Wird hierzulande öffentlich über den politischen Islam debattiert, dann geht es zumeist um Kopftücher, Moscheen oder islamistische Anschläge in Europa. Selten geht es darum, wie jener den Alltag eines Großteils der Weltbevölkerung prägt, wie durch ihn das Leben der Menschen insbesondere in der sogenannten islamischen Welt regelmäßig ein beengtes und gefährliches ist. Während der politische Islam im Nahen und Mittleren Osten, seinem historischen Zentrum, trotz anhaltender Herrschaft und Gewalt an Rückhalt zu verlieren droht, was sich in stets wiederkehrenden oppositionellen Protesten zeigt, scheint er seinen gesellschaftlichen und politischen Einfluss in Afrika, Europa und Südostasien auszuweiten. Der Band beleuchtet die Entwicklung des politischen Islam in verschiedenen Regionen der Welt, fragt nach dessen Verschiebung vom "Zentrum" an die "Peripherie" und thematisiert das patriarchale Geschlechterverhältnis sowie den Antisemitismus als tragende Säulen der zugrunde liegenden Ideologie.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.02.2024
Die in dem Sammelband von Fatma Keser, David Schmidt und Andreas Stahl vertretene Kernthese, die Zentren des politischen Islams könnten sich von seinen Kernländern Iran und Saudi-Arabien nach Südostasien und Afrika verschieben, überzeugt Rezensent Thomas Thiel nicht. Viel eher sei es so, dass diese Staaten solange an der Spitze stehen werden, wie das Öl aus dem Boden fließe und so die wirtschaftliche Grundlage für ihre Ideologie bereite, lesen wir. Auch die These von einer aufbegehrenden Jugend verwirft der Kritiker: Im Iran sei zwar die Hälfte der Jugendlichen areligiös, das Regime halte sich aber beständig. Trotzdem enthält der Band, so Thiel schließlich, "erhellende Beiträge" zum Thema Geschlechterfrage und Antisemitismus - das trägt dazu bei, dass sich ihm, trotz der nicht so gut belegten Kernthese, ein "dichtes und facettenreiches Gesamtbild" erschließt.
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