Fassungslos blickte 2015 die Weltöffentlichkeit nach Palmyra - die antike Ruinenstadt war der Terrororganisation IS in die Hände gefallen. Der uralte Baaltempel, das heilige Zentrum zahlloser Kulturen, wurde gesprengt. Doch ist Kulturzerstörung keine Erfindung der Gegenwart. Sie zieht sich wie ein blutiges Band durch die Jahrtausende. Hermann Parzinger schreitet die Horizonte der Barbarei ab, erzählt die Geschichte vernichteter Kulturschätze und hält ein fulminantes Plädoyer für den Schutz des Menschheitserbes und der künstlerischen Freiheit. Seine Tour d´Horizont führt ihn von der Tilgung der Erinnerung im Alten Ägypten und den Großreichen Mesopotamiens über die Zerstörung des Tempels von Jerusalem durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. weiter durch die Bilderstürme der Reformation und der französischen Revolution bis hin zu den Verheerungen des europäischen Kolonialismus, dem Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus und darüber hinaus bis in unsere Tage. Immer wieder wird deutlich, dass gezielte Verwüstungen und Plünderungen von traditions- und identitätsstiftenden Kulturgütern auch Ausdruck eines neuen Deutungs- und Herrschaftsanspruchs waren.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.04.2021
Der hier rezensierende Kulturwissenschaftler Thomas Macho liest Hermann Parzingers Kulturgeschichte der Zerstörungen so interessiert wie bestürzt. Schon dass der Archäologe und Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sich in seiner exemplarischen Analyse nicht nur auf die Vernichtung von Bauwerken, Bildern und Monumenten konzentriert, sondern auch die Auslöschung der Erinnerung an bestimmte Personen - von Echnaton bis Stalin - miteinbezieht, verbucht der Kritiker als Gewinn. Macho folgt hier Parzingers Ausführungen zu den unterschiedlichen Motiven der Zerstörungen, neben Geltungssucht untersucht der Autor politische und religiöse Motive vom Altertum über die Französische Revolution bis hin zu den islamistischen Ikonoklasmen, etwa in Palmyra, resümiert der Rezensent. Auch wenn Parzinger im zweiten Teil des Buches ausgiebig auf die Frage von Kulturzerstörungen im weiteren Sinne eingeht, vermisst der Kritiker hier dennoch eine Bewertung der Frage zum Umgang mit Raubkunst.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 30.03.2021
Rezensent Mark Terkessidis nutzt seine Besprechung für eine Generalabrechnung mit Hermann Parzinger: "Umstritten" nennt er den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz - und entsprechend rezensiert er auch dessen Buch über die Kulturzerstörungen vom Alten Orient bis in die Gegenwart. Wenn Parzinger ihm hier alle Erscheinungsformen des Ikonoklasmus von den frühen Tempelzerstörungen über die reformatorischen Vernichtungen bis hin zu den Zerstörungen durch den Nationalsozialismus anhand von Bauwerken, Bibliotheken, Statuen, Fresken, Büchern, Gemälden oder Denkmälern vorführt, stört sich der Kritiker vor allem daran, dass Parzinger Kulturerbe als "materialisierte Geschichte" versteht. "Kulturerbe" sei allerdings keineswegs "objektiv und neutral", entgegnet der Rezensent. Dass der Autor darüber hinaus zwar auch auf spanische und britische Eroberungen eingeht, deutschen Kolonialismus im Buch allerdings eher meidet, kreidet Terkessidis ebenfalls an. Dass Kolonialismus zudem nicht nur ein "Angriff auf Kunstgegenstände", sondern auch auf die "Lebensweise" der Personen in den Kolonien ist, gibt Terkessidis Parzinger ebenfalls mit auf den Weg. Für den Kritiker ist nach diesem Buch in jedem Fall klar, weshalb ein Großteil der deutschen Kulturbürokratie die aktuellen Konflikte nicht versteht.
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