Joseph Vogl

Kapital und Ressentiment

Eine kurze Theorie der Gegenwart
Cover: Kapital und Ressentiment
C.H. Beck Verlag, München 2021
ISBN 9783406769535
Gebunden, 224 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Es zieht sich eine Spur der Zerstörung von der Herrschaft der Finanzmärkte über die neuen Netzgiganten bis hin zur dynamisierten Meinungsindustrie. Auf der Strecke bleiben dabei Demokratie, Freiheit und soziale Verantwortung. Joseph Vogl rekonstruiert in seiner brillanten Analyse, wie im digitalen Zeit- alter ganz neue unternehmerische Machtformen entstanden sind, die unser vertrautes politisches Universum mit einer eigenen Bewertungslogik überschreiben und über nationale Grenzen hinweg immer massiver in die Entscheidungsprozesse von Regierungen, Gesellschaften und Volkswirtschaften eingreifen.  Drei Thesen zum gegenwärtigen Zeitalter enthält das neue Buch von Joseph Vogl. Erstens: Der Internet- und Plattformkapitalismus der Gegenwart (von Amazon bis Google) ist die jüngste Metamorphose eines Finanzregimes, das sich in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt und die Bewirtschaftung von Informationen als attraktive Quelle der Wertschöpfung erkannt hat. Zweitens: Diese Fusion von Finanzökonomie und Kommunikationstechnologien etabliert neue Paradigmen der Macht, deren Resultat fragmentierte Öffentlichkeiten, gesellschaftliche Schismen und Demokratieverlust sind. Drittens: Affektökonomien mit dem Treibstoff des Ressentiments stabilisieren die Dominanz dieses neuen Plattformkapitalismus auf Kosten des Gemeinwohls.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 03.04.2021

Weitgehend zustimmend, sehr informativ, aber nicht ohne einige skeptische Einwände bespricht Philipp Rhensius dieses Buch eines weiteren spät berufenen Internetkritikers - denn dass Facebook und Co. heute die Verkörperung des Bösen seien, wird Vogl kaum als seine eigene Eingebung verbuchen können. In vielem paraphrasiert Vogl Nick Srniceks Buch "Platform Capitalism", so Rhensius. Vogl verkoppele diese Kritik an den Internettitanen mit einer finanz-ökonomischen Analyse. Als der Goldstandard 1973 abgeschafft wurde und Währungen nur mehr aufgrund von "Informationen" bewertet wurden, so die These, wurde auch das Zeitalter einer von Wissen losgelösten Information eingeläutet. Bücher wie das Vogls wären darum noch eine Art Goldstandard des Geistigen, während in den Plattformen nur noch eine "ballistische, also auf Verletzung gerichtete Kommunikation" herrsche. Vogls Raunen von einem bevorstehenden Krieg bezeichnet Rhensius aber als ein "Doomscrolling", also als ein selbst von den Plattformlogiken infiziertes apokalyptisches Denken.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.03.2021

Rezensent Thomas E. Schmidt kennt die Verbindungen zwischen Finanzwelt, Digitalisierung und Staat, wie sie Joseph Vogl in seinem Buch darstellt. Statt neuer Einsichten bietet ihm der theoriefeste Autor das bequeme Kissen des "antikapitalistischen Konsens". Wie Vogl den Finanzkapitalismus als Folge der Liberalisierung der 70er deutet und mit Adorno als Katastrophe eines ursprünglichen Schuldzusammenhangs, findet Schmidt durchaus nachvollziehbar, wenngleich ihm Vogls Begrifflichkeit recht professoral, ja künstlich erscheint.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 20.03.2021

Selbst der eigentlich sehr positiv gestimmten Rezensentin  Bettina Baltschev wird es irgedwann zu viel. Irgendwelche positiven Effekte der Digitalisierung benennt Joseph Vogl in seiner neuesten Studie nämlich offensichtlich nicht. Das Agieren der großen Internetplattformen, Facebook, Google, Amazon allen voran, schildert er als eine totale Machtübernahme, die die Gegenwart als ganzes prägt und der man sich nicht entziehen kann, indem man dem Computer abschaltet, so Kupferberg. Durch den Telecommunications Act von 1996 sei diesen Plattformen uneingeschränkte Freiheit gewährt worden. Auch das Meinungsklima hätten die Plattformen beschädigt, in dem sie die "Feindlichkeit aller gegen alle" bestärkt hätten. Gegenwehr ist unmöglich. Jedenfalls benennt Vogl keine, so die Rezensentin. Aber seine Argumentation findet sie bestechend.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.03.2021

Liest man die Besprechung von Johan Schloemann sehr aufmerksam, findet man, dass sie schon am Anfang einigen Zweifel sät an der Fachkompetenz des Autors. Der habe sich vom textkritischen Analytiker des Selbstverständnisses der Wirtschaft nun offenbar zum Wirtschaftsexperten gemausert, so der Rezensent, der das offenbar fragwürdig findet. Im folgenden werden von ihm jedoch erst einmal ausführlich und nachvollziehbar die Thesen von der Entmachtung der Demokratie "in sechs Schritten" dargestellt und hoch gelobt. Besonders kritisch sei der Schritt, so der engagierte Kritiker, der die Verbreitung von "Ressentiment" etwa durch Facebook-Gruppen zum Geschäftsmodell der Großen gemacht habe. Am Ende aber spricht Vogl von einer "neuen Vorkriegszeit", die bald angebrochen sein könnte - was für den Kritiker das gesamte Buch komplett "entwertet" hat. Es schließt sich damit genau jenem Alarmismus an, gegen den es davor argumentiert hat, kritisiert er. Der enttäuschte Rezensent sieht darin ebenfalls ein "Geschäftsmodell" aufscheinen, des Kapitalismuskritikers nämlich, der Analyse gegen Angriff getauscht hat.
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