Branko Milanovic

Visionen der Ungleichheit

Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart
Cover: Visionen der Ungleichheit
Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783518588178
Gebunden, 443 Seiten, 34,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Stephan Gebauer. Wie hat sich das Nachdenken über Ungleichheit im Lauf der Jahrhunderte entwickelt und welche ökonomischen Lehren haben dabei jeweils den Ton angegeben? In seinem neuen Buch widmet sich Branko Milanović in funkelnden Porträts einigen der einflussreichsten Ökonomen der Geschichte. Im Kontext von Leben und Werk zeichnet er die Entwicklung ihres Denkens über Ungleichheit nach und zeigt, wie sehr sich ihre Ansichten unterschieden haben. Tatsächlich, so Milanović, kann man nicht von "Ungleichheit" als einem überzeitlichen Konzept sprechen: Jede Analyse ist untrennbar mit einer bestimmten Zeit und einem bestimmten Ort verbunden. Milanović führt uns von François Quesnay und den Physiokraten, für die soziale Klassen gesetzlich vorgegeben waren, zu Adam Smith, David Ricardo und Karl Marx, die Klasse als eine rein ökonomische Kategorie betrachteten. Er schildert, wie Vilfredo Pareto Klasse als Unterscheidung zwischen einer Elite und dem Rest der Bevölkerung rekonstruierte, während Simon Kuznets das Stadt-Land-Gefälle als Ursache der Ungleichheit ausmachte. Und er erklärt, weshalb die Ungleichheitsforschung während des Kalten Krieges ins Hintertreffen geriet und warum sie heute wieder ein zentrales Thema der Wirtschaftswissenschaften ist.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 01.10.2024

Was hat eigentlich die Wirtschaftswissenschaft zur Frage der Ungleichheit zu sagen? Antworten bekommt Rezensent Jens Balzer in Branko Milanovićs Geistesgeschichte der Ökonomie. Einfach zu lesen ist Milanovićs Streifzug durch die Theorie der Ungleichheit nicht, warnt der Rezensent, aber trotzdem "unbedingt lesenswert". Der Autor beginnt bei François Quesnay und dem Ancien Régime, geht dann weiter zum britischen Ökonom Adam Smith, der die Theorie weiterführte, dass gesamtgesellschaftlicher Wohlstand auch den Ärmsten zu Gute komme. Weiter geht es mit Marx, rekonstruiert Balzer, der allerdings kaum Ansatzpunkte für eine Analyse der Ungleichheit liefert, da es ihm grundsätzlich darum ging, den Kapitalismus als Ganzes zu überwinden und nicht innerhalb seiner Struktur Dinge zu verändern. Balzer kann dieses Buch jedenfalls sehr empfehlen, das im Anschluss das Zwanzigste Jahrhundert in den Blick nimmt und den relativen Wohlstand der Wirtschaftswunder-Jahre, der spätestens mit dem Crash 2008 zum Ende kam, und freut sich auch über eine eingeflochtene Kritik am Rechtspopulismus, der mit seinem Rückzug ins Nationale das globale Problem der Ungleichheit nicht lösen wird.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 30.09.2024

In seinem Buch zeichnet Branko Milanovic die "Geistesgeschichte der Ungleichheitsstudien" nach, so Kritiker Caspar Dohmen: Ausführlich rekapituliert er, wie der Autor sechs empirisch arbeitende Ökonomen von Francois Quesnay bis Simon Kuznets porträtiert und sich zunehmend ein Verständnis von Klassen und den Faktoren, die Einkommensungleichheiten bedingen, entwickelt. Die Auswahl der Sechs ergibt für Dohmen Sinn, beziehen sie sich doch alle empirisch und nicht normativ auf den Gegenstand. Auch der Fokus, den Milanovic darauf legt, dass "Fragen der Einkommensverteilung" im Kalten Krieg zu wenig beachtet worden sind, findet sein Lob - insgesamt ein Buch, das dem Rezensenten zufolge wichtiges wirtschaftspolitisches Verständnis ermöglicht.

Buch in der Debatte

9punkt 19.04.2025
Der amerikanischen Ökonom Branko Milanovic, der ein Buch über die Geschichte der Ungleichheit geschrieben hat, würde die aktuelle Situation eher mit dem Jahr 1914 vergleichen, als mit 1929 oder 1933, wie er im FR-Interview mit Michael Hesse erklärt: "Eine Rezession in den USA ist nicht ausgeschlossen, besonders wenn neue protektionistische Maßnahmen umgesetzt werden. Trump hat gegen praktisch alle Zollerhöhungen angekündigt oder angedroht. Zwar gibt es derzeit eine 90-Tage-Pause, aber viele Länder versuchen nun, bilateral mit den USA zu verhandeln. Wenn sich diese Tendenz durchsetzt - weg vom multilateralen System, hin zu einem bilateralen Geflecht von Deals -, dann wird die Weltwirtschaft instabiler. Es ist eine Sache, in der WTO gemeinsame Regeln zu haben. Es ist eine andere, wenn Washington einzeln mit Berlin, Peking oder Nairobi verhandelt. Das ist die Welt, auf die wir uns zubewegen. Und das macht sie anfällig - nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch." Unser Resümee

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