Das Versagen
Eine investigative Geschichte der deutschen Russlandpolitik

Ullstein Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783550204272
Gebunden, 496 Seiten, 26,99
EUR
Klappentext
Als Putin im Februar 2022 die Ukraine angreift, steht die Welt unter Schock. Dabei ist dieser Krieg von Geheimdiensten präzise vorausgesagt worden. In ihrer Recherche enthüllen Katja Gloger und Georg Mascolo, wie die Verantwortlichen über Jahrzehnte Warnungen ignorierten und kritische Stimmen in der deutschen Russlandpolitik ausblendeten. Anhand von zahlreichen Geheimdokumenten und Gesprächen mit Dutzenden Zeitzeugen erzählen sie eine atemberaubende Geschichte: über die wahren Hintergründe der umjubelten Putin-Rede im Bundestag und einen Back Channel in den Kreml, der im früheren Leben Stasi-Spion war. Über ein Geheimdossier des Auswärtigen Amts, das schon 2007 einen bewaffneten Konflikt um die Krim und den Osten der Ukraine beschreibt - und im Archiv landet. Sie offenbaren die Details einer unerklärlich engen militärischen Zusammenarbeit - und warum Putins nukleare Drohungen einen Bundeskanzler um die halbe Welt reisen lassen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 29.01.2026
Wirklich zufrieden ist Rezensent Jörg Himmelreich nicht mit diesem Buch über die Deutsche Russlandpolitik. Die Verfasser, Katja Gloger und Georg Mascolo, hatten zwar Zugang zu einigen eigentlich noch der Sperrfrist unterliegenden Akten des Auswärtigen Amtes und können deshalb der bekannten Skandalchronik rund um Schröders Putinnähe, Nord-Stream 2, dem Scheitern der Minsk-Verträge und so weiter noch das eine oder andere hinzufügen. So geht es unter anderem, das war so noch nicht bekannt, um ein wehrtechnisches Projekt, das die Bundeswehr in Russland durchführen sollte und das erst nach der Krim-Annexion gestoppt wurde. Dennoch sind Gloger und Mascolo, die mit vielen Politikern reden konnten, nicht aber mit Schröder und Merkel, für Himmelreichs Geschmack zu unkritisch. Sie lassen die Aussagen ihrer Gesprächspartner aus den Ministerien oft unkommentiert stehen und erwecken dadurch den Eindruck, dass nachrichtendienstlich gute Arbeit in Sachen Aufklärung über Russland geleistet wurde, und dass allein die Politik nicht die richtigen Schlüsse aus diesen Erkenntnissen gezogen hätte. Himmelreich weist indes auf die Ignoranz auch der deutschen Geheimdienste hin. Insofern ist echte Aufklärung mit noch mehr Akteneinsicht das Gebot der Stunde, so der Rezensent. Das vorliegende Buch leistet so etwas in seinen Augen nicht.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 20.12.2025
Die deutsche Russlandpolitik der letzten 25 Jahre war ein Versagen: Zu dem Schluss kommen nicht nur die Autoren Katja Gloger und Georg Mascolo, sondern auch Rezensent Jan Pfaff. Die Autoren beginnen ihr aufwändig recherchiertes Buch mit Putins erstem Deutschlandbesuch 2001, seine viel gelobte Rede ist eigentlich von Deutschen geschrieben worden, erfahren wir. Sie ziehen dann eine Linie, die von Merkels und Steinmeiers Verweigerung 2008, der Ukraine den Nato-Beitritt zu ermöglichen, bis zu den Kriegsverbrechen in Butscha reicht, und bieten zumindest die Lesart an, dass beides miteinander in Verbindung steht, so Pfaff. Ihn überzeugt das Buch auch mit seiner langen Liste an hochkarätigen Interviewpartnern und Quellen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 26.11.2025
Der hier rezensierende Brigadegeneral und Politologe Helmut W. Ganser liest das Buch von Katja Gloger und Georg Mascolo als politisch pointierte, aber analytisch verengte Darstellung, in der "die Hypothese des Versagens" von vorneherein festgestanden zu haben scheint. Zwar findet er diese "politische Erzählung" insgesamt lesbar, doch bemängelt er, dass Gloger und Mascolo die deutsche Russlandpolitik isoliert betrachten und dabei "die deutsche Nabelschau" pflegen, also hier ein rein deutsches Versagen sehen. Der Kritiker erinnert daran, dass Berlin lange im Einklang mit der von den USA dominierten Nato agierte, weshalb ein Scheitern eher "kollektive westliche Diplomatie" beträfe. Außerdem weise das Buch ein selektives Quellenbild, etwa beim Georgienkrieg oder der Raketenabwehrdebatte auf, und lasse ernsthafte Alternativszenarien zur Ukrainepolitik vermissen, moniert der Kritiker. Dass das Buch Putins imperialen Impuls zur Unterwerfung der Ukraine als früh fixiert beschreibt, erscheint Ganser zu schlicht: Dieser habe sich "erst später materialisiert", auch hätten die USA und die EU mit unklugem politischem Handeln diesen Impuls "stimuliert". Nichts rechtfertige allerdings Putins völkerrechtswidriger Angriff der Ukraine, betont Ganser abschließend, dem in dieser Analyse etwas Differenziertheit fehlt.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 30.10.2025
Ein Glanzstück des Recherchejournalismus liefern Katja Gloger und Georg Mascolo hier ab, freut sich Rezensent Matthias Naß. Die Stern- beziehungsweise Spiegel-Journalisten zeichnen mithilfe ausführlicher Archivrecherchen - einige der Akten, die sie zu Rate ziehen, sind immer noch als Verschlussssache gekennzeichnet - nach, wie deutsche Politiker sich von Putin um den Finger wickeln beziehungsweise in windige Geschäfte einspannen ließen. Wie Putins Aufstieg auf dem internationalen Parkett im Groben vonstatten ging, wusste man schon vorher, stellt Naß klar, aber bei Gloger und Mascolo erfahren wir viel Wissenswertes über die Hintermänner. Zum Beispiel über Klaus Mangold, einen einflussreichen Russland-Lobbyisten, den Nord Stream 2-Geschäftsführer Matthias Warnig oder den SPD-Politiker Sigmar Gabriel, der Nord Stream 2 maßgeblich vorantrieb und natürlich nicht zuletzt über Gerhard Schröder. Nicht alle damaligen Putin-Kumpane erscheinen so wenig einsichtig wie Schröder, liest der Kritiker: Steinmeier bekennt etwa durchaus Reue. Dass sich die Autoren mit vielen Beteiligten direkt unterhalten haben, honoriert der Rezensent ebenfalls. Insgesamt ist das ein äußerst wichtiges Buch, das hinschaut, wo andere wegschauten, schließt er.