Die urkomische Geschichte "Der dritte Nagel", unlängst auch mit großem Erfolg in Frankreich erschienen, erzählt von einem Mann, der vom besten Brötchenbäcker der Stadt versorgt werden will. Gerade vertrackte Alltagssituationen verführen Kant zu nichtalltäglicher Spottlust und Sprachartistik. Da ist die alte Halsabschneiderin Frau Persokeit, die die Leute allein dadurch das Fürchten lehrt, dass sie sie grüßen lässt. Oder Herr Farßmann, ein Buchhalter wie du und ich. Ironie, Satire und tiefere Bedeutung in Kants Erzählungen gehen verblüffende Allianzen ein.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.08.2011
Einen DDR-Wiedergänger, der klug genug ist zu schweigen, erkennt Sabine Brandt in dem Autor, der einst hohe Ämter im Arbeiter- und Bauernstaat innehatte und dennoch oder gerade drum frech das eigene Nest beschmutzen durfte, ohne weiter dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Die vorliegenden elf Geschichten Hermann Kants versucht Brandt zunächst auf irgendeine Aktualität, auf eine neue Botschaft hin abzuklopfen, schließlich war vom Autor lange nichts zu lesen gewesen. Brandt stellt fest: Nahezu alle Erzählungen wurden bereits veröffentlicht, die meisten schon zu DDR-Zeiten. Den alten Sachen "neu zu begegnen" macht der Rezensentin allerdings so viel Spaß, dass sie dem Autor nur gratulieren möchte: Zu ebenso sprachsicheren wie komischen, ja kritischen Geschichten und zu seinem 85. Geburtstag.
Jens Jessen versucht sich gekonnt an dem Balanceakt, den umstrittenen Schriftsteller, ehemaligen SED-Funktionär und Vorsitzenden des DDR-Schriftstellerverbandes in literarischem Licht zu betrachten. Dass Hermann Kant mindestens zwei exemplarische und kanonische Romane der deutschen Literatur verfasst hat, daran besteht für Jessen kein Zweifel. Auch im aktuellen Band, der Erzählungen aus fünfzig Jahren bündelt und neu arrangiert, erkennt der Rezensent die an der amerikanischen Kurzgeschichte geschulte und die der DDR-Zensur geschuldete Kunstfertigkeit der doppelbödigen Verdichtung von Andeutungen und Bedeutungen wieder, mit der es Kant auf "literarisches Weltniveau" gebracht hat. Mit der historischen Erfahrung von heute zeigt sich, dass der doppelt eingezogene Boden keine Korrekturen erforderlich macht, ihm wohnt vielmehr ein dialektischer Umschlag inne (etwa in der Erzählung "Bronzezeit" von 1986), der vom Autor vielleicht gar nicht einmal beabsichtigt ist, als auch das poetologische Spiel mit den Leseerwartungen (wie in "Gold" von 1962), die nicht erfüllt werden, so der Rezensent.
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