Reinhart Koselleck

Geronnene Lava

Texte zu politischem Totenkult und Erinnerung
Cover: Geronnene Lava
Suhrkamp Verlag, Berlin 2023
ISBN 9783518587966
Gebunden, 572 Seiten, 38,00 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Manfred Hettling, Hubert Locher und Adriana Markantonatos. "Gestorben wird alleine, zum Töten des Anderen gehören zwei. Die Fähigkeit des Menschen, seinesgleichen umzubringen, konstituiert vielleicht mehr noch menschliche Geschichte als seine Grundbestimmung, sterben zu müssen."Der "gewaltsam Umgebrachten" zu gedenken, gehört zum Kern der politischen Kultur. Reinhart Koselleck hat mit seinen wegweisenden Arbeiten zum "Totenkult" ein neues Forschungsfeld erschlossen: die europäischen Denkmalslandschaften in ihrer ganzen historischen, ästhetischen und politischen Komplexität. Ob es sich um Opfer für das Vaterland oder um solche von Kriegen und Gewaltherrschaft handelt, ob Menschen in Bürgerkriegen und Revolutionen oder durch Staatsverbrechen, politischen oder religiösen Terror umgebracht wurden - alle sind "getötete Tote". Ohne ihrer zu gedenken, so der Humanist Koselleck, ist ein Weiterleben nicht möglich. Der Band versammelt Kosellecks Aufsätze zum politischen Totenkult, publizistische Beiträge zu den Debatten über die "Neue Wache" und das Holocaustmahnmal in Berlin, theoretische Überlegungen zum Erinnerungsbegriff und unveröffentlichte autobiografische Notizen über seine Erfahrungen in Krieg und russischer Gefangenschaft. In Distanz zur populären "Erinnerungskultur" betonen sie die Unhintergehbarkeit der Differenz zwischen individueller Erfahrung und kollektiven Erinnerungskonstruktionen. Die Historie soll solche kollektiven Identitäten nicht stiften, sondern kritisch analysieren. Darin liegt für Koselleck die Aufgabe der Geschichtswissenschaft.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.07.2023

Rezensent Gustav Seibt wünscht sich Reinhart Kosellecks Abhandlungen in die Schulbücher. Was der Historiker hier über europäische und deutsche Denkmalpolitik schreibt, über die Kriegerdenkmäler in jedem Dorf, öffnet Seibt die Augen - über die Demokratisierung des Gedenkens, seine Funktion im öffentlichen Raum und seine Bildsprache. Fortan reist Seibt anders durchs Land. Kosselecks Präzision und Unnachsichtigkeit bei der Dechiffrierung von Friedhöfen und Statuen scheint ihm verblüffend. Allein schon der Text zu den Reiterdenkmälern in Europa mit seiner kleinen Weltgeschichte der Pferde ist für Seibt ein Juwel.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.04.2023

Patrick Bahners' bespricht diese nachgelassenen Schriften des großen konservativen Historikers zusammen mit dem Band "Erinnern als Überschritt" der Historikerin Ultrike Jureit, die versucht, Kosellecks Metaphern zu entschlüsseln. Bahners legt in leicht strapaziöser Prosa dar, wie man das Bild der "geronnenen Lava" womöglich verstehen soll: nicht als Bild einer Erinnerung sondern als einen sozusagen physischen Überrest einer "äußersten Erfahrung". Diese hat Koselleck offenbar als Kriegsgefangener in Kasachstan selbst gemacht. Die Metapher, so Bahners, soll "etwas Unmögliches ins vergleichende Bild setzen". Möglicherweise geholfen hätte dabei, wenn der Suhrkamp Verlag den Texten Kosellecks kundige Kommentare an die Seite gestellt hätte - aber die fehlen in dieser Ausgabe, so der enttäuschte Rezensent.

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