Christoph Hein

Das Narrenschiff

Roman
Cover: Das Narrenschiff
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783518432266
Gebunden, 750 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Ein Staat wird - wie alle Staaten - gegründet für alle Ewigkeit und verschwindet nach vierzig Jahren nahezu spurlos. Sind die Menschen, die dort einmal lebten, dem Vergessen anheimgefallen und ihre Träume nur ein kurzer Hauch im epochalen Wind der Zeitläufte? In seinem Gesellschaftsroman lässt Christoph Hein Frauen und Männer aufeinandertreffen, denen bei der Gründung der DDR unterschiedlichste Rollen zuteilwerden, begleitet sie durch die dramatischen Entwicklungen einer im Werden befindlichen Gesellschaft, die das bessere Deutschland zu repräsentieren vermeint und doch von einem Scheitern zum nächsten eilt. Überzeugte Kommunisten, ehemals begeisterte Nazis, in Intrigen verstrickte Funktionäre, ihre Bürgerlichkeit in den Realsozialismus hinüberrettende Intellektuelle, Schuhverkäufer, Kellner, Fabrikarbeiter, Hausmeister und selbst ein hoher Stasi-Mann erkennen auf die eine oder andere Art ihre Zugehörigkeit zu einer unfreiwilligen Mannschaft an Bord eines Gemeinwesens, das sie zunehmend als Narrenschiff wahrnehmen und dessen Kurs auf immer bedrohlichere historische Klippen ausgerichtet ist.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.06.2025

Ein beeindruckendes Buch über die DDR legt Christoph Hein für Kritikerin Renate Meinhof vor. Im Zentrum stehen drei Männer, die der Führungsriege des sozialistischen Staates nahestehen, der Ökonom Karsten Emser, der Ingenieur Johannes Goretzka und der Anglist Benaja Kuckuck, sowie die Frauen Emsers und Goretzkas. Mit diesem Personal durchmisst Hein die historischen Wegmarken der DDR-Geschichte, der Mauerbau kommt vor, ebenso die Folgen des Prager Frühlings, all dies aus Sicht von Menschen, die ein einigermaßen privilegiertes Leben im totalitären System führen und allein schon deshalb nie allzu genau nachfragen, im Zweifel opportunistisch handeln. Als innerlich verschlossen beschreibt Meinhof die Figuren des Romans, über ihre biografischen Brüche und Lebenslügen schweigen sie sich aus, und gelegentlich bedauert die Rezensentin es, dass Hein nicht mehr Einblick gewährt zum Beispiel ins Seelenleben Goretzkas, der sich in jungen Jahren vom glühenden Nazi in einen Vorzeigesozialisten verwandelt hatte. Gut zu fassen bekommt Hein allerdings in Meinhofs Augen die Willkür, die das Leben in der DDR prägte, auch die Angst, die viele Menschen umtrieb. Abschließend geht Meinhof auf die Passagen ein, die in der Nachwendezeit spielen und davon handeln, wie viele DDR-Bewohner von Westlern enteignet wurden, was in den Augen der Rezensentin ein Fehler war. Ein reichhaltiges Buch über ein ganz und gar nicht lustiges Narrenschiff, so das Fazit.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 03.04.2025

Ziemlich gebannt verfolgt Rezensentin Jana Hensel dieses DDR-Epos von Christoph Hein: Im Mittelpunkt stehen die Familien Goretzka und Emser, beide aus dem Exil zurückgekehrt, beide in exponierter Stellung im System dieses neuen Staates, auf den sie ihre Hoffnungen legen. Eng an den wichtigen Daten der DDR orientiert, wie dem Aufstand 1953, dem "Kahlschlag-Plenum" oder der Revolution 1989, erzählt Hein, wie sich die Figuren nie wirklich aufständisch verhalten, so Hensel, die Erkenntnis, dass letzten Endes die Partei immer am längeren Hebel sitzt, führe sie zurück in die Ergebenheit. Hensel lobt, dass Hein einen fast anachronistisch anmutenden auktorialen Erzählmodus gewählt hat, der es dem Leser ermöglicht, das Leben der Figuren in der Diktatur nachzuvollziehen. Das ist für die Kritikerin zwar auch schon aus anderen Romanen nicht ganz unbekannt, aber dennoch lobenswert, auch wenn sie ihm in einem Punkt widersprechen möchte: Für sie sind die Figuren keine "Narren" - zu nachvollziehbar erscheinen ihr die Gründe zwischen Welt- und Kaltem Krieg, sich für ein schutzversprechendes System zu entscheiden.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 22.03.2025

