Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Ein Jahr lang, zwischen 1973 und 1974, lässt sich ein gewisser Jacob B'chiri täglich und in wechselnder Verkleidung in einem Fotoautomaten ablichten. Wozu dienten die geheimnisvollen Aufnahmen? Christophe Boltanski begibt sich fasziniert auf Jacobs Spur, die von Paris über Rom und Marseille führt, zu den Friedhöfen von Djerba und an die Ränder der israelischen Negev-Wüste. Dabei fördert er eine unglaubliche Biographie zu Tage, in der sich Kriegs- und Exilerfahrung mit künstlerischen Ambitionen vermischen. Leichthändig und klug setzt er das Leben eines Fremden zu einer Erzählung über Identität, Glauben und die großen Tragödien des 20. Jahrhunderts zusammen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 13.04.2023
In diesem Roman folgt Rezensent Fritz Göttler dem französischen Schriftsteller Christophe Boltanski auf der Suche nach der Identität eines rätselhaften Fremden. Der Erzähler des Buchs wird mit einem Fotoalbum aus den siebziger Jahren konfrontiert, berichtet der Kritiker. Es enthält 369 Passfotos eines gewissen Jacob B'chiri, der sich ein Jahr lang jeden Tag in diversen Verkleidungen und Posen in Fotoautomaten an unterschiedlichen Orten ablichten ließ. Hinweise auf sein Leben geben Notizen auf den Rückseiten der Fotos, so der Rezensent. Für den Erzähler beginnt damit eine Spurensuche, laut Göttler lässt sich die Geschichte auch als Krimi lesen. Gleichzeitig werden medientheoretische Reflexionen über das Wesen der Fotografie angestoßen, erkennt der Kritiker, der hier unter anderen denkt an Texte von Walter Benjamin und Friedrich Kittler denkt. Das Buch ist demensprechend für ihn mehr "Installation als Dramaturgie".
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 11.04.2023
Rezensent Paul Jandl lässt sich gefangen nehmen von Christophe Boltanskis seltsamem, auf einen Flohmarktfund zurückgehende Roman. Der Text stellt laut Jandl die Spurensuche des Erzählers nach einem Phantom dar, das er nur von Automatenfotos aus der ganzen Welt her kennt. Wer der Fremde auf den Bildern ist (ein israelischer Spion, ein Suchender?), wird bis zuletzt nicht wirklich klar, meint Jandl. Der Spannung der Lektüre aber tut das keinen Abbruch, versichert der Rezensent. Am Ende treibt den Leser die Frage nach der Erzählbarkeit der Wahrheit eines Menschen um, erklärt er.
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