Aus dem Französischen von Brigitte Große. "Dein Vater stand auf der falschen Seite." Ein Satz, der die Familie zerreißt. Seit seiner Kindheit quält den Erzähler die eine Frage: Was hat der Vater während der Besatzungszeit gemacht? Doch er traut sich nie ihn zu fragen. Zu unberechenbar, zu gewalttätig ist dieser Mann. Im Mai 1987, als in Lyon der Prozess gegen den NS-Verbrecher Klaus Barbie eröffnet wird, berichtet der Sohn als Journalist einer großen französischen Tageszeitung und erfährt, dass die Gerichtsakte seines Vaters im Archiv schlummert. Nicht ein, sondern zwei Prozesse haben also gerade begonnen. Die Auseinandersetzung Chalandons mit der Wunde seines Lebens und Schreibens, dem Vater als Verräter.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 18.11.2022
"Verräterkind" ist nicht der erste Roman, in dem sich Chalandon mit seinem Vater und dessen Verhältnis zum NS-Regime auseinandersetzt, weiß Rezensentin Dina Netz. Nun jedoch macht der Journalist und Autor dem manipulativen Vater literarisch "den Prozess", wie Netz es ausdrückt. Nach einigen Recherchen des autofiktional angelegten Ich-Erzählers kommt heraus, dass alle Erzählungen des Vaters in Bezug auf seine Rolle im zweiten Weltkrieg erlogen waren. Was diese Erkenntnis in dem Sohn auslöst, wie sehr ihn die Lügen seines Vaters umtreiben, kann die Rezensentin dank Chalandons wunderbar genauen und kompakten Situationsbeschreibungen gut nachempfinden. Besonders scheint sich Netz über eine unvorhersehbare Wendung am Ende des Romans zu freuen. Hier zeigt sich, dass Sorj Chalandon eben nicht nur ein guter Reporter ist, sondern auch ein "großer Romancier", so die begeisterte Rezensentin.
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