten aufwies, als den Sympathisanten hüben wie drüben sympathisch sein konnte".
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