Gisele Pelicot

Eine Hymne an das Leben

Die Scham muss die Seite wechseln
Cover: Eine Hymne an das Leben
Piper Verlag, München 2026
ISBN 9783492074353
Gebunden, 256 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Gemeinsam mit Judith Perrignon.Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. "Die Scham muss die Seite wechseln" Mit diesen Worten veränderte Gisèle Pelicot 2024 die Welt. Sie verzichtete im Prozess gegen ihren Ex-Mann und über 50 weitere Täter auf Anonymität - und wurde zur Stimme von Millionen. Ihr Mut löste internationale Debatten aus, brachte Gesetze ins Wanken und gab Betroffenen weltweit neue Kraft.Die Frau, die die ganze Welt inspiriertDas Buch von Gisèle Pelicot ist ein beeindruckendes Porträt einer Frau, die das Schweigen überwindet, Gerechtigkeit einfordert und dabei allen Widerständen zum Trotz nie den Glauben an die Liebe verliert. Diese Biografie ist kein Gerichtsdokument, sondern ein persönliches Zeugnis über Verrat und Vertrauen und die Kraft, trotzdem weiterzuleben.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.02.2026

Rezensentin Valérie Catil scheint viel anfangen zu können mit dem Buch, das Gisèle Pelicot über ihren Leidensweg geschrieben hat. Insbesondere dreht sich die Veröffentlichung darum, wie Dominique Pelicot, der Mann, mit dem sie lange eine glückliche Ehe führte, es fertig bringen konnte, sie in bewusstlosem Zustand zu vergewaltigen und außerdem einer großen Gruppe anderer Männer zur Vergewaltigung anzubieten. Catil ist beeindruckt davon, wie Pelicot das Schreiben als einen Erkenntnisprozess auffasst. Wobei es nicht immer leicht ist, der Autorin zu folgen, wenn sie sich weigert, ihren Mann durchweg nur als Monster zu beschreiben. Entschuldigen will sie dessen Taten keineswegs, fragt sich vielmehr, wie er dazu gekommen ist, ihr so Schreckliches anzutun. Spannungen zwischen Gisèle Pelicot und ihrer Tochter Caroline Darian, die glaubt, ebenfalls von Dominique Pelicot vergewaltigt worden zu sein, sind im Text spürbar, insgesamt jedoch ist das Buch weniger von Aggression als von Zuversicht geprägt - sogar eine neue Liebe hat Gisèle Pelicot gefunden. Catil folgt ihr gerne auf dem Weg, den dieses Buch beschreibt.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 18.02.2026

Gisele Pelicots Memoir, das in 22 Ländern gleichzeitig erscheint, wird ein Bestseller werden, ist sich Rezensentin Martina Meister sicher, auch wenn sie den deutschen Titel zu "reißerisch" findet. Davon abgesehen aber liest die Kritikerin das Buch atemlos, und zwar weil Pelicot klar und deutlich benennt, was ihr zugestoßen ist, dabei nie Voyeurismus bedient - dafür aber umso mehr Stärke und Resilienz beweist, staunt Meister. Und so liest die Kritikerin von dem Moment, in dem Pelicot von den brutalen Vergewaltigungen erfuhr, vom folgenden Prozess, Ablehnung aus Teilen der Öffentlichkeit und durch zwei ihrer drei Kinder, aber auch immer wieder davon, wie Pelicot dagegen ankämpfte, dem Hass zu verfallen oder als Opfer wahrgenommen zu werden. Zudem erfährt die Rezensentin, wie sich Pelicot, die nach dem frühen Krebstod der Mutter bei einer bösen Stiefmutter aufwuchs und zum Erdulden erzogen wurde, und ihr späterer Mann, der als Kind selbst vergewaltigt wurde, mit 13 Jahren dann als Täter an einer Gruppenvergewaltigung einer jungen Frau teilnahm, in Jugendjahren kennenlernten und versuchten, einander Halt zu geben. Für Meister ist das ein Stoff a la Zola, nur versetzt in die Gegenwart. Dass Pelicot inzwischen mit einem neuen Partner an der französischen Atlantikküste lebt, lässt die Rezensentin zumindest mit einem Funken Hoffnung zurück.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.02.2026

Mit Anteilnahme und großem Respekt liest Rezensentin Katharina Teutsch dieses Buch von das Gisèle Pelicot, die von ihrem Ehemann Dominique und achtzig weiteren Männern in bewusstlosem Zustand vergewaltigt worden war. Es geht um den viel beachteten Prozess, der auf die Aufdeckung dieser Verbrechen folgte, um Ängste, die sie im Gerichtssaal ausstehen musste, als sie ihren Vergewaltigern gegenüber trat, so Teutsch. Um ihrer Angst entgegenzutreten, hatte Pelicot sich dafür entschieden, den Prozess mit allen schmutzigen Details öffentlich zu führen: Er löste einen "Erdrutsch in der öffentlichen Wahrnehmung von Sexualstraftaten aus", so Teutsch.  Aber Pelicot schreibe auch darüber, wie schwierig es für sie ist, das Wissen um die Taten ihres Mannes mit der Erinnerung an eine vorher als glücklich empfundene Ehe zu verbinden. Man erfährt viel über die französische Gesellschaft aus diesem Buch, findet Teutsch, die sich teils an Annie Ernaux erinnert fühlt - Gisèle Pelicot hatte die Ehe auch als eine Möglichkeit gesehen, sozial aufzusteigen. Viel steckt also drin in diesem Buch, das Pelicot gemeinsam mit Judith Perrignon geschrieben hat, meint die Rezensentin, die viel Verständnis dafür hat, dass diese Frau, das Opfer eines monströsen Verbrechens, auch etwas von ihrem Leben vor dem Bruch in ihrer Biografie bewahren möchte.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.02.2026

Rezensent Stefan Brändle ist beeindruckt von der Resilienz, die er in Pelicots Memoiren entdeckt. Darin dokumentiert sie, mit Unterstützung der französischen Freelance-Journalistin Judith Perrignon, den Prozess 2024. Kernpunkt waren dabei die Taten ihres Exmannes, der die Autorin jahrelang heimlich betäubte und nicht nur sexuell misshandelte, sondern seine bewusstlose Frau auch von anderen Männern vergewaltigen ließ und sie dabei filmte. Brändle merkt dem Text in dieser Hinsicht eine innere Zerrissenheit an, die Autorin versuche, trotz diesen Vergehen auch an die guten Momente der fünfzigjährigen Ehe zu denken, vielleicht um dem Ursprung dieser Handlungen irgendwie näherzukommen, vermutet der Rezensent. Endlos mutig findet der Kritiker rückblickend die Entscheidung Pelicots, den Prozess gegen ihren Mann und die fünfzig Mittätern und damit ihren Fall als Exempel immer noch anhaltender sexueller Gewalttaten gegen Frauen öffentlich zu machen. Ihre Memoiren unterstreichen diese Bedeutsamkeit nur noch, schließt Brändle.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.02.2026

Rezensentin Rahel Zingg ist beeindruckt von der analytischen Klarheit und Verletzlichkeit, mit der Pelicot in ihren Memoiren auf ihr vergangenes Leben und die Auswirkungen des 2024 nach ihrem Wunsch öffentlich gehaltenen Prozesses gegen ihren damaligen Ehemann blickt. 2020 war dieser verhaftet worden, weil er im Supermarkt Frauen unter die Röcke filmte, wodurch weitere Videos gefunden werden, die die ohnmächtige Pelicot zeigen, während ihr Ehemann und andere Männer sie vergewaltigen, fasst Zingg zusammen. Die Memoiren beginnen zwar mit diesem Moment, holen aber weiter aus und erzählen die Kindheit Pelicots sowie das traumatische Aufwachsen ihres Exmannes, erfahren wir. Diese Erzählweise läuft Gefahr in eine verteidigende Psychologisierung zu rutschen, wird aber dadurch aufgefangen, dass die Autorin lediglich versucht, so gegen "die Totalität des Verbrechens" anzuschreiben, argumentiert die Kritikerin. Zentral und motivisch ist für Zingg die Scham, die sich durch den Text zieht, die Unverständlichkeit der Tat, das fortzusetzende Leben im Wissen seiner Implikationen. Das verstärkt jedoch nur die Vehemenz und Herausforderung, die für die beeindruckte Rezensentin im Titel des Textes steckt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.02.2026

Ausgesprochen lesenswert findet Rezensentin Johanna Adorján die Memoiren der französischen Bürgerin, die jahrelang von ihrem Ehemann sowie zahlreichen anderen Männern unter Schlafmitteleinsatz unwissentlich vergewaltigt wurde und den Gerichtsprozess öffentlich machte. Trotz der medialen Aufmerksamkeit, die der Prozess 2024 erhielt, kam Pelicot kaum zu Wort, was sich mit diesem Text nun endlich ändert, beobachtet Adorján. Staunend folgt sie dabei der anschaulich beschriebenen Ambivalenz, mit der Pelicot versucht, die Vergehen ihres Exmannes mit den dennoch positiven Momenten ihrer langjährigen Ehe zu vereinbaren. Der wahre Kern des Textes finde sich dagegen in den Passagen über den frühen Tod der Mutter, den die Autorin als anhaltende Wahrnehmung einer endlosen Liebe beschreibe und als Hinweis dafür nutze, stets das Glück im Leben zu suchen. Eine Haltung, die nach dem Prozess keineswegs zu erwarten wäre, aber immer in diesem "würdigen Buch" leuchtet, schließt Adorján.
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