Herausgegeben von Memorial und der Heinrich-Böll-Stiftung. Aus dem Russischen von Christina Links und Ganna-Maria Braungardt. 2,75 Millionen Menschen wurden während des Zweiten Weltkriegs aus den von der Wehrmacht besetzten Ostgebieten ins Deutsche Reich verschleppt. Sie mussten in der Rüstungsindustrie, im Bergbau, in der Landwirtschaft oder als Hausangestellte arbeiten, lebten hinter Stacheldraht in primitiven Barackenlagern, durften keinen Privatkontakt zu Deutschen haben und nicht über eigenes Geld verfügen. Sie wurden gedemütigt, geschlagen und für die kleinsten Vergehen in Konzentrationslager gesteckt. An der Kleidung mussten sie den Aufnäher OST tragen. Nach ihrer Befreiung betrachtete man sie in der Sowjetunion als Verräter. Viele wurden erneut zu Zwangsarbeit genötigt, diesmal in Stalins Lagern. An einer Aufarbeitung dieses Kapitels der deutsch-russischen Geschichte bestand jahrzehntelang wenig Interesse. Die deutsche Wirtschaft wollte sich um Entschädigungszahlungen drücken, die sowjetische Regierung versuchte die eigene Mitschuld am Schicksal der ehemaligen Zwangsarbeiter zu kaschieren. Ab Anfang der 1990er Jahre führten Mitarbeiter der Moskauer Menschenrechtsorganisation Memorial, angeregt und unterstützt durch die Heinrich-Böll-Stiftung, Interviews mit mehr als 200 ehemaligen Ostarbeitern, die zum Teil noch nie über ihre Erlebnisse gesprochen hatten.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 18.11.2019
Werner Bührer sieht in dem von Irina Scherbakowa und der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegebenen Band über den Alltag der "Ostarbeiter" in Nazi-Deutschland ein würdiges Denkmal. Die versammelten Dokumente, Briefe, Fotos und Interviews von 126 Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen geben Bührer ein "ergreifendes" Bild von der Situation und den Ängsten der Menschen. Arbeitsarten, -zeiten und -bedingungen legt der Band offen, berichtet über Misshandlungen und Widerstand, Selbstverstümmelung und Flucht, so der Rezensent. Eine wichtige Rückschau auf das Schicksal der Opfer gleich zweier Diktaturen, meint Bührer.
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