Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben
Eine Biografie

Insel Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783458644828
Gebunden, 478 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Offen sein und schreiben, mehr wollte Rilke nicht: ein bescheidener und zugleich anspruchsvoller Wunsch. Als Autor erfuhr er "das ganze Leben [...], als ob es mit allen seinen Möglichkeiten mitten durch ihn durchginge". Allerdings auch mit all seinen Widersprüchen: Rilke floh vor seinen Musen und konnte ohne sie nicht sein, beklagte die Folgen des menschengemachten Fortschritts und begeisterte sich für die Technik, er liebte das einfache Leben und hatte eine ausgeprägte Vorliebe für schöne Dinge und Wohnsitze. Er schuf mit den "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" einen der ersten modernen Romane und epochemachende Gedichtzyklen, deren Ausdruckskraft bis heute nachwirkt. Sandra Richter, Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach, arbeitet mit neuen Quellen, die mit Ankauf des großen Rilke-Archivs 2022 nach Marbach gelangt sind. In ihrer Biografie erscheint der Autor in neuem Licht: Nicht der weltabgewandte Einsiedler, zu dem er sich gern stilisierte, sondern robust, durchsetzungsfähig, alert in Gesellschaft, heiter und selbstironisch und in Finanzdingen beschlagener, als man gemeinhin annimmt. Diese Biografie macht deutlich, warum es sich heute in besonderer Weise lohnt, Rilke wieder zu lesen: Er lebte in schwierigen Zeiten, und er verarbeitete sie mit einer Wucht, die vielleicht nur im Angesicht existenzieller Bedrohung glaubhaft wirkt.
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Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 29.03.2025
Zum 150. Geburtstag Rilkes kann Rezensent Tobias Lehmkuhl gleich zwei neue Biografien des Dichters entdecken - diese und die von Manfred Koch. Richter arbeitet auf rund 360 Seiten "beherzt" die verschiedenen Facetten Rilkes zwischen Einsamkeitswunsch und Netzwerken als manischem Briefeschreiber heraus, so der Rezensent, sie identifiziere die Formel vom "offenen Leben" als charakteristisch für ihn. Sowohl der Kitsch des frühen Werkes als auch die Größe etwa des Romans "Malte Laurids Brigge" kommen Lehmkuhl zufolge bei Richter zur Sprache, die zudem "ein Ohr für Rilkes speziellen (…) Witz" habe. Auch der Rezeption Rilkes zwischen Heidegger (philosophisch) und Adorno ("protofaschistisch") widme sich die Autorin gewinnbringend. Zum Schluss kann Lehmkuhl beide Bücher empfehlen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 22.03.2025
Freundlich bespricht Rezensent Hilmar Klute die Rilke-Biografie Sandra Richters, Leiterin des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Die Besprechung, die sich außerdem Manfred Kochs Rilke-Buch widmet, besteht hauptsächlich aus einer Rekonstruktion von Rilkes Leben, wobei selten klar wird, inwieweit Klute sich direkt auf Richter bezieht. Gut gefällt Klute unter anderem Richters Darstellung der Beziehung Rilkes zu Eleonora Duse. Insgesamt konzentriert sich Richters Studie auf den Identitätswirrwar, dem Rilke ausgesetzt war und auf die Rolle der Frauen in seinem Leben, so der zufriedene Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 20.03.2025
Ein starkes Buch über Rainer Maria Rilke hat Sandra Richter laut Rezensent Kai Sina geschrieben. Richter, Direktorin des Marbacher Literaturarchivs, beschreibt den Dichter darin weniger als sensiblen Einzelgänger denn als einen Literaturbetriebsprofi, der sich auf die Kunst der Selbstinszenierung verstand. Das Buch, das aus einer Reihe gut lesbarer biografischer Miniaturen besteht, kann sich auf viele neu erschlossene Quellen stützen, was sich für den angetanen Kritiker etwa in einer erhellenden Passage über die wichtige Rolle des Rilke-Verlegers Anton Kippenberg niederschlägt. Auch über Rilkes Jugend lernt man hier einiges, freut sich der Rezensent, zum Beispiel über die "Erziehung zum Mädchen" (Zitat Richter), die ihm seine Mutter angedeihen ließ - freilich wird auch der spätere teils rücksichtslose Umgang Rilkes mit Frauen zur Sprache gebracht. Insgesamt, meint Sina, wird Rilke hier vielleicht etwas zu ausschließlich als ein strategisch denkender Autor beschrieben, wodurch psychologische Aspekte unter den Tisch fielen. Gleichwohl fügt dieses Buch, so das Fazit, der Rilke-Rezeption Wichtiges hinzu.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 03.03.2025
