Ein neuer Blick auf die DDR der 80er Jahre.Die Biermann-Ausbürgerung hatte die DDR-Gesellschaft 1976 in eine Melancholie gestürzt, aus der sie 1985 mit Michail Gorbatschow erwachte. Jetzt kehrte die Utopie zurück. Vor allem Intellektuelle, Künstler und Aussteiger aller Art lebten sie. Dem westlichen Siegerblick nach 1990, der die Geschichte der Ostdeutschen bis heute dominiert, entgeht zumeist dieser Emanzipationsprozess, der lange vor 1989 einsetzte. Umso mehr scheint hier eine Korrektur nötig: die Aneignung der eigenen - höchst widersprüchlichen - Geschichte durch die Akteure dieser Geschichte.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 06.11.2020
Rezensent Hans von Trotha macht auf den subjektiven Blick Gunnar Deckers aufmerksam. Eine Literaturgeschichte ist Deckers Buch demnach für den Rezensenten nicht, eher der Versuch, anhand von eigenen Lektüreerfahrungen eine lange vor dem Mauerfall beginnenden Emanzipationsprozess sichtbar zu machen. Als Geschichte vom Entstehen, Verhindern, Vergessen und Wiederentdecken von Büchern aus der DDR, von Autoren wie Christa Wolf oder Stefan Heym scheint Trotha das Buch aber allemal lesenswert. Keine Geschichte der späten DDR, meint er, eher die "Biografie wichtiger Bücher" der Jahre 1976-1990.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2020
Die hier rezensierende Historikerin Daniela Münkel bekommt mit Gunnar Deckers Buch, das sie keinem Genre einzuordnen weiß, eine "Gesamtschau" der Wechselwirkungen zwischen künstlerisch-intellektuellen Milieus in der DDR und in der Sowjetunion ab etwa 1975. Für Münkel ein lesenswertes Unterfangen, zumal der Autor allerhand Künstlerbiografien streift, von Heiner Müller und Roger Melis über Christa Wolf bis Michail Bulgakow und Andrej Tarkowski. Münkel bekommt nicht nur Lust, das ein oder ander Buch (wieder-)zu lesen, sondern freut sich auch über Wissenswertes über die Haltung der DDR-Künstler zur Staatsmacht. Weniger gelungen, weil zu sprunghaft erscheinen ihr die Passagen über kirchliche Friedenskreise oder die Punkszene der 80er. Und dass der Autor den Umgang "der Westdeutschen" mit dem kulturellen Erbe der DDR kritisiert, ist Münkel einfach zu pauschal.
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