Yasmina Reza

Die Rückseite des Lebens

Cover: Die Rückseite des Lebens
Carl Hanser Verlag, München 2025
ISBN 9783446282759
Gebunden, 200 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Seit Jahren beobachtet Yasmina Reza Strafprozesse. Ein Mann ermordet die vierköpfige Familie seines Schwagers und legt die Leichenteile seiner Frau zu Füßen. Eine Frau klagt wegen Vergewaltigung und schreibt dem Täter danach glühende Liebesbriefe. Es geht Reza nicht um Schuld oder Unschuld, sondern um den Moment, in dem ein Leben aus der Normalität kippt. Ebenso erzählt sie von persönlichen Begegnungen mit guten Freunden oder in der Familie.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 29.03.2025

Für die Rezensentin Eva Behrendt enthält das neue Buch mit Gerichtsreportagen von Yasmina Reza "beeindruckende Feldstudien menschlichen Verhaltens": Auf nur wenigen Seiten entfalte die Autorin die kleinen und großen Dramen, die sich vor Gericht abspielen. Behrendt berichtet etwa von einem ältlichen Mann, der sich auf Dating-Apps als Enddreißiger ausgegeben und Frauen enttäuscht und betrogen habe - Reza verwickle mit der Frage nach seiner Schuld auch die Frage danach, ob der "Wunsch nach Liebe" in manchen Fällen dem Betrogenwerden einen Vorschub leiste. Neben den Gerichtsreportagen seien zudem weitere Kurztexte beigefügt, etwa über Rezas Freundschaften mit Bruno Ganz und Imre Kertész oder über die Fotos von Diane Arbus, alle Texten hätten ihre pointierten Bemerkungen und den genauen Blick für das Menschliche gemein.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.03.2025

Was Yasmina Reza alles Kluges zu den "finsteren Dingen" des Lebens zu sagen hat, kann Rezensentin Judith von Sternburg nun in ihrem neuen Buch nachlesen, das Gerichtsreportagen, Erzählungen und kleine Notate versammelt. So fahre Reza all ihre großen Fähigkeiten auf, wenn es beispielsweise um den Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy und dessen Gerichtsverfahren geht, in dem er zu einem Jahr Hausarrest und Fußfessel verurteilt wurde. Nach einigen Treffen mit Sarkozy urteile Reza klarsichtig über dessen Persönlichkeit und betitele ihn als "Dampfplauderer" und "massiv Angstgestörten". Doch auch vom Tod liest Sternburg: Erinnerungen an Imre Kertész und Bruno Ganz gewinnen Raum, Reza setze der Unmöglichkeit des Todes ihre "Eleganz" entgegen. Besonders die Schilderungen von Prozessen zu ungeheuerlichen Verbrechen überzeugen die Kritikerin, gegen die betonte Unaufgeregtheit der Justiz bei einem Vierfachmord wehre sich die Schriftstellerin beispielsweise mit einem scharfen Urteil über die Richterin: "Die Schulmeisterin glättet alles." Ein Buch, das viele Überraschungen und höchste literarische Kunst zu bieten habe, wird resümiert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2025

Rezensentin Sandra Kegel betritt mit Yasmina Rezas "Die Rückseite des Lebens" ein "atemberaubendes" literarisches "Kabinett des Schreckens". Darin versammelt sind etliche, fragmentarisch geschilderte Gerichtsfälle, erklärt Kegel, die an Brutalität und Absurdität kaum zu übertreffen sind und die keinerlei Schnörkel, Reflexionen oder Ausführungen bedürfen, um ihre Wirkung zu entfalten. Diese knapp und nüchtern beschriebenen Fälle sind ebenso real wie die kurzen, intimen Einblicke in Rezas Alltagsleben, mit denen die Autorin das Grauen unterbricht und die absurde Gleichzeitigkeit verdeutlicht - des Schreckens und des Alltäglichen, des Tragischen und des Komischen, das sich auch in vielen der Fälle selbst äußert. Manchmal wirkt dieses Gefüge, diese Verbindung von "allem mit allem" etwas willkürlich. Im besten Fall allerdings gelingt es der Autorin, aus den Kontrasten, Funken "universeller Wahrheit" zu schlagen, die in den Lücken der Erzählung zünden können, so die beeindruckte Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 22.03.2025

Für den Rezensenten Dirk Fuhrig sind diese Alltags- und Gerichtsskizzen, die Yasmina Reza "aufs Papier tupft", ein Ausweis ihrer unbedingten literarischen Größe, aus der er auch umfassend zitiert. Von alten Menschen in Venedig, "die letzten Schatten in diesem Wasserlabyrinth", über das Altern und Sterben enger Freunde wie Imre Kertész bis zu dem Gerichtsprozess um Sarkozy, dem "Dampfplauderer", schildere Reza in knapp fünfzig Geschichten eindrückliche Szenen des Menschseins an sich. Obwohl es sich um Alltagsschilderungen handelt, ist für Fuhrig nichts daran gewöhnlich - und selbst die hoffnungslosen Fälle würden mit einer "lakonisch-augenzwinkernden Pointe" versehen, versichert der überzeugte Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.03.2025

Ziemlich deprimiert ist Rezensentin Berit Dießelkämper nach der Lektüre dieses Buches. Yasmina Reza wendet sich konsequent den Schattenseiten des Lebens zu in diesem Buch, das sich, so die Rezensentin, allen Gattungseingrenzungen entziehe in seiner Kombination aus Gerichtsreportaen und Autobiografischem. Im Gericht begegnet Reza allerlei derangierten Figuren, die aus Einsamkeit, sexueller Frustration oder ähnlichen Gründen schreckliche Taten begehen, wobei die Autorin sowohl die Verbrechen als auch deren Motive lapidar abhandelt, erklärt die Rezensentin. Das findet sie vestörend, aber es sei auch eine Stärke des Buches, da es nicht auf billiges Mitleid abziele. Auch in den Passagen über Rezas Leben wimmelt es nur so von Tod und Verlust, lernen wir. Wenn gelegentlich doch Schönheit aufblitzt, dann kann das, findet die insgesamt von dem Buch durchaus beeindruckte Dießelkämper, den düsteren Gesamteindruck kaum abmildern.

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