Ich lebe und ihr seid tot
Die Parallelwelten des Philip K. Dick

Matthes und Seitz, Berlin 2025
ISBN
9783957578815
Gebunden, 364 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Philip K. Dick (1928-1982) gehört zu den einflussreichsten US-amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Seine Romane und Kurzgeschichten wurden nicht nur vielfach verfilmt - "Blade Runner", "Total Recall" und "Minority Report" waren internationale Kinoerfolge -, sondern dienten unzähligen anderen Autoren, darunter Emmanuel Carrère, als Inspirationsquelle. Zeit seines Lebens trieb Dick die Frage um, welche inneren und äußeren Mächte unser Denken, Fühlen und Handeln lenken. In den phantastischsten Szenarien malte er aus, welche verheerenden Auswirkungen es hat, wenn ein Mensch sich dessen, was er glaubt, sieht oder weiß, nicht mehr sicher sein kann, ja wenn er sich fragen muss, ob er überhaupt ein Mensch ist. Seine 1977 in einer legendären Rede geäußerte Mutmaßung, wir lebten in der Simulation einer Künstlichen Intelligenz, lässt sich in ihrer prophetischen Kraft erst heute wirklich ermessen. Doch waren seine mystischen Visionen und seine Überzeugung, von FBI und KGB beschattet zu werden, nur auf drogeninduzierte Psychosen zurückzuführen, oder "erinnerte" er sich wirklich an eine parallele Gegenwart, die anderen verborgen war?Emmanuel Carrère erzählt Dicks Leben vom Plattenverkäufer bis zum selbsternannten Messias in einem Amerika, das schon vor Jahrzehnten von Paranoia und Spaltung geprägt war, als Roman. Er legt dabei erstaunliche Lesarten für die Gegenwart und die aktuelle Rolle von Technik und Macht frei und wirft existenzielle Fragen auf, die bis zu den Wurzeln der westlichen Zivilisation reichen.
Ausgewählt für das Literarische Quartett am 16.5.2025 mehr hier
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2025
Rundum überzeugt ist Rezensent Philipp Theisohn nicht von Emmanuel Carrères mehr als 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung nun auch auf Deutsch vorliegendem Buch über Philip K. Dick. Dennoch lohnt sich die Lektüre, insbesondere für alle, die sich für Carrères eigenes Werk interessieren, glaubt der Kritiker. Dick schrieb nicht einfach nur Science-Fiction, in gewisser Weise war sein ganzes Leben Science-Fiction, er bezog alles, was ihm geschah, auf mysteriöse höhere Mächte und deren Pläne, erklärt Theisohn: Er setzte die Sowjetunion mit dem Römischen Reich gleich, witterte kommunistische Verschwörungen unter seinen Lesern und fantasiert sich in eine Art Parallelleben hinein, in dem er als seine eigene Schwester auftritt. Dieses Leben entfaltet Carrère keineswegs philologisch korrekt, stattdessen gehen biografische Passagen und Werkanalysen unmittelbar ineinander über, wobei auch die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwinden - was Theisohn mit dem Begriff "Exofiction" in Verbindung bringt. Etwas anstrengend ist die Lektüre ob der andauernden Selbstdeutungen des Science-Fiction-Autors, an denen sich Carrère abarbeitet, findet der Rezensent, auch der herablassende Blick auf das Science-Fiction-Genre gefällt ihm nicht besonders. Interessant ist das Buch dennoch, nicht zuletzt, weil es den Beginn der Hinwendung Carrères zu seiner selbstentwickelten Form des Tatsachenromans darstellt, schließt der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 09.04.2025
Auf einen "wilden Trip" begibt sich Rezensent Paul Jandl mit Emmanuel Carrères schon 1993 erschienener Monografie über den Science-Fiction-Schriftsteller Philip K. Dick und seine psychedelischen Erfahrungen. Nach einem zugedröhnten Anruf von Timothy Leary und John Lennon aus einem Hotelzimmer, in dessen Folge der Beatles-Film "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" realisiert wurde, entwickelte sich der bis dahin recht unbekannte Dick zum "Guru der Hippies", erinnert der Kritiker. Carrére zeichnet nach, wie sich der Schriftsteller immer weiter in Drogendelirien, eine aussichtslose Gottsuche und Verfolgungswahn hineinsteigerte. Die Angst getäuscht zu werden oder auch die Vorstellung, er lebe in einer Art Simulation trieben Dick um. Im politischen Kontext der McCarthy-Ära, in der das FBI Jagd auf Kommunisten machte, bekommt das ganze dann eine ziemlich reale Dimension, erklärt Jandl, FBI-Beamte kreuzen bei dem Autor und seiner linken Freundin auf. Mit "distanzierter Einfühlung" schildere Carrère den persönlichen Wahn des Autors, der auch vom Tod seiner Zwillingsschwester bei der Geburt herrührte, so auch als "Phänomen einer Epoche", erklärt der Kritiker, der "psychedelische Kosmos" ist hier durchaus breitgefächert: gescheiterte LSD-Experimente, C.G. Jung, Roboter, Außerirdische. Carrère erfindet dabei auch ein paar Sachen dazu, verrät Jandl, der dieses Buch über die "Droge Amerika" und einem, der durch sie verrückt wurde, durchaus empfehlen kann.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 29.03.2025
Fritz Göttler nutzt das Erscheinen dieses Buchs, um selbst noch mal auf Philip K. Dick zurückzukommen. Es handelt sich um ein Frühwerk Emannuel Carrères, informiert er, und Carrère habe hier eine "aufregende Form der Sekundärliteratur" geschaffen, aufregend wohl auch, weil manches in dem Buch erfunden zu sein scheint. Das mag aber angesichts der schwachen Membranen zwischen Wahrnehmung und Realität, die Dicks Leben ausgezeichnet hat, nicht so von Belang sein. Offenbar sehr lebendig hält der Autor dem Rezensenten vor Augen, wie Dick das Pulp-Genre weiterentwickelte, bis es auch auch im etablierten Betrieb anerkannt wurde. Immerhin hat Dick die Vorlage zu "Blade Runner" geschrieben und starb leider, bevor er vom Tantiemensegen profitieren konnte mit 53 Jahren. Es gibt Wahlverwandtschaften zwischen Carrère und Dick, erläutert Göttler noch: Beide interessieren sich für östliche Weisheitslehren und anderen New-Age-Zinnober, Yoga und wohl auch Drogen. Beide fielen in Depressionen zurück. Für alle, die sich für die goldene Zeit des Westküsten-Kultur interessieren, dürfte dies Buch Pflichtlektüre sein.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 20.03.2025
Es geht in diesem Buch mindestens so sehr um den Autor Emmanuel Carrère wie um den titelgebenden Philip K. Dick, findet Rezensent Jens Balzer. Carrères im Original 1993 erschienenes Buch tut so, als wäre es eine Biografie des amerikanischen Autors, tatsächlich jedoch ist es ein Spiegelkabinett bestehend aus Dick-Erzählungen und fragmentiertem, biografischem Material, meint Balzer. Mit Carrère rekonstruiert Balzer den Lebenslauf Dicks, der mit seinen Science-Fiction-Erzählungen insbesondere in den 1960ern den Zeitgeist traf. Dicks Drogenkarriere, die in den 1970ern, als seine besten Bücher entstanden, immer selbstzerstörerischere Züge annahm, spielte dabei eine wichtige Rolle. Auch Dicks Hinwendung zum Christentum gerade in seiner persönlich schwierigsten Phase wird im Buch thematisiert und genau hier sieht Balzer auch die Verbindung zwischen Dick und Carrère, der selbst in den 1990ern eine Krise erlebte und sie unter anderem mithilfe des Religion überwand. Insgesamt hat, so kann man die Besprechung zusammenfassen, Carrère hier kein konventionelles Buch über Leben und Werk Dicks geschrieben, sondern eher ein Buch, in dem der Autor tief in sich selbst eintaucht und plötzlich wieder an die Möglichkeit der Erlösung glaubt.