Kristine Bilkau

Halbinsel

Roman
Cover: Halbinsel
Luchterhand Literaturverlag, München 2025
ISBN 9783630877303
Gebunden, 224 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Eine Halbinsel im nordfriesischen Wattenmeer. Hier, an der Nordsee, lebt Annett, Ende vierzig, seit vielen Jahren, hier hat sie nach dem frühen Tod ihres Mannes ihre Tochter Linn allein großgezogen. Linn, Mitte zwanzig, ist nach dem Abitur voller Energie in die Welt gezogen, hat sich in schwedischen und rumänischen Wäldern als Umweltvolontärin engagiert, arbeitet für ein Aufforstungsprojekt. Für Annett ist ihre Tochter die Verkörperung von Hoffnung, Sinn und Zukunft. Doch auf einer Tagung, während eines Vortrags kippt Linn um, Kreislaufzusammenbruch, Erschöpfung. Annett holt sie für eine Woche zu sich nach Hause, ans Meer, nahe Husum. Aus einer werden zwei, dann drei Wochen, dann Monate. Zerrieben zwischen Leistungsdruck und Sinnsuche, scheint Linn mit Mitte Zwanzig an einem Nullpunkt. Annett fühlt sich hilflos angesichts der Antriebslosigkeit ihrer Tochter. Mit der Zeit brechen Konflikte auf, zwischen Mutter und Tochter, aber auch zwischen zwei Generationen. Die eine muss die Lebenswirklichkeit der anderen neu verstehen lernen. Kristine Bilkau lotet die Frage nach der Verantwortung der Älteren für den Zustand der Welt aus sowie den Wunsch der Jüngeren, das eigene Leben mit Sinn zu füllen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.04.2025

Rezensent Rainer Moritz ist zufrieden, dass Kristine Bilkau für diesen Roman den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat. Denn die Geschichte um die 24-jährige Linn, die, nachdem sie ihren Job bei einer im Bereich Klimaschutz tätigen Beratungsfirma hingeschmissen hat, bei ihrer Mutter auf einer nordfriesischen Halbinsel einzieht und sich zurückzieht, besticht den Kritiker durch den zurückhaltenden, "reduzierten" Sound der Autorin. Schon wie Bilkau die aufkeimenden Konflikte zwischen Mutter und Tochter schildert, stets mit Blick für das Verdängte, imponiert Moritz. Und dass die Autorin das Thema Klimaschutz ganz ohne "gutgemeinte Botschaften" unterbringt, gefällt dem Kritiker mindestens genauso gut.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 31.03.2025

Für Rezensentin Marie Schoeß ist dieser Roman von Kristine Bilkau ein Buch, das die großen Themen unserer Zeit auch zeitgemäß verhandelt. Nur vordergründig geht es um die Beziehung zwischen Annett und ihrer Tochter Linn, die sie nach dem plötzlichen Tod des Vaters allein aufgezogen hat. Annett gebe sich als Ich-Erzählerin stets Mühe, ihre Gefühle und ihre Sprache zu kontrollieren, um Linn nicht zu belasten: Alles Böse versuche sie von der Tochter abzuhalten. Als Linn dann, schon erwachsen, einen Zusammenbruch erleidet, ergeben sich zunächst zwischenmenschliche Fragen: Hat Annett ihre Tochter vielleicht zu sehr beschützt? Warum fand sie nie Worte für den Tod des Vaters? Es gibt aber noch eine viel weitreichendere gesellschaftliche Dimension dieses Kollaps, verrät Schoeß: Linns Erschöpfung spiegelt auch die Erschöpfung der Erde und des Klimas wider. Hier packt Bilkau für das Gefühl der Rezensentin die richtigen Fragen an: Wie verhält man sich zu einer Welt, die vielleicht dem Untergang geweiht ist? Und kann Sprache hier überhaupt noch etwas ausrichten? Die Kritikerin findet es gut, dass die Autorin sich gerade deshalb auf eine "faktenbasierte Sprache" konzentriert, die sich dem Expansionskurs einer Welt verweigert, der die Ressourcen ausgehen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.03.2025

