Jürgen Kaube, Andre Kieserling

Die gespaltene Gesellschaft

Cover: Die gespaltene Gesellschaft
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2022
ISBN 9783737101486
Gebunden, 288 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht in Talkshows und Zeitungen gefragt wird, was unsere Gesellschaft - noch - zusammenhält. Ob Arm gegen Reich, Ost gegen West, Land gegen Stadt, Jung gegen Alt oder der anhaltende Streit über Identitäts-, Glaubens- oder Genderfragen: Die gesellschaftliche Spaltung erscheint als ein Signum unserer Zeit.Jürgen Kaube und André Kieserling gehen dieser Diagnose auf den Grund: Schrumpft die Mittelschicht wirklich, und wie stellt man überhaupt fest, wer zu ihr gehört? Wenn das islamisch dominierte Viertel in Berlin-Neukölln eine Parallelgesellschaft ist, muss dann nicht auch das Villenviertel im Grunewald so bezeichnet werden? Waren frühere Gesellschaften tatsächlich stärker integriert, oder herrschten dort nur andere Konflikte und Ungerechtigkeiten? Die Gesellschaft, so kann man sagen, besteht wesentlich aus Ungleichheiten; gefährlich aber wird es, wenn Ungleichheit zu immer stärkerer Polarisierung, zu einem permanenten Gegeneinander führt. Was also ist nur mediales Gerede, und wo drohen echte Zerreißproben?

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.11.2022

Was hat es mit den Kassandrarufen um die gespaltene Gesellschaft auf sich? Dieser Frage gehen FAZ-Feuilletonist Jürgen Kaube und Soziologe Kieserling nach - mit für Rezensent Thomas Ribi interessanten Ergebnissen. So erfährt er von den Autoren, dass die drohende Spaltung von politischen Entscheidungsträger*innen dazu genutzt werde, Entscheidungen nicht zu rechtfertigen, sondern zu verschieben, wolle man die Stabilität der Gesellschaft nicht gefährden. Doch das sei für die Autoren überwiegend ein "Schreckgespenst", selten komme es wirklich zu einer Spaltung wie den nordirischen Troubles, alles andere sei vielmehr Polarisierung. Ja, manchmal kochen Konflikte hoch, weiß auch Ribi, doch das auszuhalten ist für ihn eine Stärke der Demokratie, die Kaube und Kieserling bereichernd darlegen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.10.2022

Rezensent Jens-Christian Rabe wird ein bisschen feierlich, wenn er dieses Buch als nötig und wichtig preist. Die beiden Autoren, den FAZ-Herausgeber JürgenKaube und den Bielefelder Soziologen André Kieserling, schätzt er als "abgekochteste Abkocher der Republik", immer wieder zur Stelle, um Debatten oder Aufgeregtheiten runterzudimmen. In ihrem Buch untersuchen sie denn auch nicht die Spaltung der Gesellschaft, sondern die Frage, wann und von wem diese Spaltung diagnostiziert wird. Kaube und Kieserling zufolge ist es besonders oft die Politik, die sich mit entsprechenden Warnungen vor unpopulären Entscheidungen drücken möchte, erklärt Rabe, dem das sofort einleuchtet. Auch erfährt er, dass ein Merkmal moderner Gesellschaft sei, dass die Menschen in ihnen keinen Wert auf den viel beschworenen "sozialen Zusammenhalt" legten. Ob Kaube und Kieserling ihre Erkenntnisse empirisch untermauern oder als Luhmann-Schüler vor allem theoretisch herleiten, verrät Rabe nicht.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 15.10.2022

Rezensent Thomas Schmid möchte das Buch von Jürgen Kaube und Andre Kieserling wärmstens empfehlen, Zeitungsredakteuren und Talkjournalisten vor allen anderen. Das Gespenst der Spaltung der demokratischen Gesellschaft bekommt hier so witzig wie nachhaltig und vor allem überzeugend auf die Mütze, freut sich Schmid. Klar, dass die Autoren "Luhmänner" sind, keine Adornoniten. Auch wenn für Schmid eh schon klar war, dass die Spaltung nicht stattfindet, die Gesellschaft vielmehr immer schon und notwendigerweise gespalten war, es also mitnichten einen Grund zur Panik gibt, wie Kaube und Kieserling Reichsbürger-Protesten und Trumpisten den Schrecken nehmen, findet er allemal lesenswert.

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