Arno Geiger

Unter der Drachenwand

Roman
Cover: Unter der Drachenwand
Carl Hanser Verlag, München 2018
ISBN 9783446258129
Gebunden, 480 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Veit Kolbe verbringt ein paar Monate am Mondsee, unter der Drachenwand, und trifft hier zwei junge Frauen. Doch Veit ist Soldat auf Urlaub, in Russland verwundet. Was Margot und Margarete mit ihm teilen, ist seine Hoffnung, dass irgendwann wieder das Leben beginnt. Es ist 1944, der Weltkrieg verloren, doch wie lang dauert er noch? Arno Geiger erzählt von Veits Alpträumen, vom "Brasilianer", der von der Rückkehr nach Rio de Janeiro träumt, von der seltsamen Normalität in diesem Dorf in Österreich - und von der Liebe. Ein herausragender Roman über den einzelnen Menschen und die Macht der Geschichte, über das Persönlichste und den Krieg, über die Toten und die Überlebenden.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 14.03.2018

Rezensent Dirk Knipphals zeigt sich tief berührt von Arno Geigers Roman "Unter der Drachenwand", in dem der Autor sich mit der Einsamkeit des Menschen im Krieg auseinandersetzt. In fiktiven Briefen und Tagebucheinträgen kommt der Leser den Figuren und ihren Kriegserfahrungen so nahe wie selten in der Literatur, lobt Knipphals. Da sind die Mädchen am Mondsee, die buchstäblich im Schatten des Krieges ihre sehnsüchtigen Briefe an die Abwesenden schreiben, und da ist vor allem Veit Kolbe - ein verletzter, einsamer Soldat, der versucht, die "harte Kriegshaut" abzulegen, um sein Trauma verarbeiten zu können, der versucht zu überleben und zu lieben, so Knipphals. Die Empathie Geigers und seine feinfühlige Darstellung ringt dem Rezensenten höchste Bewunderung ab.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.01.2018

Als "geniale Authentizitätsfiktion" würdigt Rezensentin Iris Radisch Arno Geigers neuen Roman "Unter der Drachenwand". Denn anders als Walter Kempowski in seinem "kollektiven Tagebuch" hat Geiger die von ihm gesichteten Briefe und Tagebücher aus den letzten Kriegsjahren entscheidend nachbearbeitet, informiert die Kritikerin, die darin den besonderen Reiz des Buches entdeckt. Wenn ihr Geigers junger, vom Krieg gezeichneter Wehrmachtssoldat Veit in "neusachlichem", präzisem und nur ein wenig süßlichem Ton seine Fronterfahrungen schildert oder andere Stimmen, wie etwa jene der im zerbombten Darmstadt von allen verlassene Mutter, "glaubhaft" naiv vom Kriegsalltag erzählt, überzeugt der 49jährige Autor durch so viel Einfühlungsvermögen, dass die Rezensentin kaum noch die historische Distanz bemerkt. Dass Geigers "schreibende Antifa-Truppe" gegenüber der NS-Ideologie völlig resistent scheint und der Autor auf Täter-Perspektiven komplett verzichtet, geht für Radisch in Ordnung.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.01.2018

Rezensentin Meike Fessmann liest Arno Geigers neuen Roman als großen Schritt im Werk des Autors und gültige Meditation über die Absurdität des Krieges. Wie der Autor anhand mehrerer scheinbar historisch beglaubigter Erzählstimmen das Leid eines Kriegsversehrten beschreibt, scheint ihr bemerkenswert. In Geigers Nachahmung von Ton, Geist, Gefühlen, Ahnung und Hoffnung der Kriegszeit und der Ausblendung unseres heutigen Wissens über den Krieg sieht sie ein Meisterwerk an Empathie. Auch wenn der Text etwas "zottelig" daherkommt, meint sie, ist er sorgfältig konstruiert und arbeitet geschickt mit dem Erinnerungshorizont der Zeit und dem intimen Ton von Tagebüchern und Briefen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.01.2018

Meisterwerk!, jauchzt Rezensent Andreas Platthaus nach der Lektüre von Arno Geigers neuem Roman und scheut sich nicht, den Vergleich mit Arno Schmidt zu ziehen. Denn Geiger, laut Platthaus einer der "wandlungsreichsten" deutschsprachigen Schriftsteller, rhythmisiert den "elaborierten" Text durch Schrägstriche ähnlich wie Schmidt nicht nur typografisch, sondern dessen 1949 erschienenes Debüt "Leviathan" scheint auch als "Blaupause" für den Roman gedient zu haben, glaubt der Kritiker: Mit präzisem Blick lasse Geiger seinen im idyllischen Mondsee rekonvaleszierenden Helden Veit Kolbe das Jahr 1944 zwischen Untergang und Beharrungswillen analysieren, stets durchbrochen durch weitere Erzählstimmen, die vom Kriegsalltag berichten, fährt der Rezensent fort und staunt, wie treffend der 1968 geborene Autor jene Atmosphäre zwischen Beklemmung und Glück einfängt. Und wenn Geiger im letzten Kapitel die Grenze zwischen Fiktion und Dokumentation geschickt verwischt, lässt er Gewährsmänner wie Schmidt, Ransmayer oder Seethaler gar ein Stück hinter sich, schwärmt der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.01.2018

Wie Arno Geiger in seinem neuen Roman vom Krieg erzählt, findet Judih von Sternburg unheimlich und meisterlich. Er macht das nach Art einer Herausgeberfiktion, die verschiedene Dokumente unsentimental, aber empathisch aneinanderreiht, Handlungs- und Figurenfäden locker verknüpft, meint Sternburg. Zeit und Menschen werden dadurch zum Leben erweckt, die Geschichte entwickelt ihren eigenen Sog, sodass Sternburg schließlich kaum noch zu entscheiden vermag, ob das Erzählte fiktiv oder echt ist. Großartig findet sie, dass Geiger auf jedes Spiel mit der Fiktion verzichtet, Neckisches außen vor lässt. Die Rezensentin glaubt jedes Wort, das sie liest, und das Sinnlose, Verrohende des Krieges steht ihr lebhaft vor Augen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.01.2018

Rezensent Paul Jandl führt den Chor der Hymnen zu Arno Geigers neuem Roman an: Geiger ist auf der Höhe seines Schreibens angekommen, jubelt er. Auf "Zehenspitzen" folgt er dem Autor durch die Hölle der letzten Kriegsmonate, erlebt, wie Geiger seinen Helden Veit im oberösterreichischen Mondsee mit Pervitin genesen lässt und diesen hin- und hergerissen zwischen dem Gefühl der Angst vor der Rückkehr an die Front und der Hoffnung auf das Kriegsende seine Umgebung präzise wahrnehmen lässt. Vor allem aber bewundert Jandl, wie Geiger seine Figuren in einer gekonnten Mischung aus Distanz und Empathie abstrahiert, auf Pädagogik verzichtet und dem Erzählten bei aller stofflichen Fülle genügend Luft zum Atmen lässt.