"Sigmaringen? … und doch, was für ein pittoresker Aufenthalt! … als wäre man in einer Operette … ein höchst gelungenes Bühnenbild … Sie hätten dort Soprane und leichte Tenöre erwartet … und fürs Echo war der ganze Wald da!" So beschreibt Louis-Ferdinand Céline jenen Ort, an den die Vichy-Regierung rund um Marschall Pétain im Winter 1944/45 gebracht wurde. Für Clemens Klünemann ist Sigmaringen das Symbol einer deutsch-französischen Zusammenarbeit, die unter ganz anderen, nationalistischen, Vorzeichen stattfand, als jene, die 1963 durch den Elysée-Vertrag begründet wurde. Und es sind die in Sigmaringen ein letztes Mal versammelten Protagonisten, die auf beiden Seiten auch nach der Beendigung der Kollaboration das Bild des jeweils anderen Landes prägen werden. In Zeiten eines wiedererstarkenden nationalistischen Projekts in Europa zeigt uns diese wichtige und erkenntnisreiche Abhandlung, wo die Grundzüge einer Zusammenarbeit nationalkonservativer Kräfte gelegt wurden - und wie überraschend aktuell dieser verdrängte Teil deutsch-französischer Geschichte ist.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.2019
Helmut Mayer versteht die Intention des Autors Clemens Klünemann nicht. Dessen Studie zum deutsch-französischen Verhältnis rennt allenfalls offene Türen ein, meint er, und wie Klünemann die andauernde Existenz gegenseitiger Vorurteile beweisen möchte, scheint ihm allzu billig. Über die Vorgeschichte zu Sigmaringen vermag der Autor Mayer zwar Wissenswertes zu berichten, die besondere Bedeutung von Sigmaringen als Erinnerungsort kann er ihm jedoch nicht überzeugend erschließen. Insgesamt bleiben die im Buch niedergelegten Erkenntnisse über Vichy und die Kollaboration laut Mayer hinter der Forschung zurück.
Sehr verdienstvoll findet Rezensent Wolfgang Stenke, dass der Historiker Clemens Klünemann das Sigmaringer Kapitel der deutsch-französischen Beziehungen beleuchtet. Es war düsteres, betont der Rezensent und lernt von Klünemann nun auch, dass beiden Seiten daran gelegen war, es unbeleuchtet zu lassen: Nach der Landung der Alliierten im Juni 1944 in der Normandie, rekapituliert Stenke, brachten die Nazis die kollaborierende Vichy-Regierung des greisen Marschall Pétain und ihre Entourage (zu der auch Louis-Ferdinand Céline gehörte) ins Hohenzollernschloss nach Sigmaringen. Klünemann tut gut daran, an diese "finster-absurde" Episode zu erinnern, meint der Rezensent, auch wenn er nicht alle Schlussfolgerungen des Autor teilt. Aus dem Buch lernt der Rezensent auch, wie der FDP-Politker Ernst Achenbach bis in die siebziger Jahre die Verfolgung deutscher Kriegsverbrecher in Frankreich sabotierte.
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