Nach der Befreiung
Aufzeichnungen aus dem Gulag 1944 - 1956

Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2024
ISBN
9783455017267
Gebunden, 516 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges wird eine junge polnische Frau von der sowjetischen Armee festgenommen, tagelang verhört und dann für zehn Jahre in einem Gulag inhaftiert: Dies ist das Schicksal Barbara Skargas, einer Frau und Philosophin, die mit ihrem Verstand, ihrer Menschlichkeit und nicht zuletzt ihrem Humor einen Alptraum überlebte, von dem sie in einem nun entdeckten Memoir Zeugnis ablegt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.08.2024
Mit großem Interesse liest die hier rezensierende Historikerin Gabriele Lesser die Aufzeichnungen der langjährigen Gefangenschaft von Barbara Skarga. Als junge Philosophiestudentin kam Skarga 1944 "nach der Befreiung" durch das russisch-sowjetische Regime unter dem Vorwurf der Kollaboration mit den Deutschen ins Gefängnis und verbrachte über zehn Jahre in russisch-sowjetischer Gefangenschaft, zum Schluss in einer sibirischen Kolchose, so Lesser. Aus dieser entsetzlichen Zeit voller Angst vor Vergewaltigungen, Folter, Hunger und psychischer Abstumpfung erzählt Skarga in ihrem Bericht, den sie erst viele Jahre später, mit 65, verfasste - zunächst aus Angst noch mit geänderten Ortsnamen und unter einem Pseudonym. Dabei ist Skargas assoziativer, nicht nach zeitlicher Chronologie, sondern nach Themenfeldern sortierter Bericht aus verschiedenen Gefangenenlagern herausfordernd zu lesen, so die Kritikerin, aber Stück für Stück ergibt sich für sie ein zeitliches Gesamtbild. Besonders eindrücklich findet sie die Schilderungen des Gestanks, auch etwa von Menstruationsblut, der zum Zerfall der Selbstachtung führte und hier aus einer speziell weiblichen Perspektive beleuchtet wird. Eine wertvolle, von der polnisch-belgischen Philosophin Alicja Gescinska veranlasste Herausgabe, die auf das Schicksal hunderttausender Repressionierter nach dem Zweiten Weltkrieg verweist, schließt Lesser.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 23.07.2024
Ein eindrückliches Buch über sowjetische Verbrechen hat Barbara Skarga laut Rezensentin Gabriele Lesser geschrieben. Es behandelt, erfahren wir, die mehr als zehn Jahre Gefangenschaft, die Skarga ab 1944 erleiden musste, unmittelbar nach der Befreiung Polens von deutscher Herrschaft. Skarga war im Zweiten Weltkrieg im antifaschistischen Widerstand aktiv gewesen, heißt es weiter, allerdings in einer Widerstandsgruppe, die Moskau nicht genehm war, weshalb sie im Gulag landete und erst 1956 wieder nach Polen - allerdings nicht in ihre inzwischen in Litauen gelegene Heimatstadt - zurückkehren durfte. Ihr Erinnerungsbuch erschien laut Lesser zuerst 1985, damals noch in einem Exilverlag, und es erzählt die Geschichte der Gefangenschaft nicht chronologisch, sondern nach Themen geordnet. Thematisiert werden zum Beispiel die katastrophalen hygienischen Verhältnisse in den Gefängnissen, die Gefangenen konnten sich monatelang nicht waschen. Insgesamt entsteht ein detailliertes Bild der Gefangenschaft, meint die Rezensentin, die lediglich bedauert, dass Skarga nichts über ihre Wiedereingliederung in die polnische Gesellschaft berichtet. Insgesamt freut sich Lesser, dass dieses auch historisch wichtige Buch nun auf Deutsch vorliegt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 28.06.2024
Mit Barbara Skargas "Nach der Befreiung" ist ein bedeutendes Buch endlich auch in deutscher Übersetzung erschienen, findet Rezensent Otto Langels. Die polnische Philosophin wurde 1944 von der Roten Armee verhaftet und verbrachte zwölf Jahre im Gulag und als Zwangsarbeiterin. Erst 1985, als der Einfluss der sowjetischen Zensur auch in Polen nachlässt, kann sie ihre Aufzeichnungen aus dem Arbeitslager unter Pseudonym veröffentlichen. Deren Perspektive unterscheidet sich, so Langels, von der weithin rezipierten Solschenizyns durch ihre Positionierung als Polin und als Frau: Skarga berichte von der Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Liebe im Häftlingsalltag und von selbst vorgenommenen Abtreibungen. Dabei sind dem Rezensenten zufolge vor allem ihre nüchterne und zugleich empathische Schreibweise und der Humor, den Skarga sich trotz allem bewahrt hat, prägend für das Buch. Bärbel Jänickes aus dem Niederländischen erfolgte Übersetzung ihres eindrücklichen Berichts kann er nur begrüßen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.06.2024
Rezensentin Marta Kijowska freut sich, dass mit Barbara Skargas Buch nun eine bedeutende Schrift aus polnischer Perspektive über den Gulag vorliegt. Die Philosophin befand sich zwischen 1944 und 1955 in sowjetischer Haft, verschriftlichte ihre Erinnerungen an diese Zeit jedoch erst mehrere Jahrzehnte später. Laut Kijowska schildert Skarga ihre komplette Haftzeit in intimer Weise aus weiblicher Perspektive, wobei sie allerdings gar nicht einmal so viel über sich selbst schreibe, sondern eher Mitgefangene ins Zentrum rücke, darunter einen deutschen Arzt. Empathisch und konkret sind die Beschreibungen laut Kijowska, die das Buch insbesondere an Gustaw Herlings "Welt ohne Erbarmen" erinnert, in dem ebenfalls die Allgegenwart des Bösen als Element menschlicher Existenz thematisiert werde. Offensichtliche Parallelen sieht die Rezensentin zum Krieg in der Ukraine, zum Beispiel was die auch im von Alicja Gescinska verfassten Vorwort erwähnte vorgeschobene antifaschistische Rhetorik der Russen angeht. Die Freude an der Veröffentlichung wird für Kijowska lediglich durch die Tatsache getrübt, dass die Übersetzung nicht auf der Originalfassung, sondern auf einer niederländischen Übersetzung basiert.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 02.05.2024
Erschüttert verfolgt Rezensent Marko Martin den Leidensweg Barbara Skargas in sowjetischen Arbeitslagern, den die Autorin 1985 in einem zunächst in Polen erschienenen Buch beschrieben hatte, das nun auf Deutsch vorliegt. Beeindruckt ist der Rezensent nicht nur von Skargas eigener Geschichte als einer antifaschistischen Widerstandskämpferin, die ins Visier Stalins geriet, sondern auch davon, wie die Autorin auf Mitgefangene blickt, deren Schicksale kurz und eindringlich aufblitzen. Martin zeichnet entlang des Buches einige dieser Begegnungen nach und verweist abschließend auf das Vorwort der Philosophin Alicja Gescinska und die Nähe des Denkens Skargas zu, unter anderem, Emmanuel Lévinas.