Aus der Perspektive unterdrückter Gruppen ist das Leben der Reichen und Mächtigen nicht unbedingt begehrenswert, ja, es erscheint oft ignorant, korrupt, hässlich oder traurig. Menschen, deren Lebensrealität durch Erfahrungen der Gewalt und des Leids geprägt sind, besitzen häufig einen Zugang zu epistemischen Einsichten, ethischen Haltungen und ästhetischen Ausdrucksweisen, der privilegierten Subjekten fehlt. Ob sie diese Ressourcen erschließen können, hängt jedoch von bestimmten kollektiven Praktiken ab: davon, ob sie Mitglieder von Gegengemeinschaften sind. Befreiung kann daher nie durch Inklusion oder Integration in dominante Institutionen zustande kommen. Der Kampf um Befreiung ist vielmehr ein Kampf um Abolition.
Für Rezensent Hanno Rehlinger ist Daniel Loicks Buch am Ende doch gar nicht so radikal und anarchistisch, wie es gerne wäre. Der in Amsterdam lehrende Philosoph und Axel Honneth-Schüler versuche darin, eine Überlegenheit der Nichtherrschenden philosophisch zu untermauern, resümiert Rehlinger. Dabei werde eine nicht nur wissenstechnische und moralische, sondern auch eine ästhetische und emotionale Überlegenheit unterdrückter Gruppen aus einer behaupteten grundsätzlichen "Offenheit" dieser Gruppen abgeleitet - woran sich diese Offenheit aber konkret festmachen lässt, bleibt für den Kritiker "erstaunlich unterbelichtet". Wer sagt denn, fragt er, dass etwa ein Polygamie-Ideal nicht genauso rigide sein könnte wie das der Ehe? Dass also Unterdrückung durchaus auch in Herrschaft umschlagen könne, bleibt für Rehlinger eine Leerstelle in Loicks Buch, die es eigentlich dringend zu beleuchten gegolten hätte. So gelinge dem Autor auch die angestrebte Abgrenzung von einer herrschenden Moral im Sinne Hegels oder Honneths nicht wirklich, meint der Kritiker.
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