Der Ort der Weimarer Republik in der Erinnerungskultur Deutschlands war lange Zeit vor allem negativ bestimmt: Das Scheitern der ersten deutschen Demokratie, die Machtübernahme der Nationalsozialisten und die Massengewalt, mit der diese Europa überzogen, warfen ihre Schatten bereits über die revolutionäre Gründung der Republik 1918/19. Entsprechend diente diese nach 1949 als Kontrastfolie für die zweite deutsche Demokratie, die sich ihrer Stabilität gerade in Abgrenzung zu "Weimar" rückversicherte. Erst jüngere Forschungen haben den Blick auf die 14 Jahre währende Republik verändert, indem sie die Leistungen der zeitgenössischen demokratischen Akteure und Institutionen in den Fokus gerückt haben: seien diese doch in der Lage gewesen, ein innovatives demokratisches Gemeinwesen aufzubauen, es erfolgreich durch existenzbedrohende Krisen zu führen und es lange Zeit gegen Republikfeinde verschiedener Couleur zu verteidigen. Die in diesem Band versammelten Beiträge fragen unter verschiedenen Themensetzungen, was es mit der Neubestimmung Weimars in der deutschen Demokratiegeschichte auf sich hat und welcher Ort der ersten deutschen Republik in der Erinnerungskultur zukommen sollte.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 07.08.2023
Schnell und positiv gestimmt springt Robert Probst durch die elf Beiträge dieses Bandes, die verschiedene demokratiehistorische Schlaglichter auf die Weimarer Republik werfen und insgesamt zu einem Ergebnis kommen, das unter Historikern schon längst verbreitet aber in der Öffentlichkeit noch nicht recht angekommen sei: Die Weimarer Republik war keineswegs auf Scheitern angelegt. Die Verfassung, notiere etwa der Ko-Autor des Sammelbands Horst Dreier, sei ein leuchtendes Vorbild für das spätere Grundgesetz. Bei der Lage der Frauen, über die in dem Band Kirsten Heinsohn schreibt, zeigt sich aber auch, dass der formulierte Anspruch und die Realität auseinanderklaffen können: Wahlrecht schön und gut, aber die privatrechtliche Gleichstellung der Frauen wurde in der Weimarer Zeit noch nicht mal angestrebt. Von "unhistorischen Analogiebildungen" zur Weimarr Republik sollten man mit Blick auf unsere heutige Bredouille mit der AfD eher absehen, meint Probst abschließend.
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