"Bürgerliche Kälte" bezeichnet eine Gefühlslage der Gegenwart, mit der sich Bürger:innen vor der Gewalt schützen, die sie selbst verursachen. Den Kolonialismus und die Philosophie der Aufklärung im Blick, legt Henrike Kohpeiß dar, wie sich rassistische Gefühlsstrukturen ausbilden. Dafür treten die klassischen, kritischen Texte von Adorno und Horkheimer in einen Dialog mit dem Feld der Black Studies und Denker:innen wie Saidiya Hartman, Fred Moten und Denise Ferreira da Silva. Diese beiden intellektuellen Traditionen verbindet die radikale Kritik an der kapitalistischen und kolonialen Einrichtung der Welt. Die Gewaltgeschichte des europäischen Kolonialismus wird so als Affekttheorie bürgerlicher Subjektivität gelesen, ihr wird jeder Anschein von Unschuld genommen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.11.2023
Rezensent Martin Hartmann sucht erfolglos nach einem Fixpunkt, von dem aus Henrike Kohpeiß den Humanismus als Ganzes kritisiert. Er schätzt er den Versuch der Autorin zu "entlarven und abzuräumen", indem sie die bürgerliche Selbstkritik als 'zahnlos' entlarvt: auch sie ist nur eine Ware, die, zur leeren Routine geworden ist und letztendlich keine Veränderung herbeiführt. Keine eindeutige Antwort findet auf die Frage nach Kohpeiß' Sprecherposition: Wie entgeht sie ihrer eigenen "Kritik der Selbstkritik"? Lesenswert findet er Kohpeiß, wenn sie den Blick weitet auf unsere Kälte angesichts der Krisen und Kriege in der Welt und Ansätze der critical race studies diskutiert. Für Hartmann überzeugender als ihre Beschäftigung mit Adorno und dem Begriff des Bürgerlichen, den die Autorin nicht mit neuer Substanz zu füllen vermag, wie er findet.
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