So trocken ist Christoph Heins Erzählton in seinem neuen Roman, dass Rezensentin Marlene Hobrack zu ahnen beginnt, wie sich vierzig Jahre DDR angefühlt haben müssen. Man könnte zwar sagen, dass dieser Effekt vom Autor beabsichtigt wurde, aber Hobrack findet die Zumutung für die Leserschaft leider dann doch etwas zu groß geraten. Hein erzählt DDR-Geschichte ausgehend von der Familie von Ex-Nazi Johannes, seiner Frau Yvonne und Tochter Kathinka und vielen weiteren Figuren. Das "groteske Machtnetzwerk" und die Absurdität des totalitären Systems kann Hein in jedem Fall deutlich machen, versichert Hobrack. Auch die große Dichte des Romans, der mit einer Fülle an historischen Details aufwartet, beeindruckt sie. Leider bleiben die Figuren durch den berichtenden Erzählton blass, auch eine psychologische Inneneinsicht bleibt der Leserschaft verwehrt, bedauert Hobrack.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2025

Als Christoph Heins Opus magnum bezeichnet Rezensent Ulrich Steinmetzger den neuen Roman des Schriftstellers. Hein widmet sich darin ein weiteres Mal der Geschichte der DDR.  Er rollt sie panoramatisch auf entlang der Lebensläufe dreier Männerfiguren: Johannes Goretzka, der vom Nazi zum Stalinisten mutiert, Kartsen Emser, Professor und SED-Funktionär und Benaja Kuckuck, ein Kulturmensch, der ideologisch nicht gar so gefestigt ist. Alle drei geraten im Laufe der Zeit in der DDR auf die eine oder andere Art aufs Abstellgleis und treffen sich in Heins Buch immer mal wieder, gemeinsam mit den beiden deutlich jüngeren Frauen, die zwei von ihnen - nicht unbedingt aus Liebe - heiraten. Der Roman hebt sich deutlich positiv ab von einigen anderen, fragwürdigen DDR-Fiktionen der letzten Zeit, findet Steinmetzger, nüchtern entwirft Hein eine Chronik des Landes entlang der bekannten Wegmarken, Zeitgeschichte und Fiktion werden hier - gelegentlich ein klein wenig zu didaktisch - ineinander geblendet. Die simpel anmutende Sprache des Buches entwickelt auf die Dauer großen Reiz, freut sich der Rezensent und sie hilft dabei, nachzuvollziehen, wie der Idealismus, der die DDR zunächst prägte, nach und nach verschwand. Ein großes Buch, so der Tenor der Besprechung.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.03.2025

Rezensentin Cornelia Geißler empfiehlt wärmstens Christoph Heins neuen Roman. Der Autor erweist sich einmal mehr als Chronist der DDR, meint sie. Auch wenn die Ereignisse der ostdeutschen Geschichte eher im Hintergrund ablaufen, prägen sie doch die Biografien der von Hein genau gezeichneten Figuren, so Geißler. Alle Charaktere im Text sind gutmeinende Etablierte im System, Opportunisten vor dem Herrn, wie sich zeigt. Hein arbeitet das sehr genau mittels Dialogen heraus, erklärt die Kritikerin. Die Übersetzung der großen Themen ins Persönliche gelingt überzeugend, findet sie, und der Leser versteht schließlich besser, warum selbst die "Gutwilligen" in der DDR scheitern mussten.

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