Herausgegeben von Brigitte van Kann. Aus dem Russischen von Peter Urban. Reed Gracev (1935-2004) gehört zu den vergessenen Schriftstellern der jungen Leningrader Literatur der 1960ger Jahre. Getragen von den Hoffnungen der "Tauwetter"-Periode stellte der junge Autor den einzelnen Menschen und sein Recht auf Individualität in den Mittelpunkt seiner Erzahlungen - für die sowjetische Literatur Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre eine unerhörte Innovation, unerhört auch deshalb, weil damit implizit die Forderung nach persönlicher Freiheit einherging. Trotz der Anerkennung und Fürsprache arrivierter Schriftsteller wurden Gracevs Erzählungen in der Sowjetunion nicht gedruckt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 04.07.2015
Mit Nachdruck fordert Rezensentin Judith Leister zur Wiederentdeckung des Leningrader Schriftstellers Reed Gracev auf. Das von Leid, Waisenhäusern und Psychiatrie geprägte Leben des Literaten spiegelt sich auch in seinen erschütternden, "minimalistischen" Erzählungen wider, informiert die Kritikerin, die hier überwiegend den unter Machtmissbrauch, Ungerechtigkeit und Kränkungen leidenden Figuren folgt. Etwa in der titelgebenden Erzählung, in der eine namenlose Frau von einem Mann in einem neuen Mosvic an einen verlassen Ort gefahren wird, dort vergeblich Tomaten verkaufen will und für den Misserfolg eine Ohrfeige kassiert. Ergreifende Geschichten, die virtuos erzählt sind, urteilt die Kritikerin.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.11.2014
Mit holpriger Syntax versucht uns Rezensentin Kerstin Holm für die russischen Meistererzählungen von Reed Gracev einzunehmen. Die acht Erzählungen auf gerade mal 120 Seiten hält sie für ein Juwel, das wir uns leisten sollten. Es kostet auch nicht viel, versichert sie. Und es bietet in zartem, laut Holm zugleich muskulösem Stil einen Einblick in die Versuche der Sowjetgesellschaft, sich nach dem Krieg zu regenerieren. Etwa in der für Holm "meisterlichen" Titelgeschichte, die ganz ohne Dialoge auskommt und die "Neuentstehung von Hierarchie als Naturvorgang" schildert. Laut Holm ist der Band mit seinem informativen Nachwort eine Entdeckung.
Reed Gračev wurde in sowjetischen Schriftstellerkreisen nach dem Krieg schnell legendär, weiß Oleg Jurjew, während er von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet blieb, seine Literatur ließ die gewünschte lebensbejahende Einstellung vermissen, berichtet der Rezensent. Dabei war Gračev kein Dissident, er schrieb nur, was er sah, erklärt Jurjew, er hatte "kein Talent zu ideologischer Verzerrung". Auch in Russland wurden seine Werke erst 2014 wieder aufgelegt, dank Peter Urbans (posthum erschienener) Übersetzung "Tomaten" können wir Gračevs Wiederentdeckung also quasi zeitgleich mit dem Original vollziehen, freut sich der Rezensent.
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