Hat sich Deutschland politisch auseinandergelebt? Grenzen sich Anhänger der unterschiedlichen politischen Gruppen auch räumlich vermehrt voneinander ab? Finden wir politisch typische und untypische Orte eher in den Metropolen, in den mittleren und kleineren Städten oder auf dem Land? In Ost- oder in Westdeutschland? Mit einem einzigartigen Datenschatz zum Wahlverhalten in allen 94.000 Wahlbezirken Deutschlands geht Ansgar Hudde diesen Fragen nach und entdeckt: Die Mehrheit der Deutschen lebt nicht in politischen Blasen, sondern in Nachbarschaften, deren Wahlverhalten grob dem Bundestrend entspricht. Das Buch verknüpft die Analyse von Wahlergebnissen mit sozialstrukturellen Daten und Gesprächen vor Ort und zeichnet dadurch kenntnisreich Lokalporträts ausgewählter deutscher Orte. Hudde identifiziert vier Wahlmuster in Deutschlands Nachbarschaften: das politische Typischdeutschland, vor allem in westdeutschen Klein- und Mittelstädten, das Konservativ-Wahlmuster im ländlichen Bayern, das AfD-trifft-Linke-Wahlmuster in Ostdeutschland jenseits der Großstadtzentren und das Grün-Links-Wahlmuster in den zentrumsnahen Vierteln von Metropolen und Universitätsstädten. Wer diese Wahlmuster kennt und ein Bild von den charakteristischen Orten und Nachbarschaften vor Augen hat, kennt nicht nur Deutschlands politische Landkarte, sondern gewinnt auch ein tieferes Verständnis der Bundesrepublik insgesamt. Eine aufschlussreiche Analyse, die auch die Bundestagswahl 2025 einschließt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2025
Tim Niendorf findet viel Interessantes in diesem Buch. Dessen Autor, der Soziologe Ansgar Hudde, untersucht darin laut Niendorf mithilfe der wahlkreisgenauen Wahlergebnisse insbesondere der Bundestagswahl 2021, wo in Deutschland typisch und wo untypisch gewählt wird. Vier verschiedene Muster beschreibt Niendorf mit Hudde: Gegenden, in denen typisch gewählt wird, solche in denen konservative Tendenzen vorherrschen, solche, in denen AfD und Linkspartei dominieren und solche, die linksgrün dominiert sind. Hudde zusammenfassend geht Niendorf vor allem auf die typisch-deutschen Gegenden ein - sie finden sich im Westen öfter als im Osten, hauptsächlich in Klein- und Mittelstädten ohne Universitäten und in Gegenden, die auch in anderer Hinsicht, etwa soziodemografisch, dem deutschen Durchschnitt entsprechen. Hudde weist laut Niendorf darauf hin, dass Soziologen und andere öffentliche Intellektuelle selten in solchen Gegenden wohnen - er selbst hat sie, und auch andere Gegenden, für die Arbeit an diesem Buch besucht und sich mit den Leuten dort unterhalten. Sowohl Politik als auch Journalismus können bei Hudde wichtige Hinweise für die eigene Arbeit finden, glaubt Niendorf.
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