Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja. Mit einem Nachwort von Katja Petrowskaja. Die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg, ein kleiner Junge fährt mit seiner Mutter in einem Evakuierungszug durchs Land. Die Mutter ist schwer erkrankt, wird aus dem Zug geholt und weggetragen. Der Junge folgt ihr, aber die Mutter verschwindet. Ganz allein bleibt das Kind in der Welt der Erwachsenen zurück, an einem Ort, dessen einziges Merkmal ein Haus mit einem Türmchen ist. Der Junge macht sich auf die Suche und gelangt in das Krankenhaus, in das seine Mutter gebracht wurde. Dort wird er zum Zeugen ihres Todes. Mit einem Bündel Habseligkeiten kehrt der Junge zurück zum Bahnhof, um sich allein auf die Reise zu seinem Großvater zu begeben. "Haus mit Türmchen" erzählt die existenzielle Grunderfahrung eines Kindes, das, wie der Autor selbst, im Krieg seine Mutter verliert. Indem Gorenstein, dessen Vater den stalinistischen Repressionen zum Opfer gefallen ist, mit kurzen, präzisen Charakterisierungen beschreibt, wie sich verschiedene Passagiere um den Jungen kümmern, wie sie ihn benutzen oder ihm beistehen, zeichnet er auf wenigen Seiten das Bild einer Gesellschaft im Ausnahmezustand.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.01.2023
Rezensent Jörg Plath freut sich über die Wiederentdeckung dieser Erzählung von Friedrich Gorenstein. Der russische Schriftsteller, der in der Sowjetunion vor allem als Drehbuchautor tätig war, konnte erst nach 1990 mehrere Bücher veröffentlichen, die vorliegende Erzählung wurde bis dahin nur einmal 1964 in einer Zeitschrift publiziert, klärt der Kritiker auf. Er folgt dem "atemlosen" Bericht eines kleinen Jungen durch das dritte Jahr des Zweiten Weltkriegs und erlebt Kriegsalltag und das Sterben der Mutter wie unter einem "Brennglas". Auch das Nachwort von Katja Petrowskaja lohnt die Lektüre, versichert Plath.
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