Wie einst für Hamlet ist heute die Ordnung der Zeit aus den Fugen geraten. Die Zukunft hält nicht mehr, was sie einmal verspochen hatte, die Gegenwart ist unübersichtlich geworden und die Vergangenheit gibt keine Ruhe und kehrt in vielfältigen Gestalten zurück. Der Grund für dieses temporale Chaos ist der Niedergang des modernen Zeitregimes, das uns bis vor kurzem auf die Zukunft ausgerichtet hatte und die Vergangenheit vergessen ließ. Aleida Assmann blickt zurück auf diese Zeitordnung der Moderne und beschreibt ihre Orientierungskraft an Beispielen aus der Geschichte und der Literatur. Sie fragt nach den Gründen für die Krise des modernen Zeitregimes und zeigt, welche Erfahrungen zu seinem Niedergang geführt haben.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 04.06.2014
Von Aleida Assmann lässt sich Lea Haller die "Kontinentalverschiebung" unserer Zeitordnung, der Vergangenheit vor allem, erläutern. Wie kam es zur Auflösung der linearen Zeitachse? Niedergang des Sozialvertrags, Ölkrise usw. - Haller erkennt rasch, dass es der Autorin um die Gründe nicht sehr zu tun ist, sondern Assmann schaut, was Historiker und Philosophen dazu zu sagen haben. Nach einer laut Haller von Redundanzen nicht freien Darstellung des modernen Zeitregimes mit Reinhart Koselleck als Paten, lässt die Autorin, so Haller weiter, Kulturpessimisten wie Gumbrecht oder Hartog zu Wort kommen, um schließlich zu verkünden, der Fall des modernen Zeitregimes sei eigentlich nicht bedauernswert, sondern eine Erlösung. Wie die dahinter stehende Neuordnung aussieht und was genau sie bewirkt, hätte Assmann nach Ansicht der Rezensentin allerdings gern genauer in den Blick nehmen können.
Oft genug wurde beklagt, dass uns die Zukunft abhanden gekommen ist, dass Vergangenheit uns nicht los lässt und die Gegenwart sich in ein Meer aus Daten und Problemen ergießt. Daher findet es der hier rezensierende Germanist Steffen Martus richtig toll, dass Aleida Assmann dem Ende des alten "Zeitregimes" auch etwas Positives abgewinnen kann. In ihrem Buch "Ist die Zeit aus den Fugen" beschwört sie die Chancen einer Geschichte, die nicht nur von den Historikern verwaltet und in den Archiven verstaubt, sondern revitalisiert und in ihrer Vielfalt und Lebendigkeit angenommen wird. Schade findet er daher - neben einigen repetitiven Passagen -, dass Assmann am Ende doch am Singular des einen Zeitregimes festhält, statt auch hier die Vielfalt zu denken. Auf Martus wirkt das wie ein Halt auf halber Strecke.
Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…