Annekathrin Kohout

Hyperreaktiv

Wie in Sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft wird
Cover: Hyperreaktiv
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783803137623
Broschiert, 160 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Warum ist Online-Kommunikation geprägt von Überreizung, Missverständnissen und gegenseitigem Misstrauen? Wie wird online mit Bildern und ihrer Interpretation Politik gemacht? Und mit welchen Methoden wird in den Sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft? Die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout erkundet die Sozialen Medien als eine Welt, in der alles auf möglichst starke Reaktionen ausgelegt ist. Nur wer permanent beurteilt, kommentiert, teilt oder mit seinen Beiträgen selbst starke Interaktionen hervorruft, wird hier von den Algorithmen belohnt - mit fatalen Konsequenzen, auch für die Debatte außerhalb der Plattformen. Anhand persönlicher Erfahrungen, prägnanter Fallbeispiele und theoretischer Reflexionen legt Kohout anschaulich offen, wie in den Sozialen Medien analytische, forensische und investigative Methoden imitiert werden, um gezielt Desinformation zu verbreiten und Stoff für Polarisierung zu bieten. Und sie zeigt, welche Verantwortung jeder einzelne User dabei trägt. Wer einen glaubwürdigen demokratischen Diskurs noch nicht aufgeben möchte, sollte diese Bestandsaufnahme der digitalen Gegenwart dringend lesen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.11.2025

Im Großen und Ganzen schlüssig findet Titus Blome, was Annekathrin Kohout über die Mechanismen der Onlinekommunikation schreibt. Die Kulturwissenschaftlerin geht, so Blome, von der Beobachtung aus, dass Onlinetexte deutlich mehr Kommentare und Reaktionen hervorrufen als Offlinetexte und zwar, weil die entsprechende Infrastruktur direkt auf den Websites angeboten wird - was dann im nächsten Schritt Beiträge zur Folge hat, die darauf ausgerichtet sind, möglichst viele, meist wütende, Reaktionen hervorzurufen. So weit so geläufig; Kohout schließt an diese Diagnose jedoch eine weitergehende These an, derzufolge unser Bezug zur Welt sich in der Begegnung mit Onlinekommunikation ändert. Das Schlüsselwort dabei: Hyperinterpretation, also, fasst Blome Kohout zusammen, die Tendenz, überall verborgene Zeichen lesen zu wollen. Damit kann der Rezensent einiges anfangen, allerdings ist das Buch für seinen Geschmack etwas zu schmal ausgefallen: Kohout zeige etwa nicht deutlich genug auf, wo die Grenze verlaufe zwischen spielerischer Internetkreativität und Online-Paranoia. Dennoch lege die Autorin eine starke Schrift über die neuen Diskursgegebenheiten vor, die sich angenehm vom Gejammer über Cancel Culture abhebe, meint Blome.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 15.10.2025

Rezensent Marcus Woeller liest in Annekathrin Kohouts Studie über unsere digitale Gegenwart ein hellsichtiges Buch über "die fiebrige, hyperreaktive Öffentlichkeit", die soziale Medien hervorgebracht haben. Aus dem harmlosen Like sei, so Kohouts These, eine "Währung der Aufmerksamkeitsökonomie" geworden, die Kommunikation in reflexhafte Reaktionen verwandelt. Likes, Shares, Emojis: sie seien längst "mehr als bloße Klicks", Ausdruck von Macht und Identität, lesen wir. Kohout zeigt, wie sich Empörung und Zynismus gegenseitig hochschaukeln und schließlich in "Hyperinterpretation" münden, so der Kritiker. Einem Modus, der "den Verdacht radikalisiert" und alles unter Generalverdacht stellt. Statt moralisch zu urteilen, lobt der Kritiker abschließend, analysiert die Autorin "mit analytischer Nüchternheit" eine Kultur, in der Reizüberflutung, Narzissmus und Deutungssucht ununterscheidbar geworden sind. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2025

Rezensent Kai Spanke lobt die Anschaulichkeit, mit der Annekathrin Kohout sich dem Phänomen der "Hyperreaktion" widmet, also einer besonderen Form der Interpretation im Netz, die Bilder nutzt, um radikale Reaktionen hervorzurufen und zu verstärke, wie Spanke erläutert. Was in der alten Diskursweise das Argument war, wird in der Reaktionsökonomie zum provokanten Kommentar mit möglichst großer Reaktionstauglichkeit. Die Kulturwissenschaftlerin untersucht das "selbstkritisch" anhand passender Beispiele "aus ihrer Screenshot-Sammlung", findet Spanke. Ein nüchterner Essay über eine hochaufgeregte Angelegenheit, findet er.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 20.09.2025

Annekathrin Kohout beschäftigt sich hier mit einem wichtigen Thema, findet Rezensent Benjamin Knödler. Und zwar hat die Kulturwissenschaftlerin ein Buch über die wachsende Bedeutung von online nachvollziehbaren Reaktionen geschrieben. Likes und Kommentare, die sich auf Äußerlichkeiten beziehen, sind längst wichtiger als Inhalte im aktuellen Diskurs - Knödler leuchtet diese These mit Blick zum Beispiel auf die Aufregung nach Charlie Kirks Ermordung ein. Resonanz ist alles, alles entwickelt sich immer schneller im Netz und das ist natürlich gefährlich, lernt der Rezensent aus diesem Buch. Was also tun? Man sollte nicht alles auf die Algorithmen schieben, sondern auch bei sich selbst anfangen im Kampf gegen die diskursive Überhitzung, empfiehlt die Autorin, was Knödler, dem das Buch auch sonst gefällt, einleuchtet.

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