Durchaus interessiert nimmt Rezensentin Susan Vahabzadeh Kristine Bilkaus neuen Roman zur Hand, der von Annett und ihrer mittlerweile erwachsenen Tochter Linn handelt. Wir erfahren, dass Linn eigentlich Umwelttechnik studiert hat, in ihrem Job aber eher Greenwashing betreibt und irgendwann deshalb zusammenbricht. Vahabzadeh zeigt sich irritiert davon, wie ungenau der Roman größtenteils ist, obwohl er durchaus wichtige Fragen zum Umgang mit dem Klima und im familiären Umfeld zum "Zusammenhang von Schutz und Kontrolle" stelle. Schade, dass beispielsweise die Debatten über Klimaaktivisten, die Gemälde beschädigen, nicht über den Stand von vor zwei Jahren hinauskommen, meint Vahabzadeh , die der Roman auch sprachlich nicht überzeugen kann.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.03.2025

Die Menopause wird viel zu oft viel zu negativ wahrgenommen - wenn überhaupt, meint Rezensentin Rabea Weihser und empfiehlt als Gegengift drei Bücher: Anika Deckers Roman "Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben", Kristine Bilkaus Roman "Halbinsel" und Stefanie de Velascos Tagebuchaufzeichnungen "Heiß". Bilkaus Roman gefällt der Rezensentin offenbar am besten. Hier lernt die 49-jährigen Annett von ihrer "umweltaktivistischen" Tochter das Aufstehen und sich Wehren gegen Erwartungen von außen, beides Dinge, die sie ihrer Tochter offenbar selbst mal beigebracht und dann vergessen hatte. Dazu kommen Naturerfahrungen und Sex mit dem 20 Jahre jüngeren Nachbarn, und schon ist alles wieder supi: Annetts Blick auf die Welt ist weiter geworden, und sie kann dem neuen Lebensabschnitt mit "neugieriger Gelassenheit" begegnen, freut sich die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.03.2025

Nicht nur, wie die Autorin Naturmetaphern einsetzt, gefällt Rezensent Carsten Otte an Kristine Bilkaus Roman: Die titelgebende Halbinsel verweist nicht nur auf den ostfriesischen Wohnort der Hauptfigur Annett, sondern auch auf Unsicherheiten im Zwischenmenschlichen, die sich dem Kritiker offenbaren, als Annetts Tochter Linn einen Kreislaufkollaps erleidet und nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt wieder bei ihrer Mutter einzieht. Die Frauen müssen im Folgenden ihr Verhältnis zueinander neu bestimmen, wobei wir das Geschehen stets aus der Ich-Perspektive Annetts mitbekommen, deren Innenleben laut Kritiker ebenfalls in schön melancholischer, norddeutsch-reservierter Manier in den Text einfließt. Otte geht im Weiteren auf die Veränderungen ein, die sich nach und nach in Annetts Leben ergeben, die Hauptfigur, die seit ihrer Verwitwung eine einsame Existenz führt, wendet sich wieder stärker der Welt um sie herum zu. Wobei die bestimmende Tonlage dieses Buches die Fragilität bleibt, so Otte, dem das gut zu gefallen scheint.

Buch in der Debatte

Efeu 31.03.2025
Nadine A. Brügger kommt in ihrer NZZ-Nachbetrachtung zur Leipziger Buchmesse nochmal auf die Auszeichnung für Kristine Bilkaus "Halbinsel" zu sprechen, respektive auf das bass erstaunte Echo in den Feuilletons (unser Resümee). "Gut sei dieser Roman, so der zumeist männliche Tenor an den Apéro-Stehtischchen, aber nicht gut genug, um mit Haas' experimentellem und Krachts eskapistischem Roman mithalten zu können. Das ist allerdings falsch: Bilkau kann mit ihrer ruhigen Erzählstimme und dieser ihr eigenen, wahnsinnig präzisen Sprache literarisch durchaus mithalten. Zudem bestärkt Leipzig mit allen vergebenen Auszeichnungen das eigene Selbstverständnis, als Publikumsmesse die Kunst der Literatur mit den Themen und Problemen der Gegenwart zu verknüpfen. Bilkau, die aus Alltäglichkeit mittels Erzählkunst etwas Allgemeingültiges herauszuschälen vermag, passt zu diesem Literaturverständnis." Auch tazlerin Julia Hubernagel ist in ihrem Resümee der Buchmesse unzufrieden mit dem Urteil ihrer Kollegen aus den benachbarten Feuilletons. Unser Resümee

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