Gleich zwei neue Biografien über Rainer Maria Rilke kann Rezensent Björn Hayer in dessen Jubiläumsjahr entdecken: Manfred Koch legt ein konzises, dichtes Buch mit starken Textexegesen vor, in dem die alles überstrahlende Todesmotivik in Rilkes Werk ihn als "Angst-Dichter" zeigt, der mit seiner Dichtung auch versucht hat, die sich immer rascher verändernde Welt zu bewältigen. Sandra Richter, die Leiterin des Literaturarchivs in Marbach, nimmt eher eine "parzielle Neuinterpretation" des Dichters vor, so Hayer, statt ihn als Eremiten zu sehen, hebt sie eher seine Methode des "restaurativen Modernismus" hervor, die versuchte, mittels der Kunst ein Vorkriegseuropa wiederherzustellen. Beide Biografien machen dem Kritiker zufolge zudem deutlich, wie wichtig Frauen von der Mäzenin Marie von Thurn und Taxis bis zu Lou Andreas-Salomé für Rilke waren, die ihn inspirierten, "über der eignen Zerstörung/ewig hervor" zu gehen, wie er, mit beiden Büchern sehr zufrieden, schließt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 22.02.2025
Zu Rilkes 150. Geburtstag kann Rezensent Paul Jandl nun gleich zwei Biografien über den Dichter lesen, der ihm zufolge mit seinen vielen seelischen Verstrickungen "ein Fall für Freud" war: Der Literaturwissenschaftler Manfred Koch widmet sich eher den düsteren, angstgetriebenen Seiten Rilkes, der als Kind vor allem die Vorstellungen erfüllen musste, die die Mutter von ihm hatte, die ihn in Mädchenkleidung gesteckt hat. Die dichterischen Anfänge beurteilt Koch negativ, auch seine schwierige medizinische Lage zwischen vielen Kuraufenthalten findet Eingang in sein Buch, das ganze wird in Verbindung zu Rilkes Werk gebracht, von "Malte Laurids Brigge" bis zu den "Duineser Elegien." Bei Sandra Richter, Leiterin des Literaturarchivs Marbach, geht es ergänzend viel um Rilkes Frauenbild, seine weiblichen Verbindungen von Lou Andreas-Salomé bis Clara Westhoff-Rilke, beiden Büchern ist gemein, dass sie gegen die Mythologisierung des Dichters anschreiben müssen und dies erfolgreich tun, wie Jandl festhält. Auch Rilkes schwieriges Verhältnis zur Psychoanalyse wird in beiden Büchern diskutiert - für den Kritiker werfen beide Autoren wichtige Schlaglichter auf einen großen Dichter.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.01.2025
Knapp tausend Seiten Rilke-Biografie annonciert der für die FAZ rezensierende Literaturwissenschaftler Helmuth Kiesel, allerdings aufgeteilt auf zwei Bücher: Minutiös vergleicht der Kritiker die Werke des Germanisten Manfred Koch und der Leiterin des Literaturarchivs in Marbach Sandra Richter miteinander. So viel vorab: Beide Biografien hält Kiesel für ausgesprochen lesenswert, bestechen sie doch nicht nur durch gleichermaßen wertschätzenden und kritischen, sowie wissenschaftlich genauen und "emphatischen" Zugang, sondern auch durch kenntnisreiche Sichtung der Materialfülle - und neue Erkenntnisse. So liest der Rezensent etwa, wie Rilke seinen Leidensweg in Kreativität überführte, seiner Mutter-Thematik nicht selten an jüngeren Frauen abarbeitete oder sich selbst hervorragend im Literaturbetrieb vermarktete. Koch und Richter reichern ihre Texte zudem mit vielen Zitaten und Zeugnissen an, lobt der Rezensent. Dennoch würde er Kochs Werk den Vorzug geben, nicht nur weil hier das für Rilke nicht unwesentliche Thema "Onanie" ausführlicher behandelt wird. Was er an Kochs knapp 120 Seiten längerer Biografie vor allem schätzt, ist die ausführliche Textanalyse, die das Buch für Kiesel zu einer "psychologisch und ästhetisch feinfühligen, überaus gehaltvollen und scharf profilierenden Beschreibung" von Leben und Werk macht.