Gertrud Bleichröder, Karin Grimme (Hg.)

Aus Widersprüchen zusammengesetzt

Das Tagebuch der Gertrud Bleichröder aus dem Jahr 1888
Cover: Aus Widersprüchen zusammengesetzt
DuMont Verlag, Köln 2002
ISBN 9783832178192
Broschiert, 189 Seiten, 14,90 EUR

Klappentext

Mit einem Vorwort von Monika Richarz und einer Erzählung von Lena Kugler. Mit 50 Abbildungen. "Aus Widersprüchen zusammengesetzt" ist das Tagebuch einer dreiundzwanzigjährigen Frau aus dem Drei-Kaiser-Jahr 1888. Es bietet einen ungewöhnlichen und persönlichen Einblick in die Welt des jüdischen Großbürgertums in Berlin, in der Gertrud Bleichröder, Nichte des Bankiers Gerson von Bleichröder sich bewegt. Gertrud Bleichröder beschreibt ihren Alltag vom Schlittschuhlaufen im Tiergarten bis zur Lesung des Sozialistengesetzes im Reichstag, sie notiert, was sie liest und denkt, welche Unterhaltungen sie führt. Gertrud Bleichröder will nach ihrer eigenen Überzeugung leben und bemerkt, dass sie damit an die Grenzen der gesellschaftlich diktierten Frauenrolle stößt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.03.2003

Die Bankiersfamilie Bleichröder gehörte zum jüdischen Großbürgertum im Berlin des 19. Jahrhunderts, erklärt Stefana Sabin; sie waren nicht wirklich assimiliert, aber Bestandteil des Berliner Kultur- und Wirtschaftslebens. Gertrud Bleichröders Vater Julius war politisch aktiv und kämpfte für die Emanzipation der Juden, sein Bruder Gerson, Finanzberater Bismarcks, wurde als erster Jude in Preußen geadelt und versuchte sein Milieu hinter sich zu lassen. Zwei unterschiedliche Lebensstile, zwei verschiedene Modelle jüdischer Assimilation, so habe Fritz Stern das Leben der Brüder Bleichröder gedeutet, berichtet Sabin. Einiges davon finde sich - neben den typischen Beschreibungen, was höhere Töchter damals absolvieren mussten - auch im Tagebuch Gertrud Bleichröders aus dem Jahr 1888 wieder. Der Sohn nahm es mit in die Emigration, die Enkelin schenkte es dem Jüdischen Museum in Berlin, das für "eine wohlkommentierte Ausgabe" sorgte. Gertrud Bleichröder verknüpfte keine literarischen Ambitionen mit ihrem Tagebuch, meint die Rezensentin, ihre Sprache sei schnörkellos, direkt, Zeugnis einer großbürgerlichen deutsch-jüdischen Normalität, die auf "wechselseitiger Selbsttäuschung" beruhte, wie Sabin abschließend schreibt.
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