Aus dem Spanischen von Gisbert Haefs. Sie haben anderes im Sinn, die alten und gegen ihren Willen weise gewordenen Männer dieses sich selbst überlassenen Hinterlands. Sie erschaffen ihre Vergangenheit, erzählen von überwundenen Gegnern, irregeleiteten Attentätern, »seidigen« Mädchen; sie erzählen in knappen, zeitraffenden Bögen oder in fahrigen Sprüngen, und immer ergibt sich ein ganzer Lebenslauf. Ihr Land ist ihnen eine Legende, an der mitzustricken ihre verdammte Pflicht ist. Eine weite Region am Ufer großer Flüsse, ein tropisches Amerika der unscharfen Grenzen, der alten Machtkämpfe und wilden Bekriegungen, des feuchtheißen Klimas, wo der Zerfall und die schwer greifbare Niederlage lauern. Eine grelle Vergangenheit, von den Geschichtsschreibern und den Machthabern ebenso immer wieder umgedeutet wie von den jungen Seminaristen und Guerrilleros; eine Gegenwart, die verwirrend anbrandet als sinnlicher Augenblicksgenuss, als Erfahrung der Hinfälligkeit oder der Vergeblichkeit. Vor diesem Hintergrund eines Lateinamerika, das sich nicht mehr hinter den Schleiern eines magischen Realismus verbirgt, entfalten sich Rossis sechs scharf umrissene Geschichten.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 10.03.2001
Den Rezensenten mit dem Kürzel "ebl" lässt die Lektüre der sechs hier versammelten Prosastücke einigermaßen verwirrt zurück. Atmosphärisch dicht findet er sie allesamt, soviel verstehen wir, dann aber macht sich die Verwirrung auch in der Besprechung bemerkbar. Worum es geht? Um Historie resp. Wahrheit womöglich, um ihren Ursprung und ihren Sinn - vielleicht. Aber ganz bestimmt ohne politischen oder ideologiekritischen Hintergedanken, da ist sich "ebl" sicher. Und weil er jede dieser Geschichten auf "Gerede" zurückführen kann, hat "ebl" eine Idee: Kann sein, so spekuliert er - der Ursprung der Wahrheit, das ist die Plauderei. - Man könnte fast meinen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 13.01.2001
Hans-Jürgen Schmitts Urteil über den Band mit sechs Erzählungen ist zwiespältig. Einerseits lobt er die "kühle Schonungslosigkeit und die Knappheit der Schilderung", mit der Rossi häufig seine Texte entfaltet. Andererseits hantiert ihm der Autor manchmal allzu heftig mit einem "Feuer manieristischer Assoziationen". Das dient seiner Ansicht nach wenig der Erhellung der geschilderten Sachverhalte, sondern mehr dem Herausstreichen des intellektuellen Hintergrunds des Autors. Insbesondere dort aber, wo Rossi bestehende Entwürfe des "Heldentums, des Heroismus, des tropischen Nationalismus und des klassischen Machismus" parodiert, kann sich der Rezensent durchaus mit seinem "Manierismus anfreunden".
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