Dmitrij Kapitelman

Russische Spezialitäten

Roman
Cover: Russische Spezialitäten
Hanser Berlin, Berlin 2025
ISBN 9783446282476
Gebunden, 192 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Dmitrij Kapitelman schreibt in seinem neuen Roman über Familie und die (Un-)Möglichkeit der Verständigung in Zeiten alter und neuer Kriege. Eine Familie aus Kyjiw verkauft russische Spezialitäten in Leipzig. Wodka, Pelmeni, SIM-Karten, Matrosenshirts - und ein irgendwie osteuropäisches Zusammengehörigkeitsgefühl. Wobei, Letzteres ist seit dem russischen Überfall auf die Ukraine nicht mehr zu haben. Die Mutter steht an der Seite Putins. Und ihr Sohn, der keine Sprache mehr als die russische liebt, keinen Menschen mehr als seine Mutter, aber auch keine Stadt mehr als Kyjiw, verzweifelt. Klug ist es nicht von ihm, mitten im Krieg in die Ukraine zurückzufahren. Aber was soll er tun, wenn es nun einmal keinen anderen Weg gibt, um Mama vom Faschismus und den irren russischen Fernsehlügen zurückzuholen?

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.06.2025

Ein ebenso lustiges wie eindringliches Buch hat Dmitrij Kapitelman geschrieben, freut sich Rezensent Paul Jandl. Autobiografisch inspiriert schreibt Kapitelman über sein Verhältnis zu seiner Mutter, einer Ukrainerin, die nach Leipzig ausgewandert ist und dort mit ihrem Mann lange Jahre einen Laden für russische Spezialitäten namens "Magasin" betreibt. Außerdem konsumiert sie jede Menge russische Propaganda und glaubt sie aufs Wort, weshalb sie meint, dass an der aktuellen Lage der Ukraine nicht etwa Putin, sondern Selenski Schuld trägt, resümiert der Kritiker. Als so klugen wie sprachlich brillanten Heimatroman wertet Jandl das Buch, das Heimat nicht in Verbundenheit, sondern in Brüchen verortet. Einen besonderen Reiz gewinnt der Roman für ihn zudem, wenn der Erzähler sich schließlich nach Kiew aufmacht und die paranoiden Vorstellungen der Mutter mit der Realität konfrontiert.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.02.2025

Wenn die Lügen, der Hass, die Gewalt und die wahnwitzige Ignoranz allzu mächtig werden, kann selbst Ironie nichts mehr ausrichten. Für Dimitrij Kapitelman, weiß Rezensent Alex Rühle, war sie über Jahre und Jahrzehnte eine verlässliche, harte, und dennoch agile, "hauchdünne Lebensrüstung". In "Russische Spezialitäten" erzählt Kapitelman bzw. sein Alter Ego, wie diese Rüstung, die so vieles mitgemacht hat - die Flucht aus der Sowjetunion nach Deutschland, den Fremdenhass, die Vorurteile, nun zermürbt wird, durch den Krieg und alles was er mit sich bringt: Das Hadern mit der eigenen russischen Sprache etwa, die zur Sprache der Lügen geworden ist, und dennoch mit ihm verwachsen. Und vor allem: Das zerstörte Vertrauen zwischen dem Protagonisten und seiner Mutter, die sich an Putins Lügen festklammert und die Realität selbst dann noch leugnet, wenn ihr Sohn sie am eigenen Leib erfährt, lesen wir. "Russische Spezialitäten" ist ein tragischer, autobiografischer Roman über "Identitätsfragen in identitätspolitisch hochtoxischen Zeiten", so formuliert es Rühle. Und Kapitelman beendet ihn mit einem bedrückenden Resümee. Für Fans dieses Autors, wie Rühle einer zu sein scheint, trägt dieses traurige Ende aber auch Hoffnung in sich: Die Hoffnung auf das Neue, dem sich Kapitelman nun vielleicht widmen kann, da er sich "biografisch freigeschwommen" hat, so der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.02.2025

Der Autor Dmitrij Kapitelman ist selbst in Kiew geboren und als Achtjähriger nach Deutschland gekommen, weiß Rezensent Jan Wiele, der diesen Roman über einen dem Autor sehr ähnlichen Erzähler und die Konflikte mit seinen russlandtreuen Eltern geradezu verschlingt. Zu Beginn erinnert ihn der sehr amüsante Stil an Wladimir Kaminer erinnert, doch der Sarkasmus und die Spitzzüngigkeit Kapitelmans offenbaren ihm schnell auch die Abgründigkeit der Beziehung zu den Eltern: Die Mutter zweifelt das Massaker in Butscha an, bei dem 2022 mehrere hundert Menschen von der russischen Armee umgebracht wurden. Sie lebt in einem von Fake News zerfressenen "Handyrussland." Trotzdem bleibt eine familiäre Nähe bestehen, der Autor bewegt sich "zwischen Witz und Schock", so der Kritiker, der Kapitelmans Zuspitzungen erhellend findet. Immer stärker wird der Bezug des Erzählers zur Ukraine deutlich, sodass er sogar mitten im Krieg nach Kiew reist und, ganz zentral im Buch, mit Freunden über Sprache spricht, das Russische, mit dem sie aufgewachsen sind, ist zur "vermaledeiten Zungenmuttersprache" geworden. Ein starker, im besten Sinne absurder, aber manchmal schwer auszuhaltender Roman, resümiert Wiele.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.02.2025

Rezensentin Judith von Sternburg schätzt am neuen Roman von Dmitrij Kapitelman vor allem das Widersprüchliche. Hier, freut sie sich, dürfen Wahrheit und Lüge in einem Satz nebeneinanderstehen, auch wenn es dem Erzähler im Buch den Kopf wäscht, wenn seine Mutter aus der Sicherheit ihres postsowjetischen Exillebens heraus über die Ukraine schimpft und von den vielen Weißkrautsorten Wolgograds träumt. Die Wehmut ist natürlich parodistisch verpackt, so Sternburg. Witzig reiht Kapitelman ein Klischee über Russland an das nächste, bis er seinen Helden in die Ukraine reisen und sich von der Wirklichkeit des Krieges überzeugen lässt, erklärt die Rezensentin. Gute Dialoge schreiben kann der Autor übrigens auch, findet sie.

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