Botho Strauß

Das Partikular

Cover: Das Partikular
Carl Hanser Verlag, München 2000
ISBN 9783446198869
gebunden, 200 Seiten, 18,41 EUR

Klappentext

Novellistische Geschichten über die Liebe: von Hingabe und Gewalt, Anziehung und tödlichem Haß. Über Menschen, die zuviel umsonst gelächelt haben, und solche, denen die Worte ausgegangen sind. Ein Buch über den Stand der Gefühle.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.04.2000

Thomas Steinfelds Kritik vom Buch Botho Strauß', das er als dessen "erstes Alterswerk" bezeichnet, hat etwas Atemloses: hier will ein Rezensent mit seinem Autor um die Wette räsonieren. Frei nach dem Motto: einmal so schön schreiben, wie Botho Strauß! Im Eifer vergißt der Rezensent, Strauß selber auch - wenigstens von Zeit zu Zeit - zu Wort kommen zu lassen. So muß man recht mühsam Informationen und Gedanken, die ein Bild vom Buch ergeben könnten, aus der Kritik herausklauben. Beeindruckt war Steinfeld nicht nur von dem Buch selbst, sondern auch davon, daß es keinen Klappentext hat: "Klassiker pflegen in solch schriftlosen Buchumschlägen daherzukommen". Onkelhaft schlägt Steinfeld Strauß dann auf die Schulter: "Altmodisch ist Botho Strauß geworden, so altmodisch, dass man seine helle Freude an ihm haben möchte."
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.04.2000

In einer sehr schönen, faszinierten, aber auch widersprüchlichen Kritik zeigt sich Andrea Köhler einerseits belustigt über das "hagestolze Sprechen" die großen Gesten und manche Manierismen, die man wie immer bei Strauß auch in diesem Band finde, andererseits aber bewundert sie das Buch immer dort, wo es ins Detail geht. Strauß sei vor allem ein "begnadeter Physiognomiker des Paars". Immer dort, wo Strauß mit seinem "Partikular" - das man nach Köhler als eine Art von Gott geschenktes Nahsichtinstrument verstehen soll - die kleinsten Regungen eines Paars oder einer Person beobachtet, ist die Rezensentin ihm ergeben und verzeiht auch seine sprachlichen Marotten wie die "Neigung zur Substantivierung", also Wortschöpfungen wie die "Zentrifugierte", die "Unumkleidbare" oder der "Entlastungsgeliebte", mit denen Strauß nach Köhler Eigenschaften von Personen verabsolutieren will. Nebenbei wendet sich Köhler gegen Strauß-Kritiker, die sich in der Zeit seines "Bocksgesangs" über Strauß` Stilblüten lustig machten. Angesichts der "total verjuxten Medienwelt", in der diese Kritiker schließlich fleißig mitspielen, unterstellt sie ihnen heute sogar eine Art schlechtes Gewissen: "So elitär kann auch Botho Strauß nicht sein, als dass der heilige Ernst, mit dem er seine Diagnose stellt, inzwischen nicht mit Zustimmung zu rechnen hat.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.04.2000

Einen Stock für Botho Strauß! Als einen "alten Mann, der altersmilde auf seine Mitwelt blickt", beschreibt Rezensent Volker Weidermann den 55jährigen Autor. An anderer Stelle nennt er ihn gar einen Greis! Ob es Strauß versöhnt, dass Weidermann von seinem Buch spürbar angeregt wurde? Strauß habe seine Figuren "liebevoller gezeichnet" als früher, gelegentlich sei sogar Selbstironie hörbar. Dies entrückt den "großen Lebensdetailsammler" für Weidermann weit, weit fort - direkt in die Weisheit des Alters. Der politische Essayist hat damit zwar "Wut" eingebüßt, doch dem Dichter verhilft es zu einem "befreiten" Blick, freut sich der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.04.2000

Ursula März versucht mit großer Ausführlichkeit den Dreh- und Angelpunkten in diesem Buch auf die Spur zu kommen und sie zu erläutern. Was für sie vor allem im Vordergrund steht, ist die Mattigkeit der Personen: Menschen am Lebensminimum, die sich wie "mechanische Puppen" verhalten, die wie eine kaputte Schallplatte immer den gleichen Satz abspulen oder wie ferngesteuert unsinnige Dinge tun; Leute, die sich scheinbar im Niemandsland zwischen Wirklichkeit und Virtualität bewegen. Gleichzeitig sei aber auch das Buch selbst von Mattigkeit geprägt. Wo genau die Ursache aber dafür liegt, ist nach März kaum auszumachen: Am Thema, am Autor, an der Epoche? März mag diese Frage nicht beantworten. Allerdings diagnostiziert sie an diesem Band einerseits eine Anhäufung von Strauß-typischen "stilistischen Verranntheiten, sprachlichen und gedanklichen Spitzfindigkeiten" und auf der anderen Seite auch "Passagen von großer Eleganz". Ein eindeutiges Für oder Wider spricht nicht aus ihrer Rezension. Sie weist jedoch darauf hin, dass Strauß in diesem Band wieder die von ihm geliebte Rolle des distanzierten Beobachters einnimmt und sich hier mit der "künstlerischen Unausgeglichenheit seiner besten Skandalzeiten" zeigt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.04.2000

Botho Strauß legt ein neues Buch vor, das verschiedene Texte und Textsorten enthält und das Joachim Kaiser mit einigen Abstrichen gefällt. Die neuen Texte, in die er uns hier und da Einblick gewährt, sind laut Kaiser "entspannt" und treffend zugleich, manchmal brillant, manchmal effektheischend, von allem etwas also, zurückhaltend auch in Bezug auf Strauß` Auseinandersetzung mit der Linken. "Eher liegt der Schatten des Todes über dieser Prosa - Polemik erscheint zurückgedrängt", schreibt Kaiser, der die Prosatexte des Bandes gegenüber dem in die Nähe des Kitsch gelangten Gedichts vorzieht. An Strauß bewundert Kaiser vor allem die Fähigkeit so genau und "empathisch hinzuschauen" und dies wiederum virtuos - manchmal auch "über-virtuos"- in "Sprachkunst zu übersetzen".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 06.04.2000

Ergriffen und in hohem Tonfall spricht Ulrich Greiner über dieses Buch: Botho Strauß, sagt er, sei heute der letzte Gesellschaftskritiker der deutschen Literatur, nicht Günter Grass, dessen Interventionen nur in ein vom System bereits vorgesehenes "Reiz-Reaktions-Schema" fielen, und schon gar nicht einer wie Rainald Goetz, dem es nur noch um Affirmation und "Mitquatschen" gehe (als wäre das Mitquatschen nicht gerade ein Privileg der "Zeit"-Redakteure). Leider vergisst Greiner, seinen Gedanken auszuführen - denn wo und wie genau die Novellen und Gedichte dieses Bandes Gesellschaftskritik leisten, benennt Greiner nicht, sondern er zitiert ausgiebig aus - zugegeben - schönen Passagen, in denen es um Liebe geht, um Nähe und Ferne von Personen zueinander und um ein wolkiges Anknüpfen an keltische Sagen. Eher möchte man Greiners ebenfalls durch Zitate belegten Ansicht folgen, dass Strauß im Gegensatz zu jüngeren deutschen Schriftstellern, denen es nur noch um ein schnurrendes Erzählen gehe, in seiner Sprache auch Risiken eingehe und damit der eigentlichen Aufgabe der Literatur, auch den Begriff der Wahrheit nicht zu scheuen, allemal näher komme. Greiners Resümee mag man nicht widersprechen: "Botho Strauß ist notwendig."
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