Im frühen 20. Jahrhundert wirkten die kolonialen Bestrebungen des deutschen Kaiserreichs auch in viele Bereiche der Alltagskultur ein. Zugleich übten die außereuropäischen Kulturen auch auf Teile der modernen Künstlerschaft eine große Anziehungskraft aus. So haben einige Künstlerinnen und Künstler wie Wassily Kandinsky, Paul Klee, August Macke, Gabriele Münter, Emil Nolde und Ottilie Reylaender in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg Europa für einige Zeit verlassen. Ihre Reisen in den Orient, die Südsee, nach Japan, Indien oder Mexiko stehen im Mittelpunkt dieses Bandes, mit dem erstmals eine übergreifende Studie der Künstlerreisen des frühen 20. Jahrhunderts vorliegt. Ein besonderes Interesse gilt dabei der Verarbeitung der individuellen Erfahrungen zu Kunstwerken. Entgegen der populären Vorstellung, in der Reise ein Erlebnis mit unmittelbarer Wirkung auf die künstlerische Praxis zu sehen, zeigt der Autor, dass die formale und thematische Auseinandersetzung über längere Zeiträume stattfand.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.05.2007
"Durchaus erfrischend" findet Christine Tauber die Dissertation von Christoph Otterbeck und ihren ins Auge springenden Willen, Gegenthesen zur Romantisierung von Künstlerreisen des frühen 20. Jahrhunderts zu formulieren. Das "resignative Fazit", das der Autor auf seine "länglichen" Reisenacherzählungen folgen lässt und demzufolge die Fremde den Künstlern kaum Impulse des Anderen zu vermitteln vermochte, steht für Tauber jedoch auf fragwürdigem methodischen Fundament. Die Künstlerreisen über "modische Gewährsmänner", wie Edward Said, mit dem Phänomen des Kolonialismus zu verbinden und einen Emil Nolde für einen politisch unkorrekten Blick auf das Fremde zu tadeln, scheint ihr nicht ganz geheuer.
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