Der politische Kitsch hat Hochkonjunktur - in allen politischen Lagern: Betroffenheitsrhetorik, Mahnwachen, Solidaritätsbekundungen - alles im Namen von Buntheit, Menschlichkeit oder Anständigkeit. Sentimentale Worthülsen, penetrante Gefühligkeit, Verklärung des Gestern und infantile Inszenierungen bestimmen den öffentlichen Diskurs. Die gesellschaftlichen Debatten sind geprägt von aggressiver Rührseligkeit und peinlichen Politritualen. Leerformeln scheinen das bevorzugte Sprachspiel in deutschen Landen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 15.10.2019
Seit der deutschen Romantik und Hitler, so hat Wolfgang Freund hier erfahren, haben die Deutschen ein Sonderproblem mit dem politischen Kitsch. Durch einen "Spagatsprung" in die Gegenwart landet der Autor in seinem schmalen Band bei Lichterketten und hochmoralischem Gerede ohne politisches Tun. Die Deutschen, so scheint es, haben es auch oft mit der Apokalypse - auch dies eine Frucht polit-kitschigen Denkens. Der etwas süffisant gestimmte Kritiker findet das "Büchlein" immerhin "lesenswert" und strickt dann gerne ein paar Fragen an - weil diese von Grau herausgefordert würden -, ob nämlich auch Greta Thunberg kitschig sei, oder Trumps Tweet oder Boris Johnsons Clownereien? (Aber die wären dann ja keine deutsche Spezialität mehr. Hm.)
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