Zensur als transhistorisches Kulturphänomen ist ein kommunikativer Prozess, bei dem ideologisch motivierte autoritäre Steuerungsversuche dessen, was öffentlich kommuniziert und rezipiert werden darf, zu Reaktionen auf seiten der kontrollierten Kulturschaffenden und Rezipienten führen: Der Streit um Wort, Öffentlichkeit und Macht ist ein "Gesellschaftsspiel", dessen Schachzüge vom Vormärz bis zur DDR trotz großer politischer Unterschiede Tradition haben. Dies gilt zum Beispiel für Legitimationsdiskurse der Zensurträger, für ästhetische Praktiken zensierter Autoren und für Marktchancen des Zensierten.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 08.11.2003
Der von Beate Müller herausgegebene Band "Zensur im modernen deutschen Kulturraum" versammelt eine Reihe von Beiträgen zu einer "Phänomenologie der Zensur", berichtet der "rh." zeichnende Rezensent. Im Mittelpunkt stehen dabei Phänomene der Zensur in der Mitte des 19. Jahrhunderts (etwa bei Ludwig Börne und Heinrich Heine) sowie in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit in der DDR und der BRD (etwa bei Uwe Johnson, Franz Fühmann und Jurek Becker). Der Rezensent weist allerdings darauf hin, dass sich die meisten Beiträge mit Zensur-Mechanismen und -Phänomenen im SED-Staat befassen. Insbesondere Joachim Walthers Beitrag über das Ministerium für Staatssicherheit hat dem Rezensenten gefallen. Walther beschreibe das Regime der SED-Diktatur als "letzte (Zensur-)Instanz" mit einem Zensursystem, in dem die totale und vor allem die perfekte, die individuell verinnerlichte Zensur herrschte.
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