Kommando Ajax
Roman

Aufbau Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783351042073
Gebunden, 352 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Eine kurdische Hochzeit in Rotterdam. Ein Scharfschütze, der im Laufe des Abends einen Schuss abfeuert. Eine Gruppe von Freunden zwischen den Niederlanden, Deutschland und Kurdistan, für die auf einmal nichts mehr ist, wie es war. Ein Kunstraub. Waffen aus dem 3D-Drucker. Gefängnis. Im Stil eines Actionfilms mit schnellen Cuts erzählt Cemile Sahin die Geschichte eines Verräters, von Rache, Liebe und Freundschaft.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 24.03.2025
Rezensentin Alicja Schindler bespricht nicht nur Cemile Sahins neuen Roman, sondern porträtiert auch dessen Autorin, die in bildender und filmischer Kunst ausgebildet ist und in deren Schreiben "Sprache wie eine Kamera" funktioniert, wie Schindler findet. Sahin ist kurdischer Abstammung, was auch im Roman thematisiert werde: die Familie Korkmaz ist nach Rotterdam geflohen, wo einer der Brüder zu Beginn des Buchs erschossen wird. Das verbinde die Autorin in ihrer temporeichen, filmischen Erzählweise mit der Geschichte eines Kunstraubs, bei dem die Gemälde alter Meister gestohlen wurden - einer der Protagonisten findet die Bilder versehentlich und tauscht sie durch eigene Arbeiten aus. Rhythmisch, bildhaft und lebendig findet Schindler das und malt sich, auch dank der im Roman verstreuten Text- und Infotafeln, schon aus, wie wohl die Verfilmung sein wird.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 28.02.2025
Cemile Sahin erzählt in "Kommando Ajax" eine kleine und eine große Geschichte, meint Rezensent Thomas Wörtche. Die kleine Geschichte, eine klassische "heist novel", in der geraubt, geflohen, gejagt und gekämpft wird, bildet die Leinwand, hinter der sich die große Geschichte abspielt: die Geschichte einer kurdischen Familie, deren Dorf von der türkischen Armee zerstört wird, die schließlich in die Niederlande flieht und sich in den rassistischen Verhältnissen dort irgendwie einzurichten versucht. Diese Kombination aus Krimi und Familienroman ist erst mal nichts besonderes, weiß Wörtche. Originell und auf ungewohnte Weise unterhaltsam ist dagegen, wie Sahin diese Story vermittelt. Wie ein "Drehbuch für einen Action-Film", so der Rezensent - reduziert, sprunghaft, bilderreich, mal pathetisch, mal albern, mal herrlich lakonisch, aber immer konsequent und überzeugend. Am Ende werden alle raffiniert verknoteten Fäden wieder sorgfältig auseinander gefriemelt, wie es sich eben für einen Krimi gehört. Ein paar Elemente gehen zwar auf dem Weg verloren, doch das stört nicht. Besonders lobenswert und mutig aber findet der Rezensent Sahins rigorose Abkehr vom "1:1 Realismus" konventioneller Kriminalromane.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 22.11.2024
Rezensent Samuel Hamen feiert eine "zurzeit einmalige Stimme" der Gegenwart, deren Zorn, Witz, Kühnheit und Tempo andere vermeintlich generische Romane über Flucht, Identität und Diskriminierung matt erscheinen lassen. In "Kommando Ajax" erzählt Sahin die Geschichte von sechs Geschwistern vor und nach dem Attentat auf den jüngsten von ihnen, Keko, von ihrer Flucht aus dem kurdischen Dorf Mezra, von ihrem Leben im niederländischen Exil, von der "Europa-Krankheit", die sie alle befällt, wie eine Figur es ausdrückt - "es", das sich bei einem von ihnen etwa in Ölgemälden im Stil der alten Meister ausdrückt, Gemälden, in denen "Kitsch und Kummer" zusammen fließen, lesen wir, genau wie in dem Text, der von ihnen erzählt. Sahin lässt sich darin weder von falscher Bescheidenheit oder Scham aufhalten, so Hamen, noch von Erzählkonventionen und Genregrenzen. Selbstbewusst bedient sie sich verschiedenster erzählerischer Mittel, sprengt die Chronologie, beschreibt schonungslos die Gewalt, die ihren Figuren begegnet und führt uns so zu Erkenntnissen, wie etwa dieser: Dass sich niemand den Vorurteilen, den Erzählungen einer Gesellschaft über sich und über "die Anderen", entziehen kann, so der beeindruckte Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 25.10.2024
"Kommando Ajax" kommt zur rechten Zeit, glaubt Rezensent Philipp Stadelmaier. Oder anders gesagt: Diese Zeit, in der Menschen dringende Gründe haben, Asyl zu suchen und dort, wo sie Asyl suchen, "wie Kriminelle behandelt werden", bringt einen Roman wie diesen erst hervor. Was für eine Zeit das ist, davon erzählt dieser Roman nicht nur, sondern er zeigt es, meint Stadelmaier, mit den Mitteln der Literatur, die er sich zugleich aneignet und als Waffe gegen diese Wirklichkeit verwendet. Im Zentrum der Geschichte steht der Tod von Keko Korkmaz, von hier aus schauen wir mit der Autorin in zwei Richtungen: das Leben der Familie in Kurdistan unter der Macht der türkischen Regierung, dann die Flucht, der Umgang mit der Tragödie, unter der Macht der niederländischen Mehrheitsgesellschaft. Diese durchaus spannende und unterhaltsame Geschichte liest sich oft wie ein Drehbuch, Sahin erzählt in einer stakkatoartigen Sprache, nutzt Stichpunkte, Beschreibungen von Kameraeinstellungen, und Bildcollagen, lesen wir, aber auch Wiederholungen, Namen, Schriftbild, Klang - die Mittel der Literatur, um die Wirklichkeit darzustellen und dabei keine Lücken zu lassen. Der Text mag etwas überkonstruiert wirken, so Stadelmeier, sein Umgang mit Sprache ungewohnt und nicht unbedingt elegant, aber wann ist Widerstand, auch wenn er künstlerisch ist, schon elegant, fragt er.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 15.10.2024
Das hat dieses Mal leider nicht so gut geklappt, bedauert Rezensent Maximilian Mengeringhaus, der Cemile Sahins Romane unter anderem für ihre Rasanz und ihre filmischen Erzählweise schätzt. In dieser Geschichte um die kurdische Familie Korkmaz, die vor der türkischen Armee in die Niederlande flieht, bleibt leider vieles im Unklaren. Wie "ein Actionkrimi" läuft die Handlung ab, so der Rezensent, denn Vater Kurmaz ist verwickelt in einen ziemlich spektakulären Kunstraub, was allerdings Gangster und Auftragskiller auf den Plan ruft. Viele bewährte Mittel Sahins entfalten hier nicht ihre Wirkung, findet der Kritiker: die "szenischen Erzähltechniken" werden zu plakativ angewendet, auch mit dem "popkulturellen Referenzfeuerwerk" wird über die Stränge geschlagen, einiges wirkt diffus. Schade, meint der Rezensent, denn die Figuren sind durchaus spannend und vielschichtig und hätten viel mehr Entfaltungsmöglichkeit verdient.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.10.2024
Berührend, liebevoll und unheimlich lustig findet Rezensent Niklas Maak den neuen Roman von Cemile Sahin: Im Zentrum steht der Kurde Ali Hüseyin, der nach Holland geflohen ist, aus Versehen über die Beute eines großen Kunstdiebstahls gestolpert ist und einen Teil der Gemälde durch eigene Selbstporträts austauscht, denn er ist selbst Maler. Zu der Handlung kommt das erzählerische Experiment, Bild und Text miteinander zu verbinden, in Verbindung und gleichzeitig in Konkurrenz zueinander zu setzen, so Maak, Sahin gelingt es, dabei auch sehr lustige Szenen einzubauen, etwa, wenn aus einem Kurden bei der Einwanderung ein Kubaner wird, weil der niederländische Beamte ihn missversteht. Auch als "kurdisches Familienepos" funktioniert der Roman, versichert der begeisterte Kritiker.