Die Sowjetunion unter Stalin war ein Ort, an dem Terror und Gewalt herrschten, in der öffentlichen Propaganda aber wurde sie zeitgleich als Hort der "Brüderlichkeit" und "Völkerfreundschaft" inszeniert. Die Kulturpolitik jener Jahre zielte auf eine sowjetweite Repräsentation der nationalen Kulturen und die Etablierung einer »multinationalen« Sowjetliteratur bzw. Sowjetkultur. Ungeachtet der ideologischen Gleichschaltung war das Arsenal von Figuren des Nationalen keineswegs für alle gleich, sondern hing von den jeweiligen geschichtlichen und (religions-)kulturellen Traditionen der einzelnen Völker ab. Am Beispiel Georgiens lassen sich kulturelle Phänomene - wie etwa die Kolchis, das georgische Pantheon nationaler Heroen oder die Figur des mittelalterlichen Dichters Šota Rust'aveli - als "Figuren des Nationalen im Sowjetimperium" untersuchen. Georgien ist nicht nur deshalb ein interessantes Beispiel, weil Stalins Heimat in den offiziellen Diskursen viel Aufmerksamkeit erhielt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.2015
Rezensent Stephan Wackwitz kann dieses "originelle", unter dem Titel "Sonniges Georgien" von Giorgi Maisuradze und Franziska Thun-Hohenstein herausgegebene Buch nur nachdrücklich empfehlen. Mit großem Interesse liest er in dem wissenschaftlich fundierten Werk, wie georgische Intellektuelle und Künstler versuchten, in Stalins Sowjetunion unter den Vorgaben einer globalen kommunistischen Weltkultur nationales Kulturgut zu erhalten. In den pointierten Textbeispielen erfährt der Kritiker darüber hinaus, wie schwer sich viele georgische Schriftsteller mit Stalins Kompromissformel "sozialistisch im Inhalt, national in der Form" taten: Paolo Iaschwili und Galaktion Tabidze etwa begingen Selbstmord, Grigol Robakidze starb im Exil. Diesem vorbildlich illustrierten Buch wünscht der Rezensent nicht nur viele deutsche Leser, sondern auch eine Übersetzung ins Georgische.
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