Anne Applebaum

Roter Hunger

Stalins Krieg gegen die Ukraine
Cover: Roter Hunger
Siedler Verlag, München 2019
ISBN 9783827500526
Gebunden, 544 Seiten, 36,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Martin Richter. Mit zahlreichen Abbildungen. Der gegenwärtige Konflikt um die Ostukraine und die Krim ist ohne diese historische Last nicht zu verstehen - der erzwungene Hungertod von mehr als drei Millionen Ukrainern 1932 und 1933, Holodomor genannt, war eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Und sie hat Folgen bis heute - Stalins "Krieg gegen die Ukraine" hat sich tief im kollektiven Bewusstsein der osteuropäischen Völker verankert. Anne Applebaum vereint in ihrer Darstellung die Perspektive der Täter und jene der Opfer: Sie zeigt Stalins Terrorregime gegen die Ukraine, die Umstände der Vernichtungspolitik - und verleiht zugleich den hungernden Ukrainern eine Stimme.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.08.2019

Etwas widersprüchlich liest sich die Rezension des Historikers Robert Kindler, der selbst ein Buch über die gleichzeitige Hungersnot in Kasachstan geschrieben hat. Er beginnt seinen Text mit einer eigenen Skizze der Ereignisse und betont, dass Stalin seine Hungerpolitik nicht nur in der Ukraine, sondern in vielen Regionen der Sowjetunion betrieben habe, mit besonderer Intensität übrigens in Kasachstan. Erst danach kommt Kindler auf Applebaums Buch zu sprechen, das er über weite Strecken lobt: Überzeugend legt sie für ihn Stalins Verantwortung für die Hungersnot dar. Er lobt auch, dass Applebaum vor dem Begriff des Genozids eher zurückscheut. Überhaupt nicht folgen mag Kindler Applebaum aber in allem, was eine ukrainische Besonderheit des "Holodomor" angeht. Eine solche Besonderheit mag er der Ukraine wie gesagt nicht zugestehen. Der Holodomor als "zentraler Anker nationaler ukrainischer Identität" sei vielmehr zunächst von exilierten Ukrainern sozusagen zur Begründung einer nationalen Geschichtserzählung geschaffen worden. Kindler würde dem Bundestag also wohl nicht empfehlen, die anhängige Petition zu unterzeichnen, die für eine Anerkennung des Holodomor als Genozid wirbt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.07.2019

Thomas Speckmanns Kritik reiht sich ein in die Phalanx der sehr positiven Rezensionen dieses grundlegenden Buch über den "Holodomor". Entscheidende neue Facette fügt sein Artikel nicht hinzu: Er würdigt die Verdienste der Historikerin und Journalistin, die die Gegenwart stets vor der Folie der Vergangenheit betrachte. Auch der gegenwärtige Ukraine-Krieg lasse sich nicht ohne die Vorgeschichte verstehen, die Applebaum hier erzählt. Dabei würdigt Speckmann die nüchterne, nicht moralisierende Erzählweise der Autorin. Statt dessen lasse sie Zeitgenossen zu Wort kommen. Den "Holodomor" schildert Speckmann einerseits als Folge katastrophaler landwirtschaftlicher Fehlentscheidungen, andererseits als eine bewusst betriebene ethnische Säuberung ungeheuren Ausmaßes, die neben den Bauern auch die ukrainischen Eliten traf.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 25.05.2019

Richard Herzinger lobt Anne Applebaums Studie über den Holodomor als glänzend geschrieben. Der detaillierten Darstellung und Analyse der Vorgeschichte und des Ablaufs der von Stalin befeuerten Hungersnot unter den Ukrainern folgt bei Applebaum laut Herzinger die Einordnung in die Reihe von Versuchen Stalins, die ukrainische Identität zu zerstören. Die Frage, ob es sich dabei um einen Genozid handelt, behandelt die Autorin mit Vorsicht, erklärt Herzinger. Die begriffliche Definition scheint ihr hinter der bloßen Tatsache, dass es sich um einen Akt der Barbarei einer Regierung gegen das eigene Volk handelt, an Bedeutung zu verlieren, meint der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.2019

Für Jürgen Kaube taugt der Sozialismus nicht mal mehr als "diskutable Fantasie". Wie grauenvoll die sozialistische Realität sein konnte, zeigt ihm die amerikanische Historikerin Anne Applebaum in ihrem neuen Buch "Roter Hunger". Applebaum rekonstruiert darin, wie die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Ukraine zum Tod von vier Millionen Menschen führte. Kaube zufolge erklärt die Historikerin das große Verbrechen mit einr Kombination aus Ideologie und Repression: Die Verachtung der Bolschewiki für die Ukraine, das marxistische Misstrauen gegenüber der Bauernschaft und ökonomischer Wahnsinn führten in politische und moralische Abgründe, zu Hungertod und Terror. Auffällig: Kaube spricht weder von Holodomor noch von einer gezielten Ermordung, sagt aber nicht, ob auch Applebaum diese Begrifflichkeit vermeidet.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.05.2019

Der hier rezensierende Osteuropa-Historiker Stefan Plaggenborg erfährt bei Anne Applebaum, wie Stalin mit der Kollektivierung der Landwirtschaft sein Volk aushungerte und zugleich die ukrainischen Unabhängigkeitsbestrebungen bekämpfte. Das ganze Ausmaß der Tragödie behandelt der erste Erzählstrang des Buches, so Plaggenborg, der zweite folgt der ukrainischen Nationwerdung seit 1917. Sichtbar wird für den Rezensenten der Zusammenhang zwischen beiden. Sinnvoll scheint ihm, dass die Autorin sodann die historische Aufarbeitung des "Holodomor" behandelt sowie die folgenden politischen Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine. Besonnen und detailliert erklärt Applebaum laut Rezensent die Bedeutung des "Holodomor" für die heutige Ukraine.
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