Aus dem Französischen von Julia Schoch. Das Hôtel du Nord, ein sogenanntes Wohnhotel, liegt jenseits der großen Boulevards am Quai de Jemmapes im 10. Arrondissement von Paris. Emile und Louise Lecouvreur haben es gepachtet. "Eine Zigarette im Mundwinkel, schlendert Lecouvreur durchs Viertel ... Immer der gleiche Spazierweg, gemächlich, beruhigend. Die Kulisse von Fabriken, Werkstätten, Fußgängerbrücken, Kippkarren, die beladen werden, dieser ganze Betrieb am Kanal stimmt Lecouvreur fröhlich." Eugène Dabit kennt das Milieu: 1923 erwerben seine Eltern das Hôtel du Nord, er selber hilft oft als Nachtwächter aus. Die Geschichten seiner einfachen Bewohner faszinieren ihn. Der Roman endet mit dem Abriss des Hotels - im wahren Leben ist es zum Glück anders: Das Hôtel du Nord steht noch heute und ist nicht zuletzt durch Marcel Carnés Verfilmung des Romans zu einer Kultstätte geworden.
Das Hotel als Lebensform erlebt Rezensent Tilman Krause bei Eugène Dabit. Auch wenn das reale Vorbild des Hotel du Nord längst zum Hotspot für Bobos geworden ist, wie Krause weiß, der Roman bietet ihm in neuer, "schlackenloser" Übersetzung den guten alten "populisme" a la Dabit. Dass der Autor auf Teufel komm raus nicht verklären oder romantisieren möchte, sondern naturalistisch das Proletariat abzubilden versucht, hat für Krause allerdings auch seine Nachteile. So gibt es kaum plastische Figuren im Text, und politisch ist Dabit eben auch nicht. Die enttäuschten Illusionen kommen bei ihm laut Krause ohne Gefühl, ganz und gar lakonisch und, abgesehen vom Wortwitz, schmucklos zum Ausdruck. Als Sittenbild, das die Rückseite der Stadt der Liebe offenbart, taugt der Roman jedenfalls noch immer, meint der Rezensent.
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