Geraubter Stolz
Verlust, Scham und der Aufstieg der Rechten

Hamburger Edition, Hamburg 2025
ISBN
9783868548754
Gebunden, 360 Seiten, 30,00
EUR
Klappentext
Pikeville, Kentucky. Der Niedergang des Kohlebergbaus, erdrückende Armut, eine sich zuspitzende Drogenkrise: Der zweitärmste Kongressbezirk der Vereinigten Staaten befindet sich inmitten vielfältiger Krisen. Während in Pikeville vor dreißig Jahren noch mehrheitlich die Demokraten gewählt wurden, stimmten 2016 und 2024 mehr als achtzig Prozent der Bevölkerung des Bezirks für Donald Trump. Was passiert, fragt Arlie Russell Hochschild, wenn Menschen in einer schwer getroffenen Region nicht nur Sicherheiten, sondern auch ihren Stolz verlieren und von einem politischen Appell adressiert werden, der ihnen das Gefühl vermittelt, bestohlen zu werden? In diesem Buch konzentriert sich Hochschild auf Männer aus der Arbeiterschaft. Wir treffen sie in kleinen Kirchen, Bergdörfern, Lokalen, Wohnwagenparks und bei Zusammenkünften der Anonymen Drogensüchtigen. Ihre Lebensrealitäten geben Auskunft über eine sich verändernde politische Landschaft. Hochschilds Untersuchung nimmt die Reaktion der Stadt auf einen Aufmarsch weißer Nationalisten im Jahr 2017 in den Blick und führt uns tief in eine zerrissene Gemeinschaft. Doch zugleich zeigt dieses Buch auch einen Weg nach vorne auf.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 03.01.2026
Viel lernt Rezensent Matthias Kolb von diesem Buch über die ideologisch gespaltene USA. Freilich nur über die eine Seite, jene, die Trump zugetan ist und die die bekannte Soziologin Arlie Russell Hochschild diesmal in den Apalachen Kentuckys ausmacht, in einem der weißesten und inzwischen konservativsten Wahlkreise der USA. Die Analyse, die Hochschild laut Kolb aus zahlreichen Gesprächen mit Menschen in dieser Gegend destilliert, dreht sich um den Begriff Scham, sie spricht mit Menschen, die weiter an die Versprechungen des Individualismus glauben und deshalb auch ihr eigenes Scheitern - in einer vom industriellen Strukturwandel stark betroffenen Region - sich selbst zuschreiben. Gleichzeitig, führt Kolb das Argument weiter aus, ärgern sich Hochschilds Gesprächspartner über andere Bevölkerungsgruppen, meist Minderheiten, die staatliche Zuwendungen erhalten. Trump wiederum ist so erfolgreich in dieser Gegend, so Kolb mit Hochschild, weil er als wohlmeinender Rüpel betrachtet wird, der den liberalen Mainstream gegen sich aufbringt und dadurch zur Identifikationsfigur für die Leute in Kentucky wird. Kolb findet das alles faszinierend, auch mit Blick auf kommende Wahlen in den USA, er hofft nun allerdings auch auf eine ähnliche Studie zum linksliberalen Amerika, in der sich sicherlich ebenfalls Selbsttäuschungen und ein emotional geprägtes Weltbild finden würden.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 06.11.2025
Durchaus mit Gewinn arbeitet sich Rezensentin Ulrike Köppchen durch Arlie Russell Hochschilds Buch über weiße Abgehängte in den Appalachen, die Trump wählen. Mit Hochschild stellt Köppchen klar, dass die Bewohner von Regionen, die einst durch Bergbau ein wenig Wohlstand erlangt hatten, aufgrund der Globalisierung jedoch verarmt sind, keine ökonomischen Gründe haben, Trump zu wählen - auch der bringt ihnen ihre Jobs nicht zurück. Hochschild interessiert sich vielmehr für die Gefühle dieser Leute, insbesondere für eine Mischung aus Stolz und Scham, die Appalachen-Bewohner, mit denen sie für dieses Buch ausführliche Gespräche geführt hat, möchten nicht dabei gesehen werden, wie sie staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen, da sie an das Primat vom individuellen Erfolg auch dann noch glauben, wenn sie selbst keinen mehr haben. Trump wiederum unterstützen sie, da sie die Angriffe der Medien auf den Präsidenten auf sich selbst beziehen, liest der Köppchen. Ein bisschen spekulativ ist das schon findet die Rezensentin, die das Buch dennoch gerne liest, da Hochschild hier auf achtsame, einfühlsame Weise mit Menschen kommuniziert, die sonst nur in stereotypen Aussagen über die Masse der "Anderen" verschwinden.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 04.10.2025
Interessiert bespricht Rezensentin Renate Kraft Arlie Russell Hochschilds Buch über Amerikas weiße Abgehängte. Konkret besucht sie Pike County in Kentucky, eine Gegend, die seit der Krise der Kohleindustrie wirtschaftliche Probleme hat und die, so Kraft, inzwischen zur Trump-Hochburg geworden ist. Sie versucht laut Kraft zu erklären, warum die Menschen dort gegen ihre eigenen Interessen stimmen und diejenigen unterstützen, die den Raubbau an ihrer natürlichen Umgebung und auch den Abbau von Sozialprogrammen, die ihnen nützen, fördern. Hochschild argumentiert folgendermaßen: Die Menschen im ländlichen Kentucky träumen einerseits trotz allem noch den amerikanischen Traum und glauben, dass sie von Minderheiten wie insbesondere Migranten übervorteilt werden; und andererseits sind sie in ihrem Stolz verletzt, was Trump geschickt ausnutzt, indem er sich ebenfalls als Opfer der Eliten inszeniert. Hochschild lässt sich auf die Weltsicht derer, die sie porträtiert, ein, auch da, wo sie ins offen Irrationale kippt, was die Rezensentin hilfreich findet, da in Deutschland längst ähnliche Mechanismen greifen. Was aus all dem für die Strategien demokratischer Politik folgen könnte, weiß Kraft nach der Lektüre zwar immer noch nicht, aber dennoch nimmt sie aus diesem klugen Gegenbuch zu J.C. Vances "Hillbilly-Elegie" viele Anregungen mit.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 24.09.2025
Äußerst "lesenswert", ist diese Studies über die Verflechtung von Emotionen und politischer Einstellung der amerikanischen Soziologin Arlie Russell Hochschild laut Rezensent Christoph Drösser. Hochschild analysiert primär die Beliebtheit Trumps in Pike County, dem weißesten und zweitärmsten Wahlbezirk der USA, erfährt Drösser. Die dort herrschende, hohe Rate an Arbeitslosigkeit führe zu einem komplexen Reaktionsgemisch aus Scham und Stolz: der Stolz auf die eigene Arbeit trifft auf die Scham des Arbeitsverlustes, wofür man sich dann wiederum selbst die Schuld gibt, statt den Ursprung im Scheitern des Systems zu suchen. Wenn solche Menschen dann noch das Ziel externer Verachtung werden, etwa durch den Stereotyp des rassistischen Rednecks, können diese Gefühle schnell in Wut umschlagen, liest Drösser weiter. Genau auf dieser "Klaviatur der Gefühle" kann Trump mit seiner Rhetorik der Drastik spielen. Bewusst überzogene Aussagen machen ihn zur Zielscheibe, wodurch er sich selbst als Opfer und dadurch auch Identifikationsfigur stilisieren kann. Die Lösung dafür kann nur eine Empathie sein, die den Individuen gerecht wird, stimmt Drösser der Autorin zu, die es mit diesem Text schafft, Nähe zu denjenigen Menschen herzustellen, die allzu oft als "homogene Masse" abgetan werden.