Der Diebstahl ist nicht nur eines der häufigsten Verbrechen überhaupt, sondern er ist eine Tat mit großer Geschichte. Immer wieder stehen Diebe in der Literatur und in den Mythen für Neuanfänge und für Emanzipation: Wo gestohlen wird, geschieht eine behutsame und gewaltlose Rebellion, und es wird eine Ungerechtigkeit ausgeglichen. Während die Praktiken der "Gabe" im zwanzigsten Jahrhundert intensiv studiert wurden, hat der Diebstahl in den Kulturwissenschaften bisher keine Beachtung gefunden. Andreas Gehrlach zeichnet anhand zahlreicher Beispiele die westliche Kulturgeschichte des Stehlens von der Antike bis in die postmoderne Philosophie nach und widmet sich der Frage, wie die subversiven Praktiken des Diebstahls die festen Eigentums- und Besitzordnungen zu jeder Zeit unterlaufen und verändern können.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.11.2016
Kai Spanke hat Andreas Gehrlachs Abhandlung über "Diebe" mit Gewinn und Erstaunen gelesen. Bei dem Kulturwissenschaftler erfährt er nicht nur, dass Diebstahl über die Jahrhunderte immer schlimmer geahndet wurde als gewaltsamer Raub - der Räuber nehme immerhin noch das Risiko der Auseinandersetzung auf sich, erklärt der Kritiker - sondern auch, dass das gesteigerte Aufkommen von Dieben während der industriellen Revolution zur Entstehung der modernen Polizei führte. Interessiert liest Spanke in Gehrlachs akribischer Recherche außerdem, dass die westliche Kulturgeschichte eine überraschende Vielzahl von Dieben, etwa Hermes, Augustinus oder Rousseau, zu bieten hat. Insbesondere die Überlegungen des Autors zu Prometheus, der mal als Dieb, mal als Diener der Götter gedeutet wird, haben den Rezensenten fasziniert.
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