Aus dem Italienischen von Karl Pichler. In den Vorstadtvierteln der europäischen Großstädte sind die Immigranten der zweiten und dritten Generation am anfälligsten für die ideologischen Verheißungen der Islamisten. Der algerische Intellektuelle Fouad Allam hat sie besucht und über die Widersprüche, in denen sie leben, ein spannendes und vieldiskutiertes Buch geschrieben: Die Idee, Religion und Politik würden im Islam zusammenfallen, treibt uns Fouad Allam gründlich aus. Dabei geht er als einziger unter den modernen Islamwissenschaftlern religionssoziologisch vor. Es gibt nicht mehr auf der einen Seite den Islam und auf der anderen den Westen, sondern den Islam und den Westen in ein und demselben globalen Dorf. Diese Grundthese illustriert Allam am Berufsbeispiel des Ingenieurs: Es ist nicht mehr der Stammeshäuptling oder der Scheich, der den Ingenieur aus religiösen Gründen als Geisel nimmt oder tötet, sondern der Ingenieur selbst revoltiert gegen sein eigenes traditionelles Bezugssystem und bringt neue Technologien in die islamische Welt. Dagegen kämpfen die Fundamentalisten - auf ihrer Suche nach dem vollkommenen Menschen - und finden Gehör in den europäischen Immigrantenvierteln.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 01.06.2004
Warum dieses Buch in Frankreich solche Furore gemacht hat, kann Katajun Amirpur nicht verstehen. Sie hält es schlicht für "intellektuelle Schaumschlägerei" - einem Vergleich mit dem ebenso kürzlich erschienenen Buch von Ludwig Amman über den Islam ("Cola und Koran") könne es nicht im geringsten standhalte.. Ein vernichtendes Urteil, zumal Amirpur dem Verfasser (und seinem Lektorat) eine Reihe an groben Fehlern grammatikalischer wie inhaltlicher Natur vorhält. Die ersten Selbstmordattentate von Muslimen in der islamischen Welt seien keineswegs von den pro-iranischen Hizbollah im Libanon verübt worden, sondern von der Volksfront für die Befreiung Palästinas, korrigiert Amirpur. Auch die Wurzeln des Selbstmordattentats im schiitischen Märtyerkult zu suchen, hält sie für verkehrt, da es dabei nie um die Tötung unschuldiger und fremder Personen ging. Der Autor verknüpfe und verdrehe hier Dinge, kritisiert die Rezensentin, die miteinander nichts zu tun haben. Eine Grundthese des Buches kann sie nicht erkennen.
Eine "differenzierte Studie" über Islamismus und westliche Totalitarismen erblickt Rezensent Robert Misik in Fouad Allams Essay "Der Islam in einer globalen Welt". Wie er berichtet, zeigt Allam ohne zu simplifizieren, dass der aus der Re-Islamisierung der arabischen Welt hervorgegangene militante Islamismus selbst Produkt der Globalisierung ist. So beschreibe er einerseits, wie westliche antipositivistische Philosophien von islamischen Gelehrten, die meist im Westen studiert hatten, in den muslimischen Raum importiert wurden, widme sich anderseits ausführlich den ideologischen Gründervätern des Islamismus. Deutlich werde, so der Rezensent, dass der Islamismus ohne den Westen nicht vorstellbar sei, dieses Verhältnis aber kein einfaches, und der Islamismus auch nicht nur eine simple Spielart der westlichen Totalitarismen sei. Zu bemängeln hat Misik lediglich die bisweilen "holprigen Formulierungen" und die zahlreichen Wiederholungen von Allams Grundthese. Nichtsdestoweniger würdigt er das Buch als einen "kulturtheoretischen Essay", "der zum Besten der kaum mehr überschaubaren Literatur über dieses elektrisierende Phänomen unserer Zeit zählt."
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