Große Porträts sprechen uns an, begleiten uns und werden zu einem lebendigen Teil unserer Erinnerungen. Wir bewundern Details - den schimmernden Glanz der Augen, den frischen Teint, die plastische Kraft eines Kostüms - und können uns an ihnen nicht sattsehen, doch quält uns die Neuierde, wenn wir den Namen der dargestellten Personen nicht kennen. Es sind nicht wenige Porträts, die wir als namenlose verzeichnen müssen. "Unknown sitter" heißt es lakonisch im Englischen. Aus diesem Grund haben wir Autoren gebeten, diese "Namenlosen" mit einer Geschichte, einem Steckbrief auszustatten, ihnen einen literarischen Taufschein auszuhändigen. 15 Fiktionen sind auf diese Weise zusammengekommen, sie laden dazu ein, die bewunderten Porträts noch einmal zu betrachten.
Das ist mal eine wirklich schöne Idee, findet Rezensentin Brigitte Werneburg: Elke Schmitter und Hanns Zischler haben die Sammlung der "Namenlosen" der Berliner Gemäldegalerie in eine Textsammlung überführt, "Typ Geschenkbuch für die höheren Stände". In der von ihnen herausgegebenen "Galerie der Namenlosen" haben namhafte Autoren wie Judith Hermann, Katja Lange-Müller, Wim Wenders, F. W. Bernstein und Jochen Schmidt den Porträtierten Geschichten aufs Gesicht geschneidert. Etwas ungelenk findet die Rezensentin, dass die Fiktionen mit der kunsthistorischen Erörterung des jeweiligen Porträts verstrickt wurden: zwar bleiben die Geschichten lesenswert, findet sie, aber ein wenig verhageln sie ihr den Spaß am selbst Sinnieren. Am besten hat ihr das Ablehnungsschreiben Harry Rowohlts gefallen, das allein sei schon den Kauf wert, verspricht Werneburg.
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