Friedrich Sieburg (1893-1964) führte vom 23. November 1944 bis zum 15. Mai 1945 Tagebuch - verfasst als Mikrogramm in kleiner Bleistiftschrift aus Angst vor der Beschlagnahme durch die Gestapo und um es vor unerwünschten Lesern zu verbergen. Geschildert werden der Untergang des Dritten Reiches und der verlorene Krieg, aber auch der Untergang seiner Ehe mit der aus württembergischen Adel stammenden Dorothee, verwitweten Gräfin Pückler, geb. von Bülow, an der Sieburg zu zerbrechen drohte. Er beschreibt sein Leiden an den inneren und äußeren Umständen nicht ohne Selbstmitleid. Sieburg lebte zu dieser Zeit in Rübgarten, dem Herrensitz seiner Frau südlich von Stuttgart, von wo er zunächst nach Tübingen, später in das Kloster Bebenhausen auswich. Dort erlebte er den Einmarsch der Franzosen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 14.11.2022
Für alle Nachgeborenen: Friedrich Sieburg war nach 1945 der Marcel Reich-Ranicki der Bundesrepublik, klärt Rezensent Helmut Böttiger erstmal auf. Um dann zu erläutern, weshalb das Tagebuch der letzten Kriegsmonate den Literaturkritiker als noch größeren Opportunisten entlarve, als bislang bekannt. Dazu zitiert Böttiger, dass für Sieburg der Nationalsozialismus unter anderem ein "Laboratorium der Welt" und dem "gedankenlosen Flugsand" der westlichen Demokratien überlegen gewesen sei. Böttiger ist dem Wallstein Verlag dankbar, nicht nur den "souveränen Literaturpapst", sondern auch den "erbärmlichen" Privatier entblättert zu haben, der seinen persönlichen Liebeskummer für schlimmer hielt "als das Leiden Deutschlands". Was dieses Zeugnis darüber hinaus aktuell mache: Dass hier zwar eine individuelle Fallstudie publiziert wurde, sie aber mit dem Typus des machtbewussten und zugleich anbiedernden Medienfunktionärs über sich selbst hinausweise.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.09.2022
Rezensent Stephan Speicher bekommt keinen guten Eindruck von Friedrich Sieburg in dessen Tagebüchern aus den letzten Kriegsmonaten. Wie Sieburg die deutsche Überlegenheit preist, Himmler und Hitler glorifiziert, scheint Speicher doch mehr als nur Maskerade für die Gestapo zu sein (wie es Joachim Kersten im Nachwort mutmaßt). Eher unangenehm ist es Speicher auch, vor dem Hintergrund des Krieges in diesen Texten vor allem über Sieburgs Ehekrise zu lesen. Dass dem Autor seine "beengte Wahrnehmung" nie bewusst wird, findet Speicher befremdlich